10.09.2018
Klassiker der Luftfahrt

Der erste V-Bomber der Royal Air ForceVickers Valiant: Der Vorreiter

Als erster Vertreter der berühmten britischen V-Bomber steht die Vickers Valiant noch heute im Schatten ihrer spektakulären Brüder Victor und Vulcan. Dabei vollbrachte das Vickers-Produkt viele bedeutende Leistungen.

Anfangs sah es nicht gut aus für den ersten so genannten „V-Bomber“ der Royal Air Force (RAF). Vickers hatte genauso wie English Electric für die Spezifikation B.35/46 von Januar 1947 für einen neuen Jetbomber mit Nuklearbewaffnung einen recht konventionellen Entwurf vorgelegt. Obwohl er damals neue, gepfeilte Tragflächen aufwies, blieb er zunächst erfolglos. Die Konkurrenz wartete mit exotischeren und viel versprechenderen Designs mit Delta- und Sichelflügel oder gar einer Nurflügelkonfiguration auf. Letztere Anordnung bei Shorts und Armstrong-Whitworth fiel aus dem Wettbewerb, weil sie dann doch zu futuristisch anmutete. Das Rennen machten schließlich die Avro 698 (spätere Vulcan) und die Handley Page HP.80. Aber aufgrund der Ungewissheiten wollte die militärische Führung nicht „alle Eier in ein Nest“ legen, wie es damals hieß. Schließlich konnten die Forscher nicht auf Erfahrungen in Hochgeschwindigkeitswindkanälen oder in der Jet-Höhenforschung zurückgreifen.

Hier kam wieder Vickers-Chefkonstrukteur George Edwards ins Spiel, der sein Projekt Typ 660 als schneller zu realisieren und als risikoloser vermarktete. Die RAF erstellte daraufhin im April 1948 eigens die Spezifikation B.9/48. Edwards griff auf den Entwurf für den ursprünglichen Anforderungskatalog OR.229 (Operational Requirement) für einen Ersatz der Avro Lincoln zurück. Dieser sollte bei einer Reichweite von 5600 km eine 4,5 t schwere Nuklearwaffe aus einer Höhe von 13,7 km bei einer Geschwindigkeit von 925 km/h abwerfen können. Der Konstrukteur änderte lediglich die Tragfläche im Bereich des Flügelwurzelübergangs.

Erstflug von der Graspiste

vickers-valiant-prototyp

Der erste Protoyp der Vickers Valiant besaß noch kleine, geradere Lufteinläufe. Foto: KL-Dokumentation  

 

Es blieb bei einem freitragenden Ganzmetall-Schulterdecker, dessen innere Flügelsektionen stärker gepfeilt waren. Die vier Turbojets Rolls-Royce Avon R.A.3 integrierte Edwards in den Flügel. Die fünfköpfige Besatzung fand in einem druckbelüfteten Abteil Platz. Allerdings besaßen nur die beiden Piloten Mk-3A-Schleudersitze von Martin-Baker. Der Rest der Crew sollte bei einem Notfall aus der seitlichen Tür abspringen. Als neu erweis sich die umfassende Anwendung elektrischer Systeme auf 112-Volt-Gleichstrom-Basis. Es kam nur ein hydraulisches System für Bremsen und Steuerung des Bugfahrwerks zum Einsatz. Ebenfalls als ungewöhnlich galt das Hauptfahrwerk mit je zwei großen Rädern in Tandemanordnung, die nach außen in die Tragfläche einfuhren.

Im Februar 1949 orderte das Ministry of Supply schließlich zwei Prototypen, die aus  Geheimhaltungsgründen nicht in der Fabrik in Weybridge, sondern im etwas abgelegenen Fox Warren entstanden. Von da aus ging es zum Flugplatz Wisley, der zu diesem Zeitpunkt noch über eine Graspiste verfügte. Von dieser hoben Cheftestpilot Joseph „Mutt“ Summers und G. R. „Jock“ Bruce am 18. Mai 1951 mit der WB210 zum fünfminütigen Erstflug ab. Um jedes Risiko zu vermeiden, fuhren sie das Fahrwerk und die Klappen nicht ein. Bereits einige Tage früher, am 20. April, hatte die Regierung vor dem Hintergrund des Koreakriegs fünf Vorserien- und 20 Serienmaschinen bestellt. Im Juni 1951 bekam die Maschine nach einem Wettbewerb unter den Firmenangehörigen den Namen „Valiant“ und wurde noch im selben Jahr auf der Airshow in Farnborough der Öffentlichkeit vorgestellt.

Absturz beim Testflug

vickers-valiant-zweiter prototyp

Die zweite Valiant erhielt vergrößerte Lufteinläufe. Foto: KL-Dokumentation  

 

Einen Rückschlag erlitt das Programm allerdings am 12. Januar 1952. Bei Tests über der Küste kam es zu einem Triebwerksbrand. Die Besatzung verließ das Flugzeug. Nur der Copilot wurde getötet, da sein Schleudersitz nicht richtig funktionierte und er mit dem Leitwerk kollidierte. Trotzdem kam es zu keinen größeren Verzögerungen, weil der zweite Prototyp (WB215) bereits am 11. April 1952 zum Jungfernflug startete. Neun Tage vor dem vertraglich vorgeschriebenen Termin flog auch die erste Vorserienmaschine am 22. Dezember 1953.  Die ersten Auslieferungen der Valiant erfolgten ab Januar 1955 an die 232 Operational Conversion Unit in Gaydon. Am 24. September 1957 lieferte Vickers mit der XD875 die letzte von insgesamt 107 gebauten Maschinen aus. Der Bomber flog bei der 49. und 138. Staffel in Wittering, bei den No. 148, 207 und 214 Squadrons in Marham, bei den Staffeln 7, 90 und 199 in Honington sowie als mit Kameras ausgerüsteter Aufklärer bei der No. 543 Squadron in Wyton.

Der einzige scharfe Einsatz erfolgte während der Suezkrise von Luqa auf Malta aus. Am 31. Oktober 1956 flogen mehrere Valiants und Canberras einen Nachtangriff mit konventionellen Waffen auf ägyptische Flugplätze. Hierzu rüstete die RAF die Valiants mit alten Bombervisieren nach, da die Zielsuchradare noch nicht getestet waren. Die Ergebnisse blieben daher recht bescheiden.

Abwurf der ersten britischen Atombombe

Dafür warf eine Valiant am 11. Oktober 1956 zu Testzwecken die erste britische Atombombe über Maralinga in Australien ab. In der Operation „Grapple“ folgte am 15. Mai 1957 rund 650 km südlich der Weihnachtsinseln im Pazifik die erste Wasserstoffbombe. Der Abwurf aus der Maschine mit der Kennung XD818 erfolgte in 14 km Höhe. Damit blieben der Besatzung 50 Sekunden, um sich aus dem Gefahrenbereich zu entfernen. Im Moment des Ausklinkens musste der Pilot eine schnelle Kehrtwende einleiten und mit maximaler Leistung auf Gegenkurs gehen. Heute steht das Flugzeug als letzte existierende Valiant im RAF-Museum in Hendon.

Aufgrund der allgemein verbesserten Luftabwehr musste sich die RAF mit ihrer Valiant-Flotte Anfang der 60er Jahre auf Tiefflugangriffe verlegen. Daneben flogen mehrere Maschinen als Tanker mit einem System von Flight Refuelling, bei dem der Treibstoff aus einem rund 2000 Liter fassenden Tank im Bombenschacht über eine Schlauchtrommel im Heck zu den Empfängerflugzeugen gelangte. Als erstes britisches Luftbetankungsflugzeug erwies sich der ehemalige Bomber als sehr erfolgreich, bis es am 6. August 1964 zu einem Ermüdungsbruch eines Flügelholms kam. Eine anschließende Untersuchung zeigte Risse bei vielen anderen Exemplaren, so dass im Januar 1965 die Entscheidung fiel, die gesamte Flotte zu verschrotten. Trotzdem bleibt die Valiant aus heutiger Sicht ein Erfolg, auch wenn sie oft im Vergleich zu Vulcan und Victor als einfache Zwischenlösung abgetan wird. Schließlich musste sich Vickers mit Problemen befassen, auf deren Lösungen sich dann Avro und Handley Page stützen konnten. Der Jetbomber entstand innerhalb kürzester Zeit, hatte keine Programmverspätungen und war bei allen Piloten beliebt. George Edwards sagte später: „Es war bei weitem das schwierigste Flugzeug, das ich je entworfen habe. Wir bekamen keine Gnade, weil wir keine verkleinerten Flugmodelle bauen konnten. Der Entwurf musste von Anfang an stimmen.“

FLUG REVUE Ausgabe 01/2005

Mehr Infos zu:
Mehr zum Thema:
Patrick Hoeveler


Weitere interessante Inhalte
Britischer Überschalljäger English Electric Lightning

30.11.2018 - In den 1950er Jahren entwickelte English Electric den ersten britischen Überschalljäger, der in Serie ging. Die vom Versuchsmuster P.1 abgeleitete English Electric Lightning war zugleich der letzte … weiter

Fotodokumente Erkennungszeichen alliierter Flugzeuge während der Invasion 1944

08.11.2018 - Als Schutz gegen eine Verwechslung mit deutschen Flugzeugen trugen alliierte Maschinen während der Invasion in der Normandie im Juni 1944 weiß-schwarze Streifen. … weiter

Heißsporn Blackburn Firebrand

18.10.2018 - Als Jäger geplant, aber als Bomber genutzt: Die Blackburn Firebrand sollte als trägergestützter Jäger eingesetzt werden, war allerdings zu groß und schwer. Die Navy fand allerdings für sie Verwendun … weiter

Mächtiger Donnervogel Avro Vulcan: Der größte Deltabomber der Welt

20.09.2018 - Die 50er Jahre stellten eine Zeit der technologischen Neuerungen dar. Eines der beeindruckendsten Flugzeuge aus dieser Dekade war die Avro Vulcan, deren kraftvolle Eleganz bis heute fasziniert. … weiter

Der Feuerspeier Supermarine Spitfire

12.09.2018 - Die Spitfire gilt als der britische Kultjäger des Zweiten Weltkriegs und wird im Vereinigten Königreich noch heute entsprechend verehrt. Das mit 20 341 Exemplaren (und 2556 der Marineversion Seafire) … weiter


Klassiker der Luftfahrt 01/2019

Klassiker der Luftfahrt
01/2019
26.11.2018

Abonnements
Heft-Archiv
Einzelheft bestellen


- Oscar Bösch: Rammeinsatz mit der Fw 190
- Martin Marietta X-24: Auftriebskörper ohne Flügel
- Zerstörer: Einsatz mit der Messerschmitt Bf 110
- Spoerfliegerei: Die Übernahme des deutschen Luftsports 1933
- Würger 2.0: Jerry Yagens besondere Flug Werk 190