13.11.2017
Erschienen in: 06/ 2011 Klassiker der Luftfahrt

Britische MeilensteineScience Museum London

Im Herzen Londons präsentiert das Science Museum eine eindrucksvolle Sammlung seltener Flugzeuge. Hier finden sich unter anderem die Vickers Vimy, mit der die erste Atlantiküberquerung gelungen ist, und das erste britische Strahlflugzeug.

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Ähnlich dem Deutschen Museum in München präsentiert das bereits 1857 gegründete Science Museum in London eine breit gefächerte und eindrucksvolle Sammlung aus den Bereichen Wissenschaft und Technik. Da darf natürlich die Luftfahrt nicht fehlen. Im dritten Stock widmet sich die Flugabteilung wichtigen Meilensteinen vor allem der britischen Geschichte. Beeindruckend ist unter anderem die Sammlung von Flugmotoren und anderer Ausrüstungsgegenstände, die Highlights sind aber die einzigartigen Flugzeuge. Am Eingang der Kollektion begrüßt den Besucher unter anderem ein originalgetreuer Nachbau des Wright-Flyer von 1903. Ein besonderer Schatz ist das Roe Triplane aus dem Jahr 1909. Entworfen hatte es Alliot Verdon Roe, der erster Brite, der mit einem britischen Flugzeug flog, der Roe I am 13. Juli 1909.

Als Schnittmodell ist eine Fokker E III zu sehen. Der Eindecker wird ohne Bespannung gezeigt, um die internen Strukturen zu verdeutlichen. Er hatte die Fertigung bei Fokker in Schwerin im März 1916 verlassen und wurde mit der Eisenbahn in Richtung Front transportiert. Der Einsatz währte allerdings nur kurz, denn nach nur einer Woche im Dienst verflog sich der Pilot und landete auf feindlichem Gebiet. Nach Kriegsende kam die E III in die Sammlung des Science Museum und stellt heute das einzige erhaltene Exemplar des berühmten deutschen Jägers dar.

Stolz ist das Museum auch auf die Vickers Vimy, mit der John Alcock und Arthur Witten Brown im Juni 1919 den ersten Nonstop-Flug über den Atlantik durchführten. Sie waren am 15. Juni 1919 in Neufundland gestartet und 16 Stunden später in Irland gelandet. Eine noch größere Distanz legte die de Havilland Gipsy Moth „Jason I“ mit Baujahr 1928 zurück. Mit dem Doppeldecker führte Amy Johnson im Jahr 1930 als erste Frau einen Alleinflug von Großbritannien nach Australien durch. Die fast 18000 Kilometer lange Reise führte sie in 20 Tagen von Croydon nach Darwin.

Aber auch die Jagd nach immer höheren Geschwindigkeiten wird im Museum behandelt. Das elegante Schwimmerflugzeug S6B war das letzte Rennflugzeug von Supermarine und wurde von Reginald Mitchell, dem Vater der Spitfire, konstruiert. Er modifizierte zwei Exemplare auf Basis der S6 für das Schneider-Rennen von 1931, und das mit Erfolg: Die heute in London zu sehende Maschine mit der Kennung S1595 gewann die begehrte Trophäe. Wenige Tage später, am 29. September 1931 stellte das Schwesterflugzeug S1596, dessen Verbleib bis heute ungeklärt ist, mit 656 km/h einen neuen absoluten Geschwindigkeitsweltrekord auf. Dank ihrer fortschrittlichen aerodynamischen Auslegung gilt die S6B als Wegbereiter für die spätere Spitfire. Der legendäre Jäger ist gleich zweifach in der Sammlung des Science Museum vertreten und bekam sogar eine eigene Sonderausstellung. „Inside the Spitfire“ soll den Besuchern die Technik des berühmtesten britischen Jägers verdeutlichen. Zu diesem Zweck zerlegte die Aircraft Restauration Company in Duxford die Spitfire F22 mit der Kennung PK664 in die wichtigsten Einzelkomponenten. Die Maschine gehört zum Bestand des Royal Air Force Museum und lässt sich natürlich wieder problemlos montieren.

In komplettem Zustand findet sich dagegen ein Exemplar der Hawker Hurricane Mk I. Die Royal Air Force hatte das Flugzeug mit der Kennung L1592 während des Zweiten Weltkriegs über Dünkirchen und in der „Luftschlacht um England“ eingesetzt. Noch während des Krieges lagerte man den Jäger für spätere museale Zwecke ein. Anfang der 60er Jahre kam er nach South Kensington. 

Einen wichtigen Meilenstein stellt die Gloster E28/39 dar, mit der Testpilot Gerry Sayer am 15. Mai 1941 zum ersten Flug eines britischen Jets abgehoben war. Das von Frank Whittle entworfene Triebwerk Power Jets W1 ist ebenfalls zu sehen. Power Jets war übrigens die von Whittle zur Entwicklung von Strahltriebwerken gegründete Firma, die 1945 im Royal Aircraft Establishment in Farnborough aufgegangen ist - nicht zu verwechseln mit PowerJet, dem heutigen Gemeinschaftsunternehmen von NPO Saturn und Snecma, das für das SaM146-Triebwerk des Superjet-Regionalflugzeugs von Suchoi verantwortlich ist. 

In der Sammlung findet sich mit der Messerschmitt Me 163 ein weiteres deutsches Flugzeug. Der Raketenjäger trägt die Werknummer 191316 und wurde bei Kriegsende von den Briten erbeutet und über den Ärmelkanal gebracht. Ebenfalls im Science Museum zu sehen sind die „Vergeltungswaffen“ Fi 103 und A4 aus dem Zweiten Weltkrieg.

Natürlich darf auch der in Großbritannien beliebte Harrier beziehungsweise sein Vorgänger nicht fehlen. Bei der gezeigten Maschine mit der Kennung XP831 handelt es sich um den ersten Prototyp der Hawker P1127, der am 21. Oktober 1960 den ersten Senkrechtstart absolviert hat. Stellvertretend für moderne Verkehrsflugzeuge steht ein Rumpfquerschnitt einer Boeing 747, die früher für Japan Air Lines flog. 

Interessante Flugzeuge finden sich auch in der Sonderausstellung „Making of the Modern World“. Der erste britische Senkrechtstarter Short SC1 diente der Erprobung der RB-108-Hubtriebwerke von Rolls-Royce. Zuvor hatte der britische Triebwerkshersteller mit einer, das „fliegende Bettgestell“ genannten Vorrichtung im Jahr 1954 das Funktionieren von Strahltriebwerken für den Senkrechtflug nachgewiesen. Das „Flying Bedstead“ ist ebenfalls in London zu sehen.

An der Decke hängt eine Lockheed 10B Electra, die unter anderem für Eastern Airlines flog und einige Zeit in Wroughton verbracht hat. Ähnlich wie in München gibt es auch bei den Briten eine Außenstelle für größere Ausstellungsstücke wie eine de Havilland Comet oder eine Lockheed Constellation. Allerdings ist das Lager in Wroughton bis auf wenige Ausnahmen nicht öffentlich zugänglich. So bleibt zu hoffen, dass das eine oder andere Exemplar für eine künftige Ausstellung noch den Weg nach London findet.


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Patrick Hoeveler
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