09.11.2018
Erschienen in: 01/ 2014 Klassiker der Luftfahrt

Strahljäger (Teil 2) Zweifelhafter Testbericht

kl 01-2014 Testflug Me 262 (01)

Die Me 262 war ein technischer Quantensprung. Hier wird die Me 262 V3 für einen Testflug vorbereitet. Auffällig ist der Ansaugschutz vor dem Lufteinlass des Jumo 004. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Der nächste erhaltene Flugbericht datiert vom 9. Juli 1941. Bei dem Test geht es darum, das Abkippverhalten der Me 262 V1 mit im eingefahrenen Zustand blockierten Vorflügel zu untersuchen. Die Frage dabei ist, ob man eventuell auf die aufwändigen automatischen Vorflügel verzichten könnte. Dazu werden sogenannte Wollfadenuntersuchungen durchgeführt, bei denen auf die Flügel aufgeklebte Wollfäden den Strömungsverlauf anzeigen. Wendels Befund: Bei Leerlaufleistung änderte sich das Abreißverhalten gegenüber dem mit ausgefahrenen Vorflügeln praktisch nicht. Die Strömung brach gleichmäßig über den Flügel verteilt zusammen. Anders jedoch im überzogenen Flug bei Vollgas: „Es reißt zuerst die Strömung am Außenflügel im gesamten Querruderbereich ab, wodurch ein starkes Querruderschlagen und ein Taumeln um die Längsachse einsetzt. Bei weiterem Ziehen reißt dann auch noch die Strömung am Innenflügel ab und die Maschine kippt gedämpft über den Flügel. Da bei einer Jagdmaschine das Überziehverhalten im Vollgasflug (Kurvenkampf) von großer Bedeutung ist, kann auf die Vorflügel bei dieser Maschine trotz des relativ guten Verhaltens im Leerlauf nicht verzichtet werden“, lautet das Ergebnis nach Wendels Testflug.

Interessant hierbei ist, dass man damals noch vom einem klassischen Kurvenkampf mit dem Strahljäger ausging. Eine Kampftaktik, die mit der Me 262 aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit nie angewendet wurde.

Die Me 262 V1 soll mit dem Jumo 210 G insgesamt 47 Flüge mit über 20 Stunden Gesamtflugzeit absolviert haben. Im Herbst 1941 hatte BMW das P.3302 so weit entwickelt, dass die beiden Versuchstriebwerke V2 und V10 in die Me 262 V1 montiert werden konnten. Der Einbau erfolgte im Zeitraum von September bis Dezember. Beim Anbau der Triebwerke war immer noch der Jumo 210 G in der Rumpfnase montiert. Leider gibt es nur ein bekanntes Foto der Me 262 in dieser Konfiguration. Auf dem Bild ist sie in einem Hangar stehend zu sehen.

Am 25. März 1942 startete Fritz Wendel in Augsburg schließlich mit der Me 262 V1 zum ersten Flug mit Strahlantrieb. Immer wieder wurde in der Nachkriegsliteratur behauptet, dass bei diesem ersten Flug mit den BMW-Triebwerken zur Sicherheit immer noch der Jumo 210 G montiert war und mitlief. Weiter wird gesagt, dass beide Strahltriebwerke unmittelbar nach dem Abheben Verdichterschaufelbrüche erlitten. Teilweise heißt es, dass die Triebwerke schon in zehn Metern Höhe ausgefallen seien. Nur dank des Jumo 210 G habe Testpilot Fritz Wendel den Flug fortsetzen und sofort wieder landen können.

Vieles spricht dafür, dass diese Behauptungen falsch sind. Der Flugbericht Nr. 692/12 vom 30. März 1942, der der Redaktion von Klassiker der Luftfahrt vorliegt, lässt große Zweifel an ihrem Wahrheitsgehalt aufkommen. Er legt ganz im Gegenteil nahe, dass der erste strahlgetriebene Flug der Me 262 V1 ausschließlich mit den BMW P.3302 erfolgte. Auch die bisherige Darstellung des Triebwerksausfalls erscheint beim Studium des Testprotokolls in einem anderen Licht. Zur Verdeutlichung geben wir deshalb den früher natürlich als Geheim klassifizierten Flugbericht im Wortlaut wieder. Hierin wird der Jumo 210 G überhaupt nicht erwähnt. Das steht im krassen Gegensatz zu den üblichen Inhalten aller anderen Testflugprotokolle, in denen Antrieb und Antriebsparameter immer enthalten sind. Auch geht aus dem Bericht ein ganz anderer Flugverlauf hervor, als er von einigen Nachkriegsautoren dramatisiert wurde.

Junkers kam mit den praktisch parallel zum BMW P.3302 entwickelten Jumo 004 inzwischen gut voran. Während das BMW-Triebwerk auf dem Weg zum serienreifen BMW 003 umkonstruiert werden musste, erwies sich das Jumo 004 spätestestens seit den Prüfstandsläufen als vielversprechender. Bei 8700 U/min lieferte es einen Standschub von 840 kp. Die Jumo sollten später die Standardtriebwerke für die Me 262 werden. Messerschmitt erhielt die ersten beiden Jumo 004 A-0 am 1. Juni 1942. Umgehend wurden sie an der Me 262 V3 (PC+UC, Werk-Nr. 0003) montiert.


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