04.12.2017
Erschienen in: 06/ 2013 Klassiker der Luftfahrt

TorpedobomberGrumman TBF Avenger

Der trägergestützte Ganzmetall-Mitteldecker Grumman Avenger (Rächer) entstand ab 1939 auf Anforderung des Bureau of Aeronautics der US Navy. Er galt als Ersatz für die erst 1937 eingeführte, aber schon veraltete Douglas TBD Devastator.

Als schwerste Kolbeneinmot der amerikanischen Marine während des Zweiten Weltkrieges – ihre Masse übertraf sogar die der bulligen Republic P-47 Thunderbolt – wurde die Avenger von gleich drei Mann bedient: einem Piloten, einem Bombenschützen und einem Funker.

Laut Ausschreibung der Navy sollte der Entwurf eine Höchstgeschwindigkeit von über 480 km/h, eine Kampfreichweite von mindestens 1850 Kilometern und eine interne Waffenlast von mindestens drei 230-kg-Bomben oder einem Mark-XIII-Torpedo erreichen. Zudem wurde mit voller Zuladung eine Träger-Startrollstrecke von höchstens 100 Metern bei 50 km/h Wind gefordert. Als Neuerung forderte die Navy auch einen schnellen, elektrisch gesteuerten Drehstand für ein nach oben hinten feuerndes MG. Viele andere Bordsysteme, darunter Kühlluftklappen, Ölkühlerklappe, Schwenkflügel, Landeklappen und Fahrwerk, wurden hydraulisch betätigt. Die Fahrwerkshebel und der Hebel für die Landeklappen waren zur Vereinfachung im Normalbetrieb im Cockpit mechanisch gekoppelt. Bei Notwasserungen und Notlandungen konnten die Klappen aber auch separat per Handpumpe ausgefahren werden.

Am 7. August 1941 startete der Prototyp XTBF-1 (BuNo 2539) in Bethpage zum Erstflug, doch schon am 28. November stürzte dieser brennend ab. Während der folgenden Flugerprobung mit dem zweiten Prototyp zeigten sich Schwerpunktprobleme mit dem zu weit hinten befestigten Motor, Kühlungsprobleme und zu kleine Steuerflächen am Heck. Am 3. Januar 1942 rollten die ersten verbesserten Serienflugzeuge aus der Halle.

Die Avenger wurde stets in Dreipunktlage gestartet und gelandet und verhielt sich dank ihres relativ großen Flügels gutmütig im Langsamflug und bei Strömungsabriss, mit und ohne Motorleistung. Allerdings waren die Trimmeinstellungen und die geschwindigkeitsabhängige Klappennutzung genau nach Vorschrift auszuführen. Beim Einfahren der Klappen sackte die Avenger spürbar durch, beim Ausfahren der Klappen, besonders bei zu hoher Geschwindigkeit, bäumte sie sich steil auf. In offiziellen Navy-Lehrfilmen wurden die Avenger-Piloten gewarnt, keinerlei „Stunts“ oder akrobatische Luftkampfmanöver mit dem schwerfälligen Torpedobomber zu wagen. Als höchste Sturzfluggeschwindigkeit mit Waffenlast galten 520 km/h. Ein leichtes Flugzeug durfte im Sturz sogar bis auf 650 km/h beschleunigt werden.

Den ersten Kriegseinsatz gegen die japanische Flotte führten sechs Avenger der Torpedo-Staffel VT-8 am 4. Juni 1942 in der Schlacht um Midway durch. Dabei wurden fünf dieser Flugzeuge abgeschossen, ohne auch nur einen Treffer landen zu können. Erst verbesserte Torpedos ermöglichten der von ihren Piloten bald mit dem Spitznahmen „Turkey“ (Truthahn) versehenen Avenger eine höhere Abwurfgeschwindigkeit. Damit musste sie sich im gefährlichen niedrigen Zielanflug nur kürzere Zeit dem Abwehrfeuer der angegriffenen Schiffe aussetzen. Außerdem gingen die Avenger stärker zu Bombenangriffen im Sturzflug über. Schon in der Schlacht von Guadalcanal entwickelte sich die robuste TBF, beziehungsweise ihr General-Motors-Lizenzbau TBM, zur gefürchteten Waffe, nicht nur über dem Pazifik, sondern bald auch über dem Atlantik.

Bis September 1945 wurden 9 827 Avenger-Serienflugzeuge gebaut. Die sehr voluminöse Rumpfform und die hohe Zuladung machten sie auch zur geeigneten Plattform für viele frühe Radaranlagen, deren Elektronik noch recht klobig war. Auch als Stör- und Kommandoflugzeug wurde die Avenger genutzt. Spezielle Träger-Transportversionen konnten im Rumpf, bei spartanischem Komfort, bis zu sieben Passagiere befördern. Im Krieg wurde die TBF/TBM bei US Navy, US Marines, dem britischen Fleet Air Arm (Bezeichnung hier zwischen 1943 und 1944 „Tarpon“) und der neuseeländischen Luftwaffe eingesetzt. Danach kamen Brasilien, Kanada, Frankreich, Uruguay und sogar Japan hinzu, dessen Streitkräfte die letzten militärischen Avenger betrieben. Ab Anfang der fünfziger Jahre gelangten zahlreiche Avenger als Löschbomber und Sprühflugzeuge an zivile Halter, wo sie, zuletzt in Kanada, noch nach der Jahrtausendwende flogen. Heute gelten noch rund vier Dutzend Avenger als flugfähig. Aktuell zahlen Sammler für eine flugbereite Avenger 250 000 bis 375 000 Dollar.

Technische Daten

kl 06-2013 Grumman TBF Avenger (04)

Die Avenger dienten bei der US Navy und vielen verbündeten Streitkräften, auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Grumman TBF Avenger

Einsatzgebiet:
trägergestützter Torpedobomber und U-Boot-Jäger
Besatzung: drei (Pilot, Navigator/oberer Heckschütze, Funker/unterer Heckschütze)
Antrieb: ein luftgekühlter 14-Zylinder-Sternmotor Wright R-2600-20 Cyclone mit Vorverdichter und
1900 PS (1396 kW) Leistung; Vierblatt-Verstellpropeller von Hamilton-Standard
Länge: 12,48 m
Höhe: 5,00 m
Spannweite: 16,51 m
Leermasse: 4785 kg
max. Startmasse: 8120 kg
Höchstgeschwindigkeit: 445 km/h in 5000 m Höhe
Reisegeschwindigkeit: 237 km/h
Steigrate: 10,5 m/ s
Dienstgipfelhöhe: 9175 m
Reichweite: 1820 km mit Torpedo
Bewaffnung: ein Torpedo oder 910 kg Bomben im Waffenschacht; Raketen oder Minen unter den Flügeln; ein oder zwei feste 12,7-mm-MGs im Bug oder in den Flügeln, ein 12,7-mm-MG im Drehstand und ein 7,6-mm-MG im unteren Heckstand

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 06/2013

Mehr zum Thema:
Sebastian Steinke


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