22.03.2017
Erschienen in: 01/ 2015 Klassiker der Luftfahrt

Große VisionSikorsky S-64/CH-54 – Die Geschichte des Skycrane

Seine Leistungen in der Helikopterentwicklung sind auch mehr als 75 Jahre nach dem Erstflug der legendären V-300 unangefochten. Igor Iwanowitsch Sikorsky, 1889 in Kiew geboren, verwirklichte nach seiner Pensionierung Ende der 50er Jahre noch ein letztes zukunftsweisendes Projekt: einen Kranhubschrauber.

Eigentlich hatte er sich 1957, mit 68 Jahren, schon als Chefingenieur zurückgezogen aus dem täglichen Geschäft  der Firma Sikorsky Aircraft  im US-Bundesstaat Connecticut. Aber Igor Sikorsky war fürs Nichtstun nicht geschaffen. Er hatte immer noch neue Ideen, wie man den Helikopter weiterentwickeln und perfektionieren könnte. Da ihm der Hubschrauber als Rettungsgerät und Lastenträger ganz besonders am Herzen lag, setzte er sich mit einer neuen Herausforderung auseinander: Warum sollte es nicht gelingen, einen Kran der Lüfte zu bauen, der in jedem Gelände schwere Lasten aufnehmen oder absetzen kann und sogar in der Lage ist, komplette Containerkabinen von A nach B zu transportieren?

Mit der S-56 hatte Igor Sikorsky Anfang der 50er Jahre den ersten zweimotorigen Helikopter zur Serienreife gebracht, und auf diesem Muster baute auch seine neue Vision auf, denn Grundvoraussetzung für einen schweren Lastenhubschrauber waren zwei starke Motoren. Diese Grundlage war also schon geschaffen.

Allerdings stieß der große Helikopterpionier erst mal auf massiven Widerstand seiner Ingenieurkollegen, die ohnehin genug mit anderen Projekten zu tun hatten, denn Sikorsky war damals Marktführer im Helikopterbau. Igor Sikorsky brauchte viel Geduld, um die Kollegen letztlich doch von seiner Idee zu überzeugen. 

In Vorträgen erläuterte er seine Vorstellungen von einem Helikopter: Der Unterschied zu herkömmlichen Mustern sollte in einem speziellen Cockpit und einem offenen „Body“ mit einem extrem hohen Fahrwerk bestehen – mit der Möglichkeit, schwere und sehr große, sperrige Güter wie ein Kran per Lasthaken aufnehmen oder absetzen zu können, während sich der Helikopter über dem entsprechenden Objekt im Schwebeflug befindet. Die entscheidende Neuerung: ein rückwärtiger Pilotensitz hinter dem Cockpit mit exzellenter Sicht auf die gesamte Fracht und mit eigener, präziser Steuerkinetik zur Bedienung der Kranfunktionen. Durch den gänzlichen Wegfall einer Passagierkabine würde zudem viel Gewicht eingespart, das umso mehr für eine hohe Nutzlastkapazität zur Verfügung stehen könnte. Sikorsky war sich sicher, dass diese Generation von Helikoptern zukunftsweisend sein würde und sowohl in militärischen wie auch in zivilen Missionen weltweit einsetzbar.

Die Arbeiten an dem kosteneffizienten Experimental-Kranhubschrauber S-60, auf Basis der in Serie gefertigten S-56/H-37, begannen 1958. Anstelle einer Passagierkabine wurden eine Winde und ein Lasthaken direkt unter dem Hauptrotor installiert. Das sorgte dafür, dass die Steuerbewegungen bei sich aufschwingenden Lasten so klein wie möglich gehalten werden konnten. In der Rekordzeit von nur zehn Monaten war die S-60 fertiggestellt, und sie startete am 25. März 1959 zu ihrem erfolgreichen Erstflug. Bereits im Folgemonat flog der Helikopter auch vor einer militärischen Abordnung aus Deutschland; man wollte testen, ob ein schwerer Lastenhubschrauber für die Bundeswehr in Frage käme.

Bei zahlreichen Flügen wurden die unterschiedlichsten Missionen getestet. Igor Sikorsky war bekannt dafür, dass er alles selbst ausprobierte. So setzte er sich beim Flug mit einer an Lasthaken befestigten, freien Außenplattform aus Holz auf einen der installierten Sitze. Ingenieure des Unternehmens begleiteten ihn. Bei einer Geschwindigkeit von 50 Knoten stand Sikorsky auf, lief auf und ab, nickte zufrieden und setzte sich wieder, während die mitfliegenden Kollegen in ihren Sitzen kauerten. Der Flug verlief weitgehend vibrationsfrei und untermauerte Sikorskys Idee, eine in sich gschlossene Passagierkabinen-Einheit mit dem Kranhubschrauber zu befördern.

Später transportierte der Kranhubschrauber in Vietnam 87 voll ausgerüstete Soldaten in Kabineneinheiten, die komplett unter dem Rumpfsegment der S-64/YCH-54 befördert wurden.


WEITER ZU SEITE 2: Ein großer Lasthaken und vier zusätzliche Winden

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