08.12.2017
Klassiker der Luftfahrt

Regionaljet aus DeutschlandVFW 614

Als schneller und wirtschaftlicher Regionaljet sollte die VFW 614, das erste in der Bundesrepublik gebaute Verkehrsflugzeug, den Zubringerverkehr revolutionieren. Managementprobleme und die Rezession der 70er Jahre machten den Ingenieuren aber einen Strich durch die Rechnung.

Die Werbebroschüren von VFW-Fokker könnten auch von heute stammen: Den kleineren Airlines bot das Unternehmen mit der VFW 614 einen modernen, wirtschaftlichen Jet unterhalb der Boeing 737 als Ersatz für Propellermaschinen an. Der 44-Sitzer war für den Zubringerverkehr mit hoher Frequenz ausgelegt und vereinte die Geschwindigkeit eines Düsenflugzeuges mit den Start- und Landeeigenschaften eines Props. Zudem galt er damals als das leiseste jetgetriebene Passagierflugzeug.

Das augenfälligste Merkmal des ersten deutschen Jet-Airliners nach der Baade 152 war die Position der Triebwerke auf den Tragflächen. Das VFW-Entwicklungsteam in Bremen um Dr.-Ing. Rolf Stüssel wählte diese ungewöhnliche Anordnung, um den Einsatz von unbefestigten Flugfeldern aus zu ermöglichen. Sie verringerte die Gefahr des Ansaugens von Fremdkörpern und erlaubte ungeteilte und damit effizientere Landeklappen. Das robuste Fahrwerk mit seinem hoch wirksamen Bremssystem trug ebenfalls zu den guten Kurzstart- und -landeeigenschaften der 614 bei. Als angenehmer Nebeneffekt reduzierte die Triebwerksanordnung auch den Fluglärm am Boden, da die Flügel die Aggregate nach unten hin abschirmten. Ein weiter Vorteil war die geringe Ladehöhe. Dank Hilfsgasturbine und integrierter Zugangstreppe konnte das Bremer Produkt somit autonom operieren. 

Ursprünglich hatten die Ingenieure der Vereinigten Flugtechnischen Werke nämlich ein universell einsetzbares Buschflugzeug projektiert. Mitte der 60er Jahre erschien den deutschen Flugzeugbauern jedoch das Risiko eines auf die Bedürfnisse von Entwicklungsländern zugeschnittenen Transporters in der DC-3-Klasse als zu groß. Die Strategen betrachteten stattdessen den internationalen Luftverkehr. Hier befand sich der Jet im Lang- und Mittelstreckensegment auf dem Vormarsch. Die Bremer erkannten, dass der Einsatzbereich von 150 bis 500 km nicht abgedeckt war, und schätzten den Gesamtbedarf in dieser Marktlücke auf 1100 Einheiten. Sie wollten als erster Hersteller mit einem guten Produkt auf dem Markt sein und rechneten mit einem Absatz von bis zu 330 VFW 614.

Die Konstrukteure optimierten ihren Entwurf daher für Kurzstreckeneinsätze und legten besonderen Wert auf kurze Bodenzeiten, minimale Wartung und einen niedrigen Geräuschpegel. Die für 60 000 Flüge ausgelegte Zelle zeichnete sich daneben durch ihren großen Rumpfdurchmesser aus. Selbst heutige Muster wie den Embraer ERJ 145 schlägt die VFW 614 damit deutlich. So betrug die maximale Kabinenbreite 2,66 m (ERJ: 2,10 m) und die maximale Höhe 1,92 m (ERJ: 1,83 m).

Ab 1966 führte die Werksleitung Verhandlungen über einen Zusammenschluss mit Fokker, um die Vertriebserfahrungen der Holländer mit deren Verkaufsschlager F.27 Friendship zu nutzen. Die Niederländer wollten sich im Gegenzug an den umfangreichen deutschen Militärprojekten beteiligen. Drei Jahre später erfolgte die Gründung des Gemeinschaftsunternehmens Zentralgesellschaft VFW-Fokker mit je 50-prozentiger Beteiligung. Der Programmstart verlief nicht ohne Hindernisse. Das Marketing fiel in den Bereich von Fokker, das jedoch eher die eigene F.28 Fellowship förderte. Hinzu kam 1968 eine Finanzkrise, in der das Programm nur durch massive finanzielle Unterstützung der Bundesregierung gerettet wurde.


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Patrick Hoeveler


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