05.12.2017
Erschienen in: 07/ 2011 Klassiker der Luftfahrt

Seltene Prototypen der BundeswehrWehrtechnische Studiensammlung Koblenz

Die Wehrtechnische Studiensammlung in Koblenz bietet eine der größten technischen Kollektionen Deutschlands und verfügt auch über seltene Fluggeräte.

Technikfreunde kommen in Koblenz auf ihre Kosten: Auf 7200 Quadratmetern dokumentiert die Ausstellung die nationale und internationale Wehrtechnik von ihren Anfängen bis heute. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Material der Bundeswehr. Dabei handelt es sich aber nicht um ein Museum: „Unsere Aufgabe ist die Darstellung der technischen Entwicklung“, sagt Lothar Simon, Technischer Leiter der Institution. Die Einrichtung ist Teil des ebenfalls in Koblenz beheimateten Bundesamts für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB), das in seinen Wehrtechnischen Dienststellen - wie etwa für den Luftfahrtbereich der WTD 61 in Manching - jeweils neues Gerät für die Bundeswehr erprobt. Daher hat die Wehrtechnische Studiensammlung (WTS) Zugriff auf die verschiedensten Prototypen, die sonst nirgends zu sehen sind. Teilweise dürfen sie sogar aus Geheimhaltungsgründen noch nicht in Koblenz ausgestellt werden.

Die Exponate sind nicht demilitarisiert, wie Simon erklärt. „Wir sind eine Studiensammlung, kein Museum. Ich versuche, alles komplett und funktionsfähig zu halten.“ Da dies in der Ausstellung nicht immer möglich ist, besitzt die WTS von wichtigen Geräten weitere Exemplare in verschiedenen Depots in Deutschland. Die Aus- und Fortbildung dient vor allem der Darstellung der Vor- und Nachteile der jeweiligen Geräte und richtet sich hauptsächlich an Ingenieure des BWB sowie an Techniker der Bundeswehr und der Industrie. Daher muss das Personal immer auf dem neuesten Stand sein und hat Zugriff auf die jeweiligen Erprobungsberichte. Die Sammlung leistet aber auch einen Beitrag zur Vorbereitung von Auslandseinsätzen wie etwa in Afghanistan. Allein im vergangenen Jahr kamen knapp 100 entsprechende Anfragen nach Waffen, auf die man eventuell im Einsatz stoßen könnte.

Die WTS wurde ursprünglich 1962 in Meppen eingerichtet. Nach dem Umzug nach Koblenz im Jahr 1982 kann auch die Öffentlichkeit die zahlreichen Exponate besichtigen. Pro Jahr verzeichnet die Sammlung rund 30000 Besucher, die Hälfte davon kommt zu offiziellen Studienzwecken.

Besonders beeindruckend in der großen Ausstellungshalle sind die VFW-Fokker VAK 191 B und der Lockheed F-104G Starfighter CCV (Control Configured Vehicle). Bei der VAK 191 handelt es sich um den zweiten Prototyp des Senkrechtstarters, der per Lufttransport als Außenlast einer Sikorsky CH-53G nach Koblenz kam. Der Starfighter diente Versuchen mit einer digitalen Flugsteuerung und absolvierte seinen Erstflug am 20. November 1980 in Manching. Ein zweites Höhenleitwerk auf dem Rumpfrücken machte das Flugzeug aerodynamisch instabil, so dass das Fly-by-Wire-System die Steuerung entsprechend beeinflussen musste. Das Programm wurde 1984 nach 176 Testflügen erfolgreich abgeschlossen und lieferte wichtige Erkenntnisse, die später der Entwicklung der Flugsteuerung des Eurofighters zugute kommen sollten.

Seltene Senkrechtstarter

kl 07-2011 Museum Koblenz (01)

Links im Bild die F-104G als CCV-Forschungsflugzeug, daneben der Senkrechtstarter VAK 191 B. Im Vordergrund steht eine MiG-21, dahinter der dritte Prototyp des Alpha Jets. Foto und Copyright: Hoeveler  

 

Neben diesen beiden Meilensteinen der deutschen Luftfahrttechnik ist auch das Schwebegestell SG 1262 zu sehen, das VFW zur Erprobung des Hubtriebwerks Rolls-Royce RB108 sowie eines entsprechenden Flugsteuerungssystems in den 60er Jahren eingesetzt hatte. In den Vitrinen im Hauptgebäude finden sich zudem zahlreiche Avionikexponate aus den Bereichen Flugregelung und Kreiseltechnik der deutschen Senkrechtstarter. Andere Ausrüstungsgegenstände wie Bordwaffen, Kameras, Funkgeräte (sogar schon eines aus dem Eurofighter) oder Sichtsysteme sind ebenfalls vorhanden, bis hin zu einem Exemplar der Vertikalen Bordwaffe VBW von MBB, welche die WTD 61 in den 80er Jahren an einem Alpha Jet getestet hatte.

In der Halle zwischen den Flugzeugen sind zahlreiche Triebwerke, Flugkörper und Drohnen wie die mit einem Blattspitzenantrieb ausgerüstete Dornier Do 34 Kiebitz angeordnet. Aus Frankreich stammen die Dassault Mirage IIIC und der Transporter Nord Noratlas, die im Tausch vom Musée de l’Air in Le Bourget nach Koblenz kamen. Zu den ehemaligen Beständen der NVA gehören die Mikojan MiG-21bis SAU und die MiG-23BN. Die MiG-21 diente beim Jagdfliegergeschwader 8 in Marxwalde und wurde im April 1991 zur WTD 61 nach Manching transferiert. Alle Exponate befinden sich in einem sehr guten Zustand. Die gezeigte Mil Mi-24 beispielsweise sieht aus, als ob sie gleich zum nächsten Einsatz starten könnte. Auch sie wird noch für Studienzwecke herangezogen: Vor kurzem hatte eine Firma den Kampfhubschrauber für die Entwicklung intelligenter Munition per Laser gescannt und so ein dreidimensionales Bild erzeugt.

An neuen Exponaten mangelt es theoretisch nicht, doch das begrenzte Platzangebot verhindert größere Neuzugänge. So musste die WTS einen Panavia Tornado ablehnen, stattdessen soll ein Rumpfvorderteil einer McDonnell Douglas F-4F Phantom II in die Sammlung aufgenommen werden. Gleichzeitig befinden sich eine Focke-Achgelis Fa 330 Bachstelze und die verbleibenden Teile eines Fritz-X-Flugkörpers in der Restaurierung im Luftwaffenmuseum in Berlin-Gatow. Bereits in Koblenz zu sehen ist eine Gleitbombe Henschel HS 293. Aus Platzgründen lagern dagegen die Hubschrauber Bell UH-1D und Bo 105 in einem Depot.

Leider bleibt die WTS nicht von Einsparmaßnahmen verschont. Bisher wurden bereits mehr als die Hälfte der Dienstposten auf nun zehn Stellen gestrichen, und der Fortbestand als öffentlich zugängliche Ausstellung scheint in Frage gestellt. Geldmittel für den geplanten Umzug zu einem neuen Standort auf Bundesgelände - im ehemaligen technischen Bereich der Fritsch-Kaserne in Koblenz – dürften frühestens ab 2020 verfügbar sein. Die Übergabe der Exponate an das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden ist kein Thema, so dass die interessante Sammlung auf absehbare Zeit in Koblenz bleibt. Ein Besuch lohnt sich, zudem neben den luftfahrttechnischen Geräten unter anderem eine Vielzahl von Fahrzeugen, Ausrüstungsgegenständen und sogar ein Mini-U-Boot vom Typ Seehund zu sehen sind.

Museumsinfo

Wehrtechnische Studiensammlung Koblenz

Adresse: Wehrtechnische Studiensammlung, Mayener Straße 85-87, 56070 Koblenz
Telefon: 0261-400-1423
Internet: www.bwb.org/wts
Öffnungszeiten: täglich von 9.30 bis 16.30 Uhr (Rosenmontag und vom 24. Dezember bis 1. Januar geschlossen)
Eintritt: drei Euro (Für Soldaten und Angehörige der Bundeswehrverwaltung mit Dienstausweis ist der Eintritt frei.)
Fotomöglichkeit: Fotografieren ist für rein private Zwecke erlaubt.

Flugzeuge:

Dassault Mirage IIIC
Dassault Dornier Alpha Jet (Prototyp)
Fiat G91 R/3
Lockheed F-104G CCV
Mikojan MiG-21bis SAU, MiG-23BN
Mil Mi-24
Nord Noratlas
Sud Alouette II
VFW-Fokker VAK 191 B

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 07/2011



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