11.09.2018
Klassiker der Luftfahrt

Über die Sinnlosigkeit, Flugzeuge wieder aufzubauenVerschrotten statt reparieren

Aus der Zeit nach der Übernahme der Funktion des Generalluftzeugmeisters seitens Erhard Milch (zwei Tage nach Ernst Udets Selbstmord) am 19. November 1941, sind zigtausende Seiten Protokolle und Notizen seines alltäglichen Wahnsinns erhalten geblieben. In Reinform läßt sich hier die ungeschminkte Realität des Ministeriums-Tagesgeschäftes nachvollziehen.

Selbst die schleichende Entmachtung Milchs nach der Gründung des Jägerstabes unter der Regie Speers und Saurs hielt Milch nicht davon ab, die Protokolle zu sammeln. Die erfolgreiche Arbeit des Jägerstabes führte Mitte 1944 zu einer erneuten Namensänderung, um die Bomber nicht zu benachteiligen – nunmehr tagte der Rüstungsstab.

Waren zu Milchs Zeiten die anwesenden Besprechungsteilnehmer noch von Rang und Namen, ist über die Sitzungsmitglieder des Rüstungsstabes nur wenig bekannt. Lucht und Mahnke sind altes RLM-Urgestein, während über Diplom Ing. Nobel, Major i.G. Krause und König nichts in Erfahrung zu bringen war.

Im folgenden Auszug (im originalen Wortlaut) aus der Rüstungsstab-Besprechung vom 4. August 1944 unter der Führung von Generalstabs-Ingenieur Roluf Lucht geht es um die Absetzung mehrerer Flugzeugmuster aus der Produktion, die liebe Not mit dem immer knapper werdenden Sprit und der verschwendeten Arbeitsleistung der heimischen Reparaturbetriebe.

Marton Szigeti

König: Ich habe einiges zur Kraftstofflage zu sagen. Statt 18.000 t sind in diesem Monat 10.000 t zur Verfügung gestellt. Wir mußten deshalb folgende Muster streichen, und zwar für Reparatur und Neubau: 177, 352, Do 24, Me 410, Arado 196, TA 154, He 111, sämtliche Muster Ju 52. Und noch immer reicht der Sprit nicht aus. Von der Zelle wurden gestrichen: Ju 90, Fi 156 Storch. Wir könnten der Entwicklung nachträglich 120 t zur Verfügung stellen. Aber für das Einfliegen der Arado 234 sind 150 t gefordert. Wir könnten der gesamten Industrie nicht einmal soviel zur Verfügung stellen. Das würde bedeuten, daß Arado 234 und 003 (das BMW-Triebwerk, M.S.) stillgelegt werden müssen.
Lucht: Ich verstehe nicht, daß vorgestern ein Frohlocken darüber war. Da hat Frydag einen Vortrag gehalten.
König: Das lag an einer Falschmeldung, die die Industrie gemacht hatte. Ich hatte das in einen Topf geworfen. Das war ein Mißverständnis.
Lucht: Dann sind also die optimistischen Ausführungen von Frydag gegenstandslos?
Vertreter Frydag: Jawohl. Leider Gottes.
Lucht: Die Muster, die entfallen würden für die Vorlage in diesem Monat: 177, 352, Do 24. Das ist klar. Me 410 ist noch nicht ganz klar, weil Saur verlangen wollte, daß die bleibt.
Nobel: Herr Lucht, wenn so entschieden wird, daß die 410, 177 usw. nicht mehr eingeflogen werden, dann ist es sinnlos, die Werke anzusetzen und diese Maschinen in großen Stückzahlen reparieren zu lassen. Dann lassen wir die Vögel gleich liegen, wo sie liegen, dann fahren wir sie nicht mehr in die Heimat zurück, wo sie dann zu Hunderten in den Werken herumstehen. Ich weiß überhaupt nicht, wo ich bleiben soll. Das bedeutet, daß die Kapazität von 500 Flugzeugen, die Saur in diesem Monat gewünscht hat, nicht erreicht wird.
König: Die werden wir sowieso nicht erreichen, weil wir das Benzin zum Einfliegen nicht haben.
Nobel: Es ist sinnlos, die Vögel durch ganz Europa zu fahren, an die Werke heranzubringen und dort zu stapeln.
Krause: Ich bin der Auffassung, es ist unsinnig, diese Flugzeuge zu bauen. Die 177-Werke lassen Sie so, wie sie sind, stehen. Dann geben Sie die Arbeitskräfte, die dort sind, an die Ostfront ab zum Schippen usw.

Das Ende der Baumuster 177, 410 und 154

Focke Wulf - Ta 154 V1 -02.jpg

Focke Wulfs Ta 154 war vom Pech verfolgt und wurde aus dem Beschaffungsprogramm gestrichen. Foto: KL-Dokumentation  

 

König: Die Muster 177, 410, Ta 154 sind bereits gestoppt. Die werden nicht mehr weitergebaut. Die Teile, die fertig sind, werden abgestellt; die in der Vorrichtung sind, werden herausgenommen. Das gilt für die drei Muster, für die andern nicht.
Lucht: Es kommen immer noch einzelne montierte Flugzeuge heraus. Die stehen noch herum. Es hat keinen Sinn, an Mustern etwas machen zu wollen, die sowieso nicht mehr mit Benzin versorgt werden können. Der Fall ist klar. Wir würden keine Leute auf der Straße herumstehen lassen.
Nobel: Das bedeutet für mich, daß mit sofortiger Wirkung die Werke Blumenthal, Fürth, Schneidemühl stilliegen.
König: Können Sie da nicht Betriebe aus dem Osten hinlegen?
Nobel: Das kann ich nicht. Man weiß ja, wie es in solchen Fällen zugeht. Die Menschen sind In kurzer Zeit nicht mehr aufzufinden. Das bedeutet für mich, drei Werke stillzulegen, und zwar schon heute. Darüber muß man sich klar sein. Ich muß Bachmann und Blumenthal spontan heute schon stillegen. Ich muß alles stillegen. Es handelt sich hier um eine ganz einschneidende Maßnahme, die wohl überlegt werden muß. Ich habe keine Vögel. Ich habe nicht genug 190. Dabei habe ich sehr viele 190-Maschinen von der Front zurückbekommen. Ich fürchte, daß ich mit meiner Reparatur auf höchstens 500 Maschinen heruntergehen muß.
König: Ich werde darüber mit Frydag sprechen
Nobel: Das ist eine ganz einschneidende Maßnahme; die kann Frydag allein auch nicht entscheiden.
Lucht: 410 geht nicht mehr. 210 geht nicht mehr. 177 auch, und zwar auch in der Reparatur.
König: Auch in der Reparatur. Der Befehl lautet für Neubau und Reparatur. Er ist von Oberst Diesing herausgegeben. 87 wollen wir nicht restlos stillegen.
Lucht: Es handel t sich also um 352, Do 24, Ju 87, Arado 196, Ju 52, He 111.
Krause: Die 87 muß weiterlaufen. Die Sache wird völlig akut.
König: So steht es in dem Befehl drin. Ich hab auch keinen Sprit zugeteilt.
Lucht: Trotzdem können Sie die Ju 87, wo die Mengen nicht so groß sind, bei der Reparatur weiterlaufen lassen.
König: Wir haben keinen Sprit mehr.
Krause: Wenn Sie die Maschinen nicht einfliegen lassen können, so kann ich das nicht ändern. Sie muß aber weiterlaufen.
König: Die Streichung ist erfolgt bei den Mustern 177, 410, Ta 154. Alles andere wird weitergefertigt und nur diesen Monat zurückgestellt.
Nobel: Wir müssen uns nur darüber klar werden: Was geschieht mit den Flugzeugen? Ich bekomme die Maschinen dauernd hergefahren. Dann bleiben sie liegen und verrotten. Was machen wir damit?
König: 410, 177, 154 sind zu verschrotten, wenigstens in der Reparatur.
Lucht: Wie Nobel sagt, wollen wir den Transport nicht mehr belasten. Es wird für diese Flugzeuge bis auf weiteres kein Transport mehr ausgeführt.
Nobel: Jedenfalls müssen Sie darüber eine Entscheidung treffen. In den abgestürzten Maschinen sind Teile, Instrumente usw., die an Ort und Stelle ausgebaut werden müssen. Man kann den ganzen Dreck nicht an Ort und Stelle liegenlassen. Es handelt sich hier um hochwertige Instrumente, die wir in der Reparatur wieder brauchen.

Aus Reparaturbetrieben werden Zerlegebetriebe

FP Detmold - Bf 109 Bruch -001.jpg

Überall im Deutschen Reich standen Reparaturflugzeuge auf den Fliegerhorsten der Luftwaffe herum. Diese Bf 109 wurden Opfer eines Bombenangriffs auf den Fliegerhorst Detmold. Foto und Copyright: USAF  

 

Krause: Zerlegerbetriebe!
Nobel: Wir haben keine besonderen Zerlegerbetriebe. Wir haben Zerlegerbetriebe in den einzelnen Werken, so bei der 190.
Lucht: Wir müssen sehen, wie die Sache weiterläuft. Wenn wir heute etwas ändern und in den nächsten Monaten doch wieder angeigen müssen, so ist das bei den zurückgestellten Maschinen eine katastrophale Angelegenheit. Bei den endgültig gestrichenen Mustern müssen wir sowieso Schluß machen.
Nobel: Das sage ich ja. Es muß eine Organisation geschaffen werden, die die Maschinen ausschlachtet, damit wir die wertvollsten und notwendigsten Instrumente und Waffen herausnehmen können.
Krause: Stellen Sie Reparaturwerke auf Zerlegerbetriebe um.
Nobel: Das kann man nicht von heute auf morgen.
Krause: Die Organisation, die Sie wünschen, Herr Nobel, ist auch nicht von heute auf morgen aufgebaut. Es ist einfacher, überzählige Reparaturwerke umzustellen. Das ist doch leichter.
Nobel: Es hat keinen Sinn, die 177 durch ganz Deutschland zu karren.
Lucht: Diese Dinge haben eine so schwerwiegende Bedeutung, daß man sie nicht übers Knie abbrechen kann. Wir können hier nur folgendes entscheiden: Die Benzinlage können wir nicht ändern. Die Zuteilung von Benzin, wie sie jetzt vorgesehen ist, muß bleiben. Alle Flugzeuge, ganz gleich, ob zurückgestellte oder gestrichene, müssen reparaturmäßig, transportmäßig weiterlaufen bis zur Entscheidung durch Herrn Saur. Ich kann hier keine endgültige Entscheidung treffen; sie ist mir zu wichtig. Es muß entschieden werden, Reparaturwerke in Zerlegerbetriebe und ähnliches umzuschalten und zwar im großen Stil. Die zweite Frage hat Zeit bis übermorgen; sie kann Herrn Saur am Sonntag vorgetragen werden. Jedenfalls hat er sie so katastrophal, wie sie von Ihnen hier geschildert worden ist, nicht angesehen.
Nobel: Also soll ich die 410 sofort stoppen?
Lucht: Nein; zunächst lassen. Nur das Benzin für das Einfliegen bekommen sie nicht. Es bleibt alles beim alten bis Sonntag.
König: Wir haben den Befehl gegeben, an der 410 nicht mehr weiterzuarbeiten. Wir arbeiten zur Zeit nicht daran.
Lucht: Es ist natürlich sinnlos, wenn der Neubau an der 410 nicht mehr arbeitet, die Reparatur an der Maschine weiterarbeiten zu lassen, obwohl wir kein Benzin haben.
Krause: Es ist durchaus sinnvoll und möglich, für die drei Gruppen, die wir noch haben, die Reparatur bei der 410 weiterlaufen zu Iassen. Die Verbände sind vorläufig noch da. Nur der Neubau wird gestoppt.
Lucht: Also Entscheidung am Sonntag durch Herrn Saur.
König: Ist von der Entwicklung jemand hier? Es handelt sich um die Stillegung von Arado 234.
Lucht: Die wollen Sie total stillegen, Erprobungsmäßig, oder wie?
König: Erprobungsmäßig. Gefordert sind 150 t Sprit; ich kann 120 t geben. (Zuruf: Umstellen auf andere Betriebsstoffe.)
Mahnke: Das muß erst ausprobiert werden. Für diese Entwicklung kommt das nicht in Frage.
Lucht: Wenn ich den Betriebsstoff nicht habe und der Betriebsstoff, den ich bekomme, bereits das unterschreitet, was allein die Arado 234 braucht, ist es da noch richtig überhaupt über die 234 zu reden? Die wird dann doch in der Erprobung verzögert. Wir legen einstweilen fest, daß Arado die Mitteilung erhält, daß der Betriebsstoff nicht da ist. Die Entwicklung wird für Sonntag hierher bestellt.



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