12.12.2018
Erschienen in: 04/ 2015 Klassiker der Luftfahrt

JagdbomberRepublic F-84F Thunderstreak bei der Luftwaffe

Beim Wiederaufbau der Luftwaffe wurden nicht weniger als sechs Jagdbombergeschwader aufgestellt. Sie erhielten die Republic F-84F Thunderstreak, die zahlenmäßig zum wichtigsten Kampfjet der Anfangszeit in den späten 1950er Jahren wurde.

Nachdem Deutschland im Mai 1955 in die NATO aufgenommen wurde, ging aus dem „Amt Blank“ im Juni offiziell das Bundesministerium für Verteidigung hervor. Es trieb nun den Aufbau der Bundeswehr mit Hochdruck voran. Obwohl die Planungen mehrfach nach unten korrigiert wurden, hieß dies für die Luftwaffe, innerhalb weniger Jahre vier Jagdgeschwader, sechs Jagdbombergeschwader, zwei Aufklärungsgeschwader und zwei Transportgeschwader aufzustellen.

Die Ausstattung dieser Einsatzverbände war nur mit der schnellen Lieferung von bewährten Mustern zu bewerkstelligen, wobei von vornherein für die 1960er Jahre ein Wechsel auf Kampfjets der neuesten Generation eingeplant wurde. Das Mutual Defense Assistance Program (MDAP) der Vereinigten Staaten spielte dabei eine entscheidende Rolle. Wie andere europäische Länder auch, erhielt daher die Luftwaffe die Republic F-84F Thunderstreak, und zwar nicht weniger als 450 Stück.

Die Maschinen wurden meist per Flugzeugträger verschifft, im Falle der Luftwaffe nach Bremerhaven. Dort trafen mit der USS „Tripoli“ (CVU-64) am 30. Oktober 1956 die ersten, in dicke Kunststoffhüllen verpackten  Thunderstreaks ein. Sie wurden per Lastkahn zum Flughafen Lemwerder gebracht, wo die Weserflug (zunächst Finanz- und Verwaltungsgesellschaft Weser mbH) mit der Entmottung, der technischen Überprüfung und dem Einfliegen betraut war. Von Lemwerder aus wurden die Maschinen dann zur Luftwaffe nach Fürstenfeldbruck überstellt. Nach einer gewissen Einarbeitungsphase schaffte die bald auf 800 Mitarbeitet angewachsene Belegschaft 30 bis 50 Flugzeuge pro Monat. Bei der Luftwaffe konnten solche Stückzahlen kaum bewältigt werden, denn zu Beginn mangelte es überall nicht nur an Einrichtungen, sondern vor allem an ausgebildetem Personal sowohl bei den Piloten als auch bei der Technik.

Keimzelle der Jagdbomberverbände war  die Waffenschule der Luftwaffe 30 in Fürstenfeldbruck. Sie übernahm am 13. November bei einer Feierstunde mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß und dem US-Botschafter James B. Conant offiziell ihre ersten 15 Thunderstreaks, die von der USAF aus den Vereinigten Staaten (Robins AFB) per Transportflugzeuge überführt worden waren. Zu diesem Zeitpunkt lief bereits die Ausbildung der ersten Gruppe von Luftwaffenpiloten mit Hilfe amerikanischer Fluglehrer. Erster Staffelkapitän war Major Gerd Barkhorn, mit 301 Abschüssen einer der erfolgreichsten Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs.

Da der Luftraum um Fürstenfeldbruck mit dem Betrieb der Flugzeugführerschule „B“ schon stark ausgelastet war, wurde im Frühjahr 1957 entschieden, die WaSLw 30 nach Büchel in die Eifel zu verlegen. Dort hatten die Franzosen trotz Protesten der Bevölkerung einen neuen Platz hoch über der Mosel gebaut. Die Überführung von 72 F-84F erfolgte nach den notwendigen Vorarbeiten im Oktober 1957. Am 10. November öffnete der Verband den immer noch recht provisorischen Platz für einen Tag der offenen Tür. Bereits Anfang 1958 gab es eine weitere Planänderung: Die gesamte F-84F-Waffensystemausbildung sollte in die USA verlegt werden, und zwar zum 4510th Combat Crew Training Wing/4512th Combat Crew Training Squadron in Luke AFB, Arizona.

Bis 1964 wurden in Luke rund 830 deutsche Piloten ausgebildet, die um die 75 000 Stunden erflogen. Die WaSLw 30 wurde derweil zum 1. Juli 1958 in das Jagdbombergeschwader 33 umgewidmet. Erster Kommodore war Major Walter Krupinski, ebenfalls ein erfolgreicher Jagdflieger aus dem Zweiten Weltkrieg. Erste Aufgabe des JaboG 33 war das Training für den Einsatz von Atombomben (MK 7 am linken inneren Lastenträger). Es wurde von der 1. Staffel bis Ende Oktober 1958 in Fürstenfeldbruck durchgeführt, so dass ab 1959 eine nukleare Alarmrotte bereitgestellt werden konnte. Die erste NATO-Überprüfung in der Einsatzrolle „Nuclear Strike“ fand im September 1961 statt. Schon ab 1962 folgte dann die Umrüstung auf den Starfighter, wobei die letzten F-84F aber erst im August 1964 abgegeben wurden. Sie flogen ab Mai 1962 in einer speziell aufgestellten dritten Staffel.

Neben dem JaboG 33 hat auch das Jagdbombergeschwader 31 (später „Boelcke“) seine Wurzeln in der WaSLw 30, wo ab Herbst 1957 die Ausbildung der ersten Piloten durchgeführt wurde. Am 20. Januar 1958 brachte der zukünftige Kommodore, Major Barkhorn, die erste F-84F aus Büchel zum neuen Standort Nörvenich.

„Boelcke“ gibt F-84F ab

kl 04-2015 Republic F-84 Luftwaffe (01)

Die F-84 war der erste Jagdbomber der Luftwaffe. Foto und Copyright: Luftwaffe  

 

Die offizielle Indienststellung als erstes Jagdbombergeschwader der Luftwaffe erfolgte am 20. Juni 1958. Schon im Herbst verlegte ein Kommando zur Waffenausbildung nach Bandirma in der Türkei. Die NATO-Unterstellung folgte am 19. Januar 1959. Bereits im August 1961 verließen die letzten F-84F den Verband wieder Richtung Hopsten. Dort wurde auf einem neu gebauten Fliegerhorst das JaboG 36 mit den Jagdbombern ausgerüstet. Die offizielle Indienststellung des JaboG 36 erfolgte am 12. Dezember 1961. Das Geschwader flog die F-84F bis zum Oktober 1966, wobei die 2. Staffel ab 1962 für die sogenannte „Europäisierung“ von neuen Thunderstreak-Piloten zuständig war. Die erfahrenen Flugzeugführer wiederum übten auch in Decimomannu, Sardinien, und in Erhac in der Türkei.

Zurück ins Jahr 1958, als nach dem JaboG 31 und dem JaboG 33 in schneller Folge drei weitere Jagdbombergeschwader mit der F-84F aufgestellt wurden. Am 22. Juli wurde zum Beispiel in Lechfeld der erste Kampfverband der Luftwaffe in Bayern feierlich in Dienst gestellt. Allerdings führte Personalmangel dazu, dass der reguläre Flugbetrieb nur langsam in Gang kam und man bis Jahresende nur etwa 700 Flugstunden aufweisen konnte.

Ab 1959 wurde dies besser, und im Herbst verlegte das erste Kommando nach Bandirma, Türkei. In den Jahren 1962 bis 1964 vertrat das JaboG 32 die Luftwaffe beim Tactical Weapons Meet der NATO. Ab 1965 erfolgte die Umrüstung auf den Starfighter, wobei die letzten F-84F im Juli 1966 abgegeben wurden. Das Jagdbombergeschwader 34 wurde im Dezember 1958 zunächst in Faßberg aufgestellt, die Verlegung im kommenden Jahr nach Memmingen war dabei schon eingeplant. Dort begann der Betrieb im April 1959. Das JaboG 34 wurde einheitlich mit F-84F ausgerüstet, die noch das schwächere W-3-Triebwerk hatten. Die letzten verbliebenen Maschinen dieser Ausführung wurden bis Ende 1966 an die griechischen Luftstreitkräfte abgegeben. Bereits im Juni 1964 war die erste F-104 in Memmingen gelandet.

Die Aufstellung des JaboG 35 verzögerte sich wegen der aufwendigen Bauarbeiten am vorgesehenen Fliegerhorst Husum. Erst am 30. September 1959 landeten die ersten beiden F-84F auf dem Platz, rasch gefolgt von weiteren Maschinen aus Faßberg und Nörvenich, wo die Piloten ihre Einweisung erhielten. Der Flugbetrieb gestaltete sich angesichts fehlender Hallen und der Unterbringung des Personals in Baracken lange schwierig. Dennoch wurde die 1. Staffel am 1. August 1961 der NATO unterstellt. Im September folgte die erste von zahlreichen Verlegungen nach Decimomannu. Das JaboG 35 wurde ab 1962 auf die Fiat G.91 umgerüstet und gab seine F-84F bis Juni 1965 ab.

Mitte der 1960er Jahre ging somit die Zeit der Thunderstreak bei der Luftwaffe zu Ende. Zehn Jahre lang hatte der Jagdbomber wertvolle Dienste geleistet, sich aber auch als sehr unfallträchtiges Muster erwiesen. Es gab etwa 90 Totalverluste von F/RF-84F, wobei die Rate zum Beispiel 1959 bei 3,77 Unfällen pro 10 000 Flugstunden lag, weit über dem Spitzenwert des Starfighters.

Hinter dem Eisernen Vorhang

Thunderstreaks der Luftwaffe machten durch versehentliche Flüge hinter die Ostgrenze der Bundesrepublik mehrmals unliebsame Schlagzeilen. So blieben zwei F-84F (DD-107 und DD-108), die am 22. Oktober 1959 um 9.16 Uhr in Memmingen zu einem Instrumentenübungsflug gestartet waren, wochenlang verschollen. Die beiden Flugzeugführer, Stabsunteroffizier Helmut Kraus und Unteroffizier Rolf Hofmann, hatten um 9.50 Uhr gemeldet, dass eine Maschine Schwierigkeiten mit der Sauerstoffanlage habe. Auf dem Rückweg unterlief ihnen ein gravierender Navigationsfehler. Sie hatten offenbar das Funkfeuer ihres Heimatplatzes mit dem in Grafenwöhr nahe der tschechischen Grenze verwechselt.

Ein Pilot berichtete später: „Ich glaubte über Memmingen zu sein, als ich durch die niedrige Wolkendecke auf die Tannenbäume stieß. Ich zog hoch, dann war schon Feuer an der Maschine, die Turbine lief nicht mehr. Ich habe den Schleudersitz betätigt. War nicht hoch genug für den Fallschirm, der sich kaum noch öffnen konnte. Da hing ich an einer Tanne, habe den Helm und die Sauerstoffmaske an den Ast gehängt und bin runtergeklettert. Dann suchte ich Menschen und sah braune Uniformen, die ich noch nie gesehen hatte. Jetzt erst merkte ich, dass ich wohl in der Tschechoslowakei war ...“ Die beiden Flugzeugführer wurden nach 41 Tagen Einzelhaft am 3. Dezember 1959 am Grenzübergang Waidhaus wieder den deutschen Behörden übergeben.

Der zweite Zwischenfall datiert vom 14. September 1961. Während der NATO-Übung „Check Mate“ flogen Feldwebel Pfefferkorn und Stabsunteroffizier Eberl vom JaboG 32 eine Angriffsmission nach Laon in Frankreich. Wegen eines falsch anzeigenden Kompasses und nicht korrekt vorhergesagter starker Westwinde (275 km/h in der Höhe) drifteten sie in dichter Bewölkung weit nach Osten. Als Rottenführer Pfefferkorn einen Notruf sendete, wurde er von der amerikanischen Flugsicherung in Berlin nach Tegel gelotst. Zum Glück konnten etwa 40 MiG-Jäger der Sowjets die beiden F-84F nicht erreichen.

Drei Tage vor der Bundestagswahl war die Angelegenheit eine peinliche Panne für die Bundeswehr. Verteidigungsminister Strauß verfügte deshalb die Ablösung von Oberstleutnant Siegfried Barth, dem damaligen Kommodore des Lechfelder Geschwaders. Diese von Luftwaffen-Inspekteur Kammhuber überbrachte „Bier-Order 61“ wurde jedoch im Februar 1962 vom zuständigen Wehrdienstsenat als rechtswidrig bewertet und aufgehoben.

Technische Daten

kl 04-2015 Republic F-84 Luftwaffe (02)

Die letzten Thunderstreaks wurde 1966 abgegeben. Foto und Copyright: Luftwaffe  

 

Republic F-84F Thunderstreak

Hersteller: Republic Aviation, Farmingdale, USA
Besatzung: 1
Triebwerk: Curtiss Wright J65-W-3 oder J65-W-7
Schub: 32,13 kN oder 34,71 kN
Länge: 13,24 m
Höhe: 4,76 m
Spannweite: 10,25 m
Leermasse: 6195 kg
Kraftstoff: 2160 l intern
max. Startmasse: 11 450 kg
Höchstgeschwindigkeit: 1060 km/h
Marschgeschwindigkeit: 870 km/h
Dienstgipfelhöhe: 11 440 m
Steigrate: 11,46 m/s
Einsatzradius: 1380 km
Bewaffnung: 6 x 12,7-mm-MGs
Außenlasten: 2 x 1700-l-Tanks, 4 x 870-l-Tanks, Atombombe, Bomben, 42 x 2,75-inch-Raketen, 12 x 5-inch-Raketen

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 04/2015



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