14.11.2017
Klassiker der Luftfahrt

Senkrechtstarter-VersuchsflugzeugVFW-Fokker VAK 191 B

In den 50er und 60er Jahren arbeiteten die deutschen Luftfahrtfirmen ambitioniert an Senkrechtstartern. VFW-Fokker in Bremen sollte mit der VAK 191 B den Nachfolger der Fiat G.91 entwickeln. Noch vor dem Erstflug änderten sich jedoch die militärischen Planungen, so dass letztlich nicht mehr als ein Versuchsprogramm mit drei Prototypen blieb.

Zu den Zeiten des Kalten Krieges, als man jederzeit mit dem Einsatz von atomaren Waffen in Europa rechnete, setzten die Militärs auf den Betrieb ihrer Kampfflugzeuge von verstreuten Behelfsbasen aus. Diese waren weniger verwundbar als die großen Fliegerhorste, erforderten aber die Verwendung von senkrecht- oder zumindest kurzstartfähigen Mustern. Auch die Bundeswehr folgte diesen NATO-Konzeptionen und initiierte in den späten 1950er Jahren die Entwicklung des Überschalljägers VJ 101C und des Transporters Do 31E.

Dritter im Bunde der deutschen Senkrechtstarter wurde schließlich die VAK 191 B. Ihre Geschichte geht zurück auf das im November 1961 herausgegebene NATO Basic Military Requirement (NBMR-3/196B) für ein tieffliegendes Kampf- und Aufklärungsflugzeug. Dieses sollte senkrecht starten und landen können, einen Einsatzradius von etwa 330 km haben und 450 kg Waffen tragen können. Überschall- und Luftkampffähigkeiten waren nicht gefragt. 

Wie so oft führten die nachfolgenden Gespräche in den NATO-Gremien nicht zu einer einheitlichen Vorgehensweise. Großbritannien zum Beispiel hatte bereits die Hawker P.1127, den Vorläufer des Harrier-Senkrechtstarters, in die Luft gebracht und somit kein Interesse an ähnlichen Projekten. Von deutscher Seite schlug man daher Italien vor, das V/STOL-Nachfolgemuster für die G.91 gemeinsam zu entwickeln.

Die Luftwaffen beider Länder erarbeiteten daraufhin bis zum 9. Mai 1963 eine gemeinsame, jedoch mit der NATO-Forderung nicht übereinstimmende Spezifikation für ein vertikal startendes Aufklärungs- und Kampfflugzeug (VAK). Sie diente als Grundlage eines Projektwettbewerbs, an dem sich drei Firmen beteiligten.

Focke-Wulf schlug seine Fw 1262 vor, einen Entwurf mit einem Zweikreis-Schwenkdüsentriebwerk und zwei symmetrisch angeordneten Hubtriebwerken. Er erhielt die Bezeichnung VAK 191 B. Die beiden Entwürfe des Entwicklungsrings Süd (VAK 191 C beziehungsweise EWR 421) und von Fiat Aviazione (VAK 191 D, G.95/4) waren in ihrer konstruktiven Auslegung nahezu gleich, denn die Triebwerksanlage bestand bei beiden Maschinen aus vier Hubtriebwerken im Rumpfmittelteil und einem beziehungsweise zwei Marschtriebwerken im Rumpfheck. Allerdings war der vom EWR Süd ausgearbeitete Typ 421 von Anfang an als Zweisitzer ausgelegt, während die G.95/4 weitgehend auf dem Einsitzer G.91 basierte. Als Referenzmuster diente die Hawker Siddeley P.1127 (VAK 191 A).

Während der Auswertung der Angebote stellte sich heraus, dass die Triebwerksanlage, die für die VAK 191 B vorgeschlagen worden war, das niedrigste Startgewicht ermöglichte. Außerdem versprach dieses Projekt eine größere Flexibilität bei der Waffenzuladung sowie die einfache Integration von schubstärkeren Triebwerken zur Erhöhung der Startmasse. Der Entwurf von Focke-Wulf wurde daher im August 1963 als Sieger ausgewählt.

Die Vereinigten Flugtechnischen Werke (VFW) – ein Zusammenschluss von Focke-Wulf und Weserflug – setzten daraufhin ihre Vorarbeiten fort und begannen im Juni 1964 zusammen mit Fiat eine 18 Monate dauernde Definitionsphase, in deren Verlauf auch die Arbeitsaufteilung festgelegt wurde. Die Italiener erhielten einen Anteil von 40 Prozent. Konstruktion und Fertigung des Rumpfvorderteils und Rumpfhecks sowie der Außenflügel und des Leitwerks sollten bei Fiat erfolgen.

Unterdessen beschloss der Führungsstab der Luftwaffe am 10. Oktober 1964 unter dem frisch eingesetzten Inspekteur Johannes Steinhoff allerdings den Abschied von den Senkrechtstarter-Plänen. Man wollte stattdessen zunächst vermeintlich unkompliziertere STOL-Flugzeuge realisieren. Ein wesentlicher Punkt war auch, dass sich der Schwerpunkt vom nuklearen zum konventionellen Einsatz hin verlagert hatte.


WEITER ZU SEITE 2: Regierungsabkommen zur gemeinsamen Entwicklung, Fertigung und Erprobung

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