02.11.2017
Erschienen in: 04/ 2012 Klassiker der Luftfahrt

Unerwartetes TalentVickers Warwick - Vom Bomber zum Rettungsflugzeug

Noch vor dem Beginn der Serienproduktion war klar, dass die Vickers Warwick für die ihr zugedachte Rolle als schwerer Bomber ungeeignet war. Bewähren sollte sich die Zweimot auf unerwartete Weise trotzdem: als Retterin für Flugzeugbesatzungen, die fern der Küste notwassern mussten.

Als ab 1935 der Typ 284 auf den Reißbrettern von Vickers-Armstrong Gestalt annahm, konnte es an seiner Zweckbestimmung keinen Zweifel geben: Das neue Muster sollte eine Waffe sein, ein schwerer Bomber, der mit seiner Bombenlast Tod und Zerstörung bringt. Einen bleibenden Eindruck hinterließ das als Vickers Warwick bekannte gewordene Flugzeug jedoch durch die Rettung von Menschenleben. Zu dieser ehrenvollen Aufgabe kam es dank einer neuartigen Erfindung, eines hochseetüchtigen Boots, das an Fallschirmen über dem Meer abgeworfen wurde. Das mit Überlebensausrüstung bestückte Boot verhalf den Besatzungen notgewasserter Flugzeuge zu einer realistischen Chance, auch unter schwierigsten Bedingungen eine rettende Küste zu erreichen.

Bei der Konstruktion der Warwick – seinen Beinamen erhielt der Bomber nach einer historischen Stadt in Mittelengland – konnte davon keine Rede sein. Die maßgebliche Ausschreibung aus dem Jahr 1935 forderte einen schweren Bomber mit zwei Motoren zu je 1000 PS, der 2000 lbs (907 kg) Bombenlast bei einer Geschwindigkeit von 315 km/h über eine Distanz von 2415 Kilometer tragen sollte. Dies waren eher unambitionierte Vorgaben: Die Wellington, die im Sommer 1936 erstmals flog, konnte die doppelte Bombenlast befördern, hatte eine Reichweite von 4100 Kilometern und erzielte eine Geschwindigkeit von 378 km/h. Dabei besaß die Wellington auch nur zwei Motoren des Typs Bristol Pegasus mit je 1050 PS.

Vickers konstruierte die Warwick parallel zu der letzten Version der Wellington. Die Anforderungen für diesen Bomber waren bereits 1932 formuliert worden, es dauerte aber vier Jahre, bis der erste Prototyp flugfähig war. Seinen Erstflug hatte er im Juni 1936. Der Prototyp erfüllte die Erwartungen jedoch nicht, und Vickers nahm eine überarbeitete Version in Angriff, die Wellington Type 285 Mark I. Der Prototyp der Warwick erhielt die Typennummer 284.

In struktureller Hinsicht war die Wellington eine verkleinerte Warwick, so dass beide Muster weitgehend baugleich waren. Das gilt insbesondere für die spezielle Struktur von Rumpf- und Flügeln in sogenannter geodätischer Bauweise, die aus dem Luftschiffbau abgeleitet war. Dabei wurden Leichtmetallstäbe diagonal zu einer Gitterstruktur zusammengefügt und mit Stoff bespannt. Der entscheidende Vorteil dieser Bauweise war die große Festigkeit bei vergleichsweise geringem Gewicht. Damit besaß die Warwick, wie sich während des Krieges zeigen sollte, eine ausgeprägte Widerstandsfähigkeit gegenüber Geschosseinschlägen. Ein Nachteil dieser Bauweise war der damit verbundene hohe Arbeitsaufwand.

Die Entwicklung der Warwick bis zur Serienreife wurde durch Probleme bei der Motorisierung stark gebremst. Ein erster Entwurf vom Juli 1935 sah zwei Bristol-Hercules- Motoren vor. Die Firma Vickers erhielt daraufhin den Auftrag für den Bau eines Prototyps, der allerdings erst im August 1939 erstmals flog. Er ging auch nicht mit den Bristol-Motoren an den Start, sondern mit zwei Vulture-Reihensternmotoren von Rolls-Royce mit je 24 Zylindern. Der komplex aufgebaute Motor brachte jedoch weniger Leistung als gedacht und erwies sich zudem als sehr unzuverlässig. Ein zweiter Prototyp mit anderen Motoren wurde daher in Auftrag gegeben. Er flog erstmals im April 1940 mit zwei Bristol-Centaurus-Doppelsternmotoren. Hoffnungen, den wassergekühlten Sabre-Motor der britischen Firma Napier & Son verwenden zu können, erfüllten sich nicht. Der hochentwickelte 24-Zylinder-H-Motor kam für die Warwick zu spät und blieb dann den Jagdflugzeugen vorbehalten.

Zu dem Zeitpunkt des Erstflugs des zweiten Prototyps war klar, dass die neuen viermotorigen Muster die Bomberrolle weitaus besser erfüllen würden. Trotzdem erhielt Vickers Anfang 1941 einen Auftrag über 150 Warwick Mk I mit Pratt & Whitney- Motoren und 100 Mk II mit Centaurus-Motoren. Es wurden aber nur 16 Mk I und eine Mk II gebaut.

Es zeigte sich, dass die Warwick untermotorisiert war und ein problematisches Flugverhalten hatte, insbesondere im Einmotorenflug. Der Pratt & Whitney-Double-Wasp-Motor der frühen Warwick-Versionen war zudem sehr störungsanfällig. Der Bristol Centaurus zeigte bessere Leistungen, aber die Defizite im Flugverhalten konnten nie behoben werden.

Dennoch erreichte die Warwick eine größere Stückzahl, denn im Januar 1943 fiel die Entscheidung, das große zweimotorige Flugzeug in der Seenotrettung einzusetzen. Die ASR-Ausführung (Air-Sea Rescue) sollte die wichtigste Version während des Zweiten Weltkriegs werden, 369 Exemplare wurden gebaut. Weitere 328 Flugzeuge wurden als Aufklärer für das Costal Command produziert und 114 als Transporter. Insgesamt baute Vickers 845 Flugzeuge.


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