10.01.2017
Erschienen in: 01/ 2017 Klassiker der Luftfahrt

Flugzeuge statt TulpenAviodrome in Lelystad

Wer in die Niederlande reist, träumt von kleinen, romantischen Städtchen, von Binnenmeeren und Kanälen, vom Paradies für Segler und Motorbootskipper, und an Käse und Tulpen denkt er natürlich auch. Flieger haben da andere Träume! Diese können besonders beim Besuch des Aviodrome in Lelystad in ERfüllung gehen.

Lelystad, die Hauptstadt der Provinz Flevoland, erst 1967 gegründet und entsprechend kühl konzipiert, liegt am östlichen Ufer des Ijsselmeeres und steht wohl eher selten auf der Besichtigungsliste von Touristen. Wäre da nicht der Luchtvaart-Themapark Aviodrome, der auf 6000 Quadratmetern Fläche über 85 Flugzeuge und Exponate präsentiert. Hangar 1 zeigt überwiegend Fluggeräte, die eng mit den Namen Fokker und KLM verbunden sind. Im Hangar 2 werden Fliegerraritäten repariert, gewartet oder ganz neu aufgebaut. Flughafenfeeling kommt schon beim Betreten des Museums auf. Der Besucher wird durch einen Check-in geschleust, und ab der Tafel „Ingang Museum“ gut ausgeschildert zunächst durch die Historie geführt. Die Fokker C.1 Spin (Spinne) ist das erste bedeutende Exponat und Anthony Fokkers erste Konstruktion, gebaut 1911 bei den J. Goedecker Flugmaschinen-Werken in Berlin-Johannisthal. Das preußische Kriegsministerium bestellte 1912 drei Maschinen dieses Musters, um sie als unbewaffneten Aufklärer einzusetzen. Zwei mächtige, achtsitzige Fokker-F.VII- und Fokker-F.VIIa-Passagierflugzeuge der KLM aus dem Jahr 1925 zeigen in der nächsten Sektion beeindruckend die Fortschritte im Flugzeugbau innerhalb von nur 13 Jahren.

Wurde die Fokker F.VII  noch mit dem 225 PS starken Reihen-Zwölfzylinder-Motor Rolls-Royce Eagle ausgerüstet, erhielt die Version F.VIIA den stärkeren Neunzylinder-Sternmotor Bristol Jupiter mit 450 PS. Cockpit und Kabine wurden restauriert und sind für Besucher auf Anfrage zugänglich. Setzt man den Rundgang fort, landet man in einem Weltkrieg-I-Szenario. Ein Nieuport-11-Einsitzer verfolgt eines der wohl berühmtesten Jagdflugzeuge aus Fokkers Konstruktionsbüro, den Fokker Dr I Dreidecker, geflogen unter anderem von den Fliegerassen Oswald Boelcke und Manfred von Richthofen. Mit einem nur 110 PS starken Gnome-Rhone-Umlaufmotor war die Dr I nicht sonderlich schnell, aber aufgrund ihres Flügelprofils enorm wendig, und „sie steigt wie die Affen“, so ein Zitat von Manfred von Richthofen. Nicht ganz so populär, aber nicht minder erfolgreich war die Fokker  C.VD – ein zweisitziges Jagdflugzeug, bestückt mit einem 450-PS-Hispano-Suiza, das nicht nur von der niederländischen Luftwaffe, sondern auch von den Deutschen noch bis 1944 an der Ostfront als Nachtjäger eingesetzt wurde.

Bei der Schweizer Luftwaffe stand es sogar noch bis 1954 im Dienst. Das Thema „Die Niederlande im Zweiten Weltkrieg“ wird in der sich anschließenden Abteilung behandelt. Eine umfassende Fotodokumentation, informative Showkästen, Filme mit Interviews von Zeitzeugen, eine original Junkers Ju 52/3m beim Absetzen von Fallschirmjägern und das Cockpit eines North-American-B-25-Bombers dokumentieren diese düstere Zeit.  Betritt man nun die Haupthalle, muss der Betrachter zunächst seine Sinne sortieren. Dicht verschachtelt, steht er gleich vor zwei Großflugzeugen, einer Lockheed 749 Constellation von 1948 und einer Douglas DC-3, beide geflogen für die KLM und auch von innen zu besichtigen. Weiter führt der Rundgang zum Prototyp der Fokker F-27 Friendship, diversen Trainern wie der Fokker S-11 und Fokker S-12. Eine wirkliche Rarität ist der zweisitzige Mach-Trainer Fokker S-14, das erste in den Niederlanden gebaute Strahlflugzeug, Erstflug 1951. Es wurde befeuert von einem Rolls-Royce Derwent mit 1,6 Kilonewton Schub, die das 5532 Kilogramm schwere Flugzeug in maximal 11 125 Metern auf 716 km/h beschleunigte. 20 Exemplare wurden für die Royal Netherlands Air Force gebaut. Auch andere Länder testeten und interessierten sich zunächst für dieses Muster, der Erfolg blieb der S-14 jedoch versagt.

Zwischen den vielen Fokkers sind auch noch andere Exponate zu besichtigen: eine knallgelbe de Havilland D.H. 82A Tiger Moth zum Beispiel, eine North American T-6 Harvard, die Helikopter Sikorsky S-51 Jezebel und Sikorsky S-55, diverse Cockpits mit Originalinstrumentierung und, fast schon etwas versteckt in einer Art Carport, ein Lockheed F-104 Starfighter, der ehemals schnellste Flieger in diesem Museum.
Zum „Selberfliegen“ lädt ein Fokker-100-Flugsimulator ein, in dem Besucher jeder Altersklasse ihre fliegerischen Fähigkeiten realitätsnah testen können. Der Raum zwischen all diesen schönen Flugzeugen ist ausgefüllt mit Motoren und Turbinen, Schnittmodellen und Vitrinen und – schönen alten Autos, die irgendwie durchaus in diese nostalgische Ausstellung passen. Zu den Exponaten, die unter der Decke Platz fanden, gehören diverse Segelflugzeuge und Hängegleiter der frühen Jahre, eine Bo 105 und die immer noch sehr elegante de Havilland D.H. 104 Dove.

Im zweiten Stock befindet sich die Abteilung Weltraum, und es führt der Weg zur Boeing 747 mit Oberdeck, die über eine Passagierbrücke im Außengelände zu erreichen ist. Das Freigelände bietet neben dem Jumbo Jet weitere Highlights. So stehen dort eine Saab AJSH 37 Viggen gleich neben einer MiG-21, in deren Nähe eine viermotorige Douglas C-54A Skymaster und etwas im Hintergrund die Lockheed P-2 Neptune. Auf dem Gelände in Lelystad gibt es ein original nachgebautes Flughafengebäude von Amsterdam-Schiphol aus dem Jahr 1928, in dem das Aviodrome bis 2003 seinen ersten Standort hatte.

Fazit: Ein Besuch des Aviodrome – eine halbstündige Bahnfahrt von Amsterdam entfernt – lohnt sich; Kinder sind hier besonders willkommen. So gibt es speziell für sie lehrreiche Modelle und Simulatoren, bei denen sie in kurzer Zeit verstehen, wie und warum ein Flugzeug fliegt.

Museumsinfo

Museumsinfo

Adresse: Luchtvaart-Themapark Avio­drome, Pelikaanweg 50, 8218 PG Luchthaven Lelystad, Flevoland
Telefon: +31 0900-0200
Website: www.aviodrome.nl
Öffnungszeiten: täglich geöffnet von 10 bis 17 Uhr; geschlossen am 17., 24. und 26. Oktober, sowie am 2. Januar
Eintritt: Erwachsene 16,95 €, Kinder unter 3 Jahren gratis , Kinder bis 11 Jahren 14,95 €, Onlinetickets sind 2 € vergünstigt, Kombitickets mit der Eintrittskarte zur Bataviawerf (Schiffsmuseum) 19,95€
Ausstellungs-Highlights: Boeing 747, Douglas DC-2, Douglas DC-3, Douglas C-54A Skymaster, Lockheed Super Constellation, Wright Flyer A, Spyker V.2, Nieuport 11 C1, Junkers Ju 52, Fokker Spin C, Fokker, F.VIIa, Fokker Dr I,  Fokker 100, Fokker C.V-D, Noorduyn Norseman, Grumman S-2F Tracker, Saab Viggen, historische Abfertigungsgebäude des Flughafens Amsterdam-Schiphol

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 01/2017

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Rainer Herzberg
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