04.08.2017
Erschienen in: 08/ 2011 Klassiker der Luftfahrt

Agilität als Trumpf (Teil 2) Zweiter Weltkrieg

kl 08-2011 Morane Saulnier MS406 (01)

Ab Mai 1938 wurden die Jagdgeschwader mit dem neuen Jäger ausgestattet. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

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Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs waren knapp über 600 MS.406 C1 produziert. Fünf Geschwader waren zu dieser Zeit mit ihr ausgerüstet. Damit war sie schon zu dieser Zeit der zahlenmäßig mit Abstand wichtigste Jäger der Armée de l´Air. Zwei Geschwader flogen die Curtiss Hawk 75, von der eigentlich leistungsfähigeren Dewoitine D.520 hatten bis dahin nur 50 Exemplare die Werkhallen verlassen. Bis zum März 1940, wenige Wochen vor Beginn des deutschen Westfeldzugs, hatte die SNCA schließlich fast alle der bis dahin bestellten 1084 MS.406 fertiggestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Fertigungskadenz mit elf Flugzeugen pro Tag ihren Höhepunkt erreicht. Dann wurde die dortige Produktion auf die Bomber LeO 451 umgestellt. Für die letzten Wochen und Monate bis zum Waffenstillstand am 25. Juni wurden noch einige wenige MS.406 bei Morane-Saulnier montiert.

In den ersten Luftkämpfen gegen die Messerschmitt Bf 109D zu Beginn des Westfeldzugs Anfang Mai 1940 zeigte sich die MS.406 C1 noch nicht völlig unterlegen. Ihr Trumpf war ihre hohe Wendigkeit, doch die deutschen Jäger waren schneller. Mit vermehrtem Erscheinen der Bf 109E an der Westfront, die zunächst vor allem gegen Polen eingesetzt worden waren, hatten die französischen Jäger den nun klar überlegenen Gegnern nur wenig entgegen zu setzen. Dennoch waren die MS.406 nicht ungefährlich, vor allem für langsamere deutsche Aufklärer. Bis zum Mai 1940 gingen 32 betätigte und 16 unbestätigte Abschüsse deutscher Kampfflugzeuge auf das Konto von MS.406-Piloten. Allerdings konnten die Morane-Saulnier schon gegen anfliegende Bomber wenig ausrichten. Diese flogen fast so schnell wie die französischen Jäger und konnten sie oft mit ihrer größeren Feuerkraft auf Distanz halten.

Später gab der französische General Raymond Clausse zur damaligen Situation der Jagdflieger zu Protokoll: „Wir waren glücklich, als wir die MS-406 als Ersatz der veralteten Dewoitine D-500 und Spad S-150 erhielten. Doch das Glücksgefühl hielt nicht lange an und dauerte nur bis zu den ersten Feindkontakten. Die schwache Leistung, das instabile, vor dem Cockpit montierte Visier und die schwache Bewaffnung, die in großer Höhe oft versagte, machten uns ... zu leichten Zielen der feindlichen Jäger. Wir beneideten unsere Kameraden, die die Curtiss P-36 flogen, und hofften auf die Dewoitine D-520.“ Sie hofften vergebens. Bis zum Waffenstillstand wurden nur 220 der neuen Dewoitine-Jäger gebaut. So blieb die MS.406 das Rückgrat der französischen Jägereinheiten.

Nach dem Waffenstillstand war die Karriere der MS.406 noch nicht zu Ende. Einige französische Jägereinheiten befanden sich zu dieser Zeit in Nordafrika, Syrien und Indochina. Die Piloten schlossen sich überwiegend der Exilregierung General de Gaulles an. Das Vichy-Regime stellte ihre verbliebenen MS.406 bald außer Dienst oder gab sie auf Veranlassung der Deutschen an andere Luftwaffen ab.

Die meisten erhielt Finnland. Bereits 1939/40 hatte die Armée de l´Air 30 MS.406 C1 als Waffenhilfe an die finnische Luftwaffe gegeben, die die Flugzeuge im Winterkrieg gegen den Einmarsch der Sowjetunion einsetzte. Nach der französischen Kapitulation wurden auf Veranlassung der Deutschen weitere 47 Exemplare nach Finnland überführt. Auch nach der Okkupation Finnlands durch die Sowjets flogen die MS.406 dort weiter. Ab 1943 wurden die verbliebenen Flugzeuge noch auf stärkere Klimow M-105 umgerüstet, die 1100 PS Startleistung boten. Die letzten dieser sogenannten Mörkö-Morane stellte die finnische Lufwaffe erst 1948 außer Dienst und verschrottete sie anschließend.

Auch die Türkei hatte im Februar/März 1940 insgesamt 30 MS.406 erhalten. Im August 1942 gab das Vichy-Regime 20 Exemplare an Bulgarien. Auf Befehl der Deutschen wurden kurz darauf der kroatischen Luftwaffe noch 44 MS.406 überstellt und auch Italien sicherte sich 52 MS.406. Knapp die Hälfte davon flogen bei der Regia Aeronautica. Die anderen sollten wohl als Ersatzteilspender dienen.

Am längsten überdauerte die MS.406 jedoch in der Schweiz. Morane-Saulnier hatte bereits im September 1938 und im April 1939 zwei unbewaffnete MS.406 H (Helvetique) an die Eidgenossen geliefert. Kurz darauf fiel die Entscheidung für eine Lizenzfertigung des Jägers. Insgesamt wurden in der Schweiz 302 Exemplare gebaut. Die Eidgenössischen Flugzeugwerke Emmen, SWS Schlieren und Doflug Altenrhein fertigten zunächst 74 Exemplare mit der Bezeichnung D-3800 mit dem 860 PS leistenden Hispano-Suiza. Ab 1941 wurde eine stärkere Version dieses Motors, der HS 12Y-51 mit 1000 PS eingebaut, der bei der Schweizer Saurer AG und von SLM Winterthur ebenfalls in Lizenz gebaut wurde. Die mit diesem Motor ausgerüsteten Flugzeuge wurden als D-3801 bezeichnet. Im Jahr 1946 implantierten die Schweizer elf Exemplaren (D-3802A) eine nochmals leistungsgesteigerte Version des Motors mit 1250 PS. Ein Einzelstück blieb die D-3803 mit einem 1430 PS starken Saurer YS-3. Erst 1959 stellte die Schweizer Luftwaffe ihre letzte D-3801 außer Dienst.

Heute gibt es noch drei MS.406/D-3801. In den 90er Jahren baute der Schweizer Max Vogelsang aus mehreren Wracks eine D-3801 auf. Dieses einzige flugfähige Exemplar gehört inzwischen Daniel Koblet und ist in Bex stationiert. Zuletzt begeisterte der Jäger in Deutschland beim Oldtimer-Fliegertreffen auf der Hahnweide die Besucher. Eine weitere D-3801 befindet sich Museum der Fliegertruppe in Dübendorf. Das Musée de l´Air in Le Bourget präsentiert ein Exemplar als MS.406. Allerdings handelt es sich dabei ebenfalls um einen in der Schweiz gefertigten Lizenzbau des historischen Morane-Saulnier-Jägers.


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