20.12.2017
Erschienen in: 03/ 2015 Klassiker der Luftfahrt

Zweiter WeltkriegNorthrop P-61 Black Widow über Europa

Der schwerste Jäger der USAAF im Zweiten Weltkrieg war die P-61 Black Widow. Der Nachtjäger wurde vor allem wegen seiner Einsätze im Pazifik gegen die Japaner bekannt. Mehrere Einheiten flogen dieses Muster allerdings auch in Europa. Dort kam es nicht nur gegen Flugzeuge zum Einsatz.

Die Northrop P-61 Black Widow war der schwerste Jäger der United States Army Air Forces (USAAF) im Zweiten Weltkrieg. Das zweimotorige Flugzeug verfügte schon über ein leistungsfähiges Radar  und hatte eine starke Bewaffnung. Obwohl die ersten Besatzungen in Orlando, Florida, bereits ab Sommer 1943 auf dem Muster trainierten, dauerte es bis Mai 1944, bevor die ersten Nachtjäger-Einheiten auf dem pazifischen Kriegsschauplatz mit der P-61 eingesetzt wurden. 

Die 1943 aufgestellte 422nd Night Fighter Squadron (NFS) war die erste Einheit, die mit der Northrop P-61 Black Widow in Europa in den Kampf ziehen sollte. Sie trainierte in Florida und Kalifornien, bevor sie nach England kommandiert wurde. Ihre Soldaten erreichten die RAF-Basis Charmy Down im April 1944, nur um zu erfahren, dass die für sie bestimmten P-61 verspätet geliefert würden. Erst am 23. Mai erhielt die mittlerweile nach Scorton verlegte Einheit ihre ersten acht P-61A Black Widow. Zur Überraschung der Bordschützen verfügten diese im Gegensatz zu den Flugzeugen, auf denen sie trainiert hatten, aber nicht über den Geschützturm auf der Rumpfoberseite, so dass eine zweiköpfige Crew im Einsatz ausreichte. Die Geschütztürme wurden für die Produktion der B-29-Bomber benötigt. 

Erst in der zweiten Juniwoche 1944 war die 422nd mit einer ausreichenden Zahl an Flugzeugen ausgerüstet und einsatzbereit. Damit hatte die Invasion in der Normandie ohne die P-61 stattgefunden. Dass die Nachtjäger trotzdem mit Invasionsstreifen bemalt worden waren, ist einem Missverständnis geschuldet. Nachtjäger waren zwar von dem Zwang zur Aufbringung der Erkennungsstreifen ausgenommen, allerdings hatte die militärische Führung schlicht vergessen, den betroffenen Einheiten den entsprechenden Befehl zu übermitteln. Als Anfang Juli alle Flugzeuge und Crews einsatzbereit waren, stoppte die 9. US-Luftflotte sie, denn einige Generäle befürchteten, dass die P-61 den de-Havilland-Mosquito-Nachtjägern, die die Royal Air Force nutzte, unterlegen waren. So kam es am 5. Juli 1944 in Scorton zu einem Vergleichsfliegen zwischen beiden Mustern, das die Black Widow, die von den Mechanikern speziell präpariert war, für sich entscheiden konnte. Sie war nicht nur in 5000, 10 000 und 20 000 Fuß Höhe (1500, 3000 und 6000 m) schneller als die Mosquito, sondern stieg auch besser und erwies sich auch noch als wendiger. 

In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli fand dann der erste Einsatz einer P-61 auf dem europäischen Kriegsschauplatz statt, zunächst gegen unbemannte Ziele in Form der fliegenden Bombe Fi 103 (V1). Bereits der erste Kampfeinsatz war erfolgreich, und der P-61-Pilot Herman E. Ernst und sein Radarbediener Edward H. Kopsel schossen eine V1 über dem englischen Kanal ab. 

Am 27. Juli verlegte die 422nd nach Cherbourg-Maupertus und übernahm die Aufgabe, bei Nacht deutsche Flugzeuge zu bekämpfen. Mit dem Vorrücken der Front in Richtung Osten verlegte die Einheit erst nach Châteaudun und dann nach Florennes auf einen eroberten Fliegerhorst in Belgien.

Viele Verluste durch Unfälle und Verwechslungen

kl 03-2015 Northrop - P-61 Europa (USAF) (2)

Die P-61 Black Widow kam zu spät, um am D-Day über der Normandie zu fliegen. Erste Einsätze erfolgten gegen die V1. Foto und Copyright: US National Archives  

 

Die Besatzungen der 425th NFS, die als zweite Einheit in Europa mit dem Muster ausgerüstet wurde, mussten noch länger auf ihre Flugzeuge warten. Erst Ende Juli 1944 hatte die Squadron zwölf P-61A in ihrem Bestand. Dies war die geforderte Mindeststärke, um zum Einsatz zugelassen zu werden. Auch die 425th NFS bekämpfte zunächst V1 über dem Kanal, bevor sie nach Frankreich beordert wurde. Ab Mitte Oktober war sie in Coulommiers östlich von Paris stationiert und schützte bei Nacht den Luftraum über der Champagne gegen eindringende deutsche Flugzeuge. Beide Nachtjägereinheiten litten ab diesem Zeitpunkt einerseits unter sich häufenden Unfällen, die ohne Feindeinwirkung bei der Landung nach einem langen Nachteinsatz passierten – teilweise flogen die Besatzungen vier Missionen pro Nacht – und andererseits unter fehlenden Ersatzteilen, besonders für das Radar. Da die P-61 im Vergleich zu anderen Flugzeugtypen ein seltenes Flugzeug war, kam es besonders im Tagflugbetrieb regelmäßig zu Zwischenfällen, bei denen die Flugzeuge von der eigenen Flak be- und abgeschossen wurden. Im November 1944 war bei beiden Squadrons zusammen weniger als ein Dutzend Flugzeuge einsatzbereit. 

Mit Beginn der deutschen Ardennenoffensive am 16. Dezember 1944 waren die Nachtjäger gefordert, allerdings verhinderte das schlechte Wetter zunächst ein Eingreifen. Als sich die meteorologischen Bedingungen am 24. Dezember verbesserten, erzielte allein die 422nd NFS in den Nächten bis zum 27. Dezember elf Abschüsse. Dabei konnte sie wetterbedingt während des gesamten Monats lediglich 35 Einsätze fliegen!

Die 425th hatte zwischenzeitlich nach Etain, nordwestlich von Metz, verlegt und erreichte von dort mit der P-61 alle Ziele in Deutschland. Sie blieb dort bis zum April 1945, um dann direkt nach Giebelstadt  bei Würzburg verlegt zu werden.

Ab Januar 1945 flog die Luftwaffe zunehmend weniger. Die alliierten Nachtjäger suchten sich deshalb andere Ziele und fanden sie in Form von Güterzügen, Binnenschiffen und Konvois. Entlang der Mosel und des Rheins fuhren  ständig Züge, deren Rauchwolken sie in mondhellen Nächten verrieten. Leutnant Paul A. Smith mit seinem Radarbediener Leutnant Robert Tierney von der 422nd NFS bekämpften bei den Flügen mit ihrer P-61A mit dem Spitznamen „Lady Gen“ besonders häufig Bodenziele: Sie zerstörten bis zum Ende des Krieges fünf Züge.

Die P-61 war in Europa ein erfolgreicher Nachtjäger

kl 03-2015 Northrop - P-61 Europa (USAF) (3)

Die P-61A mit dem Spitznamen Tabitha gehörte zur 425th NFS und stürzte am 27. Oktober 1944 in Frankreich ab. Foto und Copyright: US National Archives  

 

Obwohl der weitaus größte Teil aller gebauten P-61 Black Widow im Pazifik zum Einsatz kam, war mit der 422nd NFS eine in Europa eingesetzte Einheit die erfolgreichste P-61-Einheit des Zweiten Weltkriegs. Sie schoss  insgesamt 43 bemannte Feindflugzeuge ab. Die 425th Night Fighter Squadron kam auf zehn Abschüsse. Die 414th und 415th NFS der 9. US-Luftflotte sowie die 416th und 417th NFS der 12. US-Luftflotte waren ebenfalls mit der P-61 Black Widow über Europa im Einsatz. Sie erhielten ihre Flugzeuge aber erst ab Dezember 1944 (414th und 415th) beziehungsweise im März (416th) und Mai 1945 (417th). Im Januar 1945 verstärkten Besatzungen der 417th NFS vorübergehend die 422nd NFS in Florennes in Belgien und konnten so Erfahrung mit dem Muster sammeln, die sie aber vor dem Ende des Krieges in Europa nicht mehr nutzen konnten.

Nach Kriegsende waren P-61 der USAAF  kurzzeitig in Hörsching/Österreich, Nordholz, Giebelstadt und Kassel-Rothwesten stationiert. Ende 1946 wurden die letzten P-61 in Europa auf dem Fliegerhorst Erding  im European Air Depot zusammengezogen und bewertet. Einige wenige Exemplare wurden zurück in die Vereinigten Staaten verschifft, die Masse der in Europa eingesetzten Black Widows hingegen endete in Oberpfaffenhofen, wo sie verschrottet wurde.

Technische Daten

Northrop  P-61A

Hersteller: Northrop Aircraft Corporation, Hawthorne, Kalifornien
Verwendung: Nachtjäger
Besatzung: 3 (Pilot, Radarbediener, Bordschütze)
Triebwerk: zwei Pratt & Whitney R2800-10 mit je 1492 kW (2000 PS)
Spannweite: 20,14 m
Länge: 15,11 m
Höhe: 4,47 m
Flügelfläche: 61,53 m²
Leermasse: 9509 kg
Zuladung: 5187 kg
max. Startmasse: 14 696 kg
max. Geschwindigkeit: 598 km/h
Dienstgipfelhöhe: 10 363 m
Reichweite: 1947 km
Bewaffnung: vier 20-mm-Kanonen im Rumpf. Der Rumpfrückenturm mit vier 7,62-mm-Maschinengewehren war bei den in Europa eingesetzten P-61 Black Widow nicht installiert.

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 03/2015

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Volker K. Thomalla


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