09.08.2017
Erschienen in: 07/ 2015 FLUG REVUE

TransportflugzeugMiles-Transporter – fliegende Lastkraftwagen

Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs begann die Firma Miles Aircraft mit der Entwicklung verschiedener Transporter und Verkehrsflugzeuge, musste aber bald Konkurs anmelden. Lediglich ein Muster wurde von Handley Page übernommen. Ein weiterer Typ diente als Vorbild für die Short Skyvan.

Immer wenn Miles eine neue Maschine ankündigt, kann man sicher sein, dass es etwas Ungewöhnliches ist“, schrieb eine britische Zeitschrift im Juni 1945. Mit der M.57 Aerovan wurde das Unternehmen seinem Ruf gerecht: Der zweimotorige Transporter ähnelt eher einem Frachtcontainer mit Flügeln. Landeklappen und geschlitzte Querruder ermöglichten gutmütige Langsamflugeigenschaften sowie geringe Start- und Landestrecken. Für die nötige Seitenstabilität sorgte ein dreiteiliges Leitwerk. Miles Aircraft ging von einem breiten Einsatzspektrum aus; so bot die Kabine entweder Platz für bis zu zehn Passagiere oder sogar einen Pkw. Der Erstflug erfolgte am 26. Januar 1945. Später folgten die Merchantman mit vier Motoren und doppelter Nutzlast sowie die M.68 mit abnehmbarem Frachtabteil. Im Gegensatz zur in rund 50 Exemplaren gefertigten Aerovan blieben sie Einzelstücke.

Etwas konventioneller sah dagegen die Marathon aus. Miles legte die M.60 als Schulterdecker aus, damit die Kabine nicht durch den Flächenholm eingeschränkt wurde.

Ersatz für die bewährte Douglas DC-3 Dakota

Die Entwicklung begann auf Geheiß der britischen Führung. Im Dezember 1942 hatte das Kriegskabinett ein Komitee unter der Leitung von Lord Brabazon ins Leben gerufen, das Spezifikationen für verschiedene künftige Verkehrsflugzeuge erstellen sollte. Die Kategorie Vb sah die Entwicklung eines mittleren Transportflugzeugs für maximal 18 Fluggäste vor.  Bei der im Mai 1944 veröffentlichten Spezifikation 18/44 konnte sich schließlich Miles mit der M.60 gegen Entwürfe von Armstrong Whitworth und Percival durchsetzen. Das Ministry of Supply bestellte im Oktober 1944 drei Prototypen. Da sie vom selben Motor wie das Muster der Kategorie Va (de Havilland Dove) angetrieben werden sollten, musste 
Miles vier de Havilland Gipsy Queen verwenden. Am 19. Mai 1946 startete Miles-Cheftestpilot Ken Waller in Woodley bei Reading zum Jungfernflug. 

Bis auf eine Bauchlandung wegen eines eingeknickten Bugfahrwerks verlief die Flugerprobung relativ reibungslos. Die mangelnde Reichweite sollten größere Kraftstofftanks und eine erhöhte Startmasse beheben. Der zweite Prototyp hob am 27. Februar 1947 zu seinem Erstflug ab. Zu diesem Zeitpunkt schrieb der Hersteller bereits rote Zahlen, da die Produktionskosten der übrigen Miles-Produkte zusehends stiegen und die Einnahmen sanken. Während die erste Serien-Marathon in der Produktion war, ging Miles endgültig Pleite. Handley Page übernahm im Juni 1948 die Konkursmasse und entschied, das Transporterprogramm weiterzuführen. Trotz dieses Prozesses befanden sich die Abnahmetests des Musters in Boscombe Down bereits in vollem Gang. Allerdings stürzte der Prototyp dort am 20. Mai 1948 ab. Ursache war ein Fehler im System zum Verstellen der Anstellwinkel der äußeren Seitenleitwerke, um im Fall eines Triebwerksausfalls eine bessere Trimmung zu gewährleisten.  

Trotz dieses Zwischenfalls bestellte die Regierung 40 Exemplare, von denen der Großteil an British European Airways (BEA) gehen sollte. Die erste Serienmaschine flog im Juni 1950, doch die Auslieferung verzögerte sich immer weiter. Letztlich nahm die Fluglinie – auch aufgrund der hohen Betriebskosten – gänzlich Abstand von einem Kauf. Nur West African Airways kaufte vier Exemplare. Sie flogen aber nur knapp 18 Monate, und Union of Burma Airways nutzte drei Marathons bis Ende der 50er Jahre. Für den Großteil der anderen, teilweise auf Halde produzierten Maschinen fand sich mit der Royal Air Force ein Abnehmer. Sie setzte das Flugzeug bis 1958 als fliegenden Besatzungstrainer für Navigatoren ein. Am 29. Juni 1954 übergab Handley Page dann die erste von zwei Marathons an Far East Air Lines aus Japan; die beiden waren die letzten Vertreter der zivilen Version. Eine Marathon flog außerdem bis 1962 in Deutschland zur Kalibrierung von Funkanlagen auf Flughäfen. 

Wenig Glück hatte auch die Marathon 2. Sie erhielt zwei Mamba-Turboprops von Armstrong-Siddeley. Der entsprechend umgerüstete dritte Prototyp flog aufgrund der Insolvenz von Miles erst am 21. Juli 1949, ging aber nicht in Serie. Heute existiert kein Exemplar der Marathon mehr. Die Miles-Familie gab aber nicht auf und gründete die Firma F. G. Miles Ltd. Als Chefkonstrukteur arbeitete George Miles 1957 mit Hurel-Dubois aus Frankreich zusammen und kombinierte den Entwurf der Aerovan und den Flügel mit sehr hoher Streckung von Hurel-Dubois. Ergebnis war die als Erprobungsträger gedachte HDM105. Die größere HDM.106 wurde dagegen nicht verwirklicht. Stattdessen erwarb Short die Konstruktionsunterlagen und entwarf die Skyvan.

Technische Daten

M.57 Aerovan

Hersteller: Miles Aircraft, Woodley, GB
Typ: Transporter
Antrieb: 2 Blackburn Cirrus Major IIA
Leistung: 2 x 112 kW (150 PS)
Länge: 10,97 m
Höhe: 4,1 m
Spannweite: 15,24 m
Flügelfläche: 36,2 m2
Leermasse: 1360 kg
Startmasse: 2630 kg
Höchstgeschwindigkeit: 204 km/h
Dienstgipfelhöhe: 4040 m
Reichweite: 645 km

FLUG REVUE Ausgabe 07/2015

Mehr zum Thema:
Patrick Hoeveler


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