27.11.2018
Erschienen in: 02/ 2014 Klassiker der Luftfahrt

Im DetailMesserschmitt Me 262

Die Messerschmitt Me 262 gehört zu den bahnbrechenden Entwürfen im Flugzeugbau: blitzschnell, schwer bewaffnet und in zahlreichen Versionen und Varianten wurde der Jagdbomber für die Luftwaffe unentbehrlich.

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Mit dieser Me 262 A-1a landete der deutsche Pilot Hans Fay am 30. März 1945 auf dem schon amerikanisch besetzten Flughafen Rhein-Main. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Die schnelle Messerschmitt Me 262 gehört zu den bahnbrechenden Entwürfen im Flugzeugbau. Das erste in Großserie gebaute Strahlflugzeug der Welt nutzte bereits eine wegweisende Konfiguration, die bis heute auch von modernen Jets, wie der Boeing 787 und dem Airbus A350, genutzt wird: Die beiden Triebwerke wurden in Gondeln unter den Flügeln aufgehängt, das Leitwerk konventionell ausgeführt.

Die unter anderem mit vier 30-mm-Bordkanonen im Bug schwer bewaffnete Me 262 entstand als Jäger. Die ersten Entwürfe für einen einsitzigen Hochgeschwindigkeits- und Abfangjäger begannen im Oktober 1938 unter Robert Lusser, noch bevor das Technische Amt im Januar 1939 seine entsprechenden „vorläufigen technischen Richtlinien LC 7/III“ dazu herausgegeben hatte. Der neue Strahljäger sollte 900 km/h Höchstgeschwindigkeit erreichen können, eine Stunde schnellen Reiseflug oder eine halbe Stunde Abfangeinsatz schaffen und in höchstens 3000 Baustunden produziert werden können. Schon im Sommer 1939 erschien mit dem Projektentwurf P 65 eine, bis auf die damals noch nicht gepfeilten Tragfl ächen, der späteren Me 262 stark ähnelnde Konstruktion mit deren typischem dreieckigen Rumpfquerschnitt.

Noch bevor die BMW-P3302-Triebwerke betriebsbereit zur Verfügung standen,  startete die erste Me 262 V 1 am 18. April 1941 mit Fritz Wendel am Steuer zum Erstflug. Als Antrieb diente dabei ein im Bug eingebauter Jumo-210-G-Kolbenmotor mit Propeller, der die Flugerprobung immerhin bis zu einer Geschwindigkeit von 450 km/h im Horizontalflug und bis zu 800 km/h im Bahnneigungsflug ermöglichte.

Der erste Start mit dem BMW-P3302-Strahlantrieb erfolgte, wie in der letzten Ausgabe von Klassiker der Luftfahrt ausführlich dargelegt, am 25. März 1942. Jedoch sollte das konkurrierende Strahltriebwerk Jumo 004 der Standardantrieb der Me 262 werden. Ab der Me 262 V 3 wurde ein gepfeilter Flügel mit einer vorgezogenen Flügelnase eingebaut. Die ersten Me 262 verfügten aber noch nicht über das Dreibein-Einziehfahrwerk. Stattdessen kam ein Spornradfahrwerk zum Einsatz, bei dem das Heck während des Startlaufs zum Abheben mit einem kurzen, scharfen Tritt ins Bremspedal in die Luft genommen werden musste. Erst die Me 262 V 5 erhielt das Serienfahrwerk und konnte normal abheben.

Seit dem Frühjahr 1943 flogen hochrangige Luftwaffenpiloten auf dem revolutionären Strahljäger, dessen Geschwindigkeit von 850 km/h ihn allen Kolbenjäger-Konkurrenzmustern seiner Zeit gegenüber überlegen machte. Doch trotz begeisterter Urteile, etwa von Adolf Galland („Es ist, als wenn ein Engel schiebt“), lag lange Zeit keine Erlaubnis für den Serienbau vor. Stattdessen gab es, während sich der Kriegsverlauf immer weiter gegen Deutschland wandte, ein jahrelanges Tauziehen um die passende Einsatzrolle der Me 262. Hitler persönlich sah in der Me 262 vor allem einen Schnellbomber zur Bekämpfung der bereits erwarteten alliierten Invasionstruppen und keinen Jäger. Er ordnete den Umbau zum Schnellbomber an. Im Mai 1944 startete die Me 262 V 10 erstmals mit einer 250-kg-Bombe unter einem neu entwickelten Rumpfträger.

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Dieses Foto zeigt den markanten, dreieckigen Rumpfquerschnitt der Me 262. Er bot viel Raum für die Bordwaffen im Bug. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Zu dieser Zeit standen auch 15 frühe Serienflugzeuge, die zur Bomber-Umrüstung ungeeignet waren, beim Kommando Nowotny in Lechfeld im Einsatz. Bei Testeinsätzen als Abfangjäger gelangen ab August 1944 erste Abschüsse feindlicher Jäger und Bomber. Dank einer hochlaufenden Triebwerksproduktion und verbesserter Triebwerkslaufzeiten konnten rund 100 vorproduzierte Rümpfe endlich ihre Antriebe erhalten und an die Luftwaffe übergeben werden.

Die Me 262 besaß wegen ihres Geschwindigkeitsüberschusses gegenüber feindlichen Jägern einen enormen Vorteil. Allerdings war sie in der Start- und Landephase und im Langsamflug schwerfällig und verwundbar. Alliierte Jäger versuchten deshalb gezielt, diese Momente über den Heimatbasen der Me 262 abzupassen. Am 7. Oktober 1944 wurden zum Beispiel zwei startende Me 262 des Kommando Nowotny von amerikanischen Mustangs im Sturzflug angegriffen und abgeschossen. Dennoch wurde die Me 262 in kurzer Zeit ein gefürchteter Gegner: Im ersten Einsatzmonat meldete allein das Kommando Nowotny den Abschuss von vier feindlichen schweren Bombern, zwölf Jägern und drei Aufklärern.

Exotische Vielfalt der Versionen

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Dieses Foto zeigt die Flugerprobung der Me 262 A-1. Beim Landeanflug war der Jäger am verwundbarsten. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Von der Me 262 entstanden zahlreiche Versionen und Varianten. Die A-1a war die Jägerversion. Die A-1a/U-1 erhielt eine veränderte Bewaffnung. Statt vier MK 103 wurden eine MK 103, zwei MK 108 und ein MG 151 eingebaut. Die Erdkampfvariante A-1a/U-4 trug sogar eine gewaltige 50-mm-Bordkanone BK5 von Rheinmetall-Borsig im Bug. Als Schlechtwetterjäger war die A-1a/U-2 konzipiert. Sie erhielt eine Kreiselanlage und eine aufwändigere Funk- und Navigationsausstattung. Ein Behelfsaufklärer war die A-1a/U-3. Statt der Waffen waren hier zwei nicht beheizte Kameras im Bug installiert. Der Blitzbomber A-2a hatte keine Panzerung hinter dem Pilotensitz und dafür eine Kurssteuerungsanlage. Er besaß Aufhängevorrichtungen für eine 500-kg-Bombe und den späteren „Deichselschlepp“ einer 1000-kg- Bombe oder für Zusatztanks. Die A-2a/U-1 war ebenfalls ein Blitzbomber, sie verfügte über das TSA-Bombenzielgerät. Eng damit verwandt war der sogenannte Schnellstbomber A-2a/U-2, der als Doppelsitzer einen zweiten Mann als Bombenschützen mitnehmen konnte. Die Bugspitze bestand hier aus Holz. Die nur projektierte Version A-3a war dagegen als Panzerflugzeug ausgelegt. Sie sollte im Rumpfmittelteil eine gepanzerte Außenhaut erhalten, wurde aber nicht gebaut. Der Aufklärer A-5a war eng mit dem Schlechtwetterjäger A-1/U-2 verwandt, er erhielt zwei Kameras im Bug.

Schließlich entstanden aus umgebauten A-1 und A-1/U-2 auch noch Schulflugzeuge, die B-1a, ohne Druckkabine. Ein Doppelsitzer war auch der Behelfsnachtjäger B-1a/U-1, der jedoch über keine Doppelsteuerung verfügte. Die vollwertige Nachtjägerversion nannte sich B-2a. Sie erhielt einen verlängerten Rumpf ohne Druckkabine. Als letzte Versionen sind noch die einsitzigen C-1a „Heimatschützer I“ und C-2b „Heimatschützer II“ zu nennen. Der Heimatschützer I sollte einen Walter-Raketenmotor als Zusatzantrieb im Heck benutzen. Für dessen Treibstoff erhielt er Zusatztanks. Der Heimatschützer II hätte dagegen Raketenantriebe oberhalb der Triebwerke erhalten sollen. Zahlreiche weitere, nicht mehr realisierte Projektentwürfe und Konzepte füllen ganze Bücher.

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Das elegante und funktionale Layout der zweistrahligen Me 262 wird bis heute von vielen Verkehrsflugzeugen genutzt. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Bis Kriegsende wurden etwa 1400 Messerschmitt Me 262 produziert und 1200 ausgeliefert, von denen aber nie mehr als 200 gleichzeitig bei Frontverbänden einsatzbereit gewesen sein dürften. Die meisten Me 262 wurden am 7. April 1945 eingesetzt. Damals kam es zu 59 Einsätzen. Die Me 262 litt sowohl unter der immer schlechteren Produktionsinfrastruktur – häufig wurden die Flugzeuge in improvisierten „Hallen“ auf notdürftig getarnten Waldwegen produziert – als auch unter der Rohstoffknappheit und dem zunehmenden Treibstoffmangel.

Doch auch nach Kriegsende endete die Produktion nicht. In der Tschechoslowakei wurden ab 1946 bei Avia noch neun Me 262 A-1a als Avia S-92 (Einsitzer) und drei Avia CS-92 (Doppelsitzer) hergestellt, die bis 1951 im Einsatz blieben. Und die Geschichte der Me 262 setzte sich weiter fort: Seit 1993 verfolgte die Texas Airplane Factory von Herbert Tischler das Projekt, anhand einer zu restaurierenden Original-Beute-Me-262 der US Navy („Weiße 35“) neue Konstruktionspläne zu erstellen. Unter dem Namen „Stormbirds“ zog die Gruppe nach Everett bei Seattle um und schaffte es dort, mit jahrelangem Einsatz und organisatorischer Hilfe von Boeing, schließlich eine Kleinserie neuer Me 262 als sogenannte A-1c (Einsitzer) und B-1c (Doppelsitzer), beziehungsweise als umrüstbare Version, zu bauen. Ursprünglich sollten fünf Flugzeuge entstehen, es fanden sich aber nur Abnehmer für zwei. Diese Me 262 erhielten als Antrieb moderne CJ610 von General Electric. Der Erstflug erfolgte im Dezember 2002. Eine der beiden Nachbau-Me-262 gehört heute zur Messerschmitt-Flugzeugsammlung in Manching. Sie wurde 2006 auf der ILA in Berlin vorgeführt. Auch die andere neue Me 262 wird heute bei der Collings Foundation in den USA flugfähig erhalten.

Technische Daten

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Die Me 262 A-1a (WNr. 170059) wurde von Fritz Müller vom EKdo 262, III./JG 7 geflogen. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Messerschmitt Me 262 A

zweistrahliger Jäger, Aufklärer und Jagdbomber, Nachtjäger

Besatzung: ein Pilot, in Doppelsitzern noch ein Bombenschütze/Radarbeobachter
Antrieb: zwei Junkers-Turbojets Jumo 004B-1, B-2, -B-3 oder -B-4 mit Axialverdichter
Länge: 10,60 m
Spannweite: 12,51 m
Höhe: 3,83 m
Flügelfläche: 21,70 m2
Flügelpfeilung: 18,3°
Kraftstoffvorrat: intern 1800 l, Zusatztanks im Rumpf für weitere 770 l, externe Zusatztanks für weitere 300 l
Höchstgeschw.: 870 km/h (Mach 0.86) in 6000 m Höhe
Steigzeit auf 6000 m Höhe: 6 min, 48 s
Reichweite mit 1800 l Kraftstoff: 480 km auf Meereshöhe, 1050 km auf 9000 m Höhe
Bewaffnung: Jäger A-1a: vier Maschinenkanonen Rheinmetall-Borsig MK 108 Kal. 30 mm, 24 ungelenkte Raketen unter den Flügeln Jagdbomber A-2a: zwei Maschinenkanonen Rheinmetall-Borsig MK 108 Kal. 30 mm, 24 ungelenkte Raketen unter den Flügeln, zwei 250-kg-Bomben unter dem Rumpfbug

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 02/2014

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Sebastian Steinke


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