18.07.2018
Klassiker der Luftfahrt

Balkan- und Kretaeinsatz beim Jagdgeschwader 77Messerschmitt Bf 109 im Fronteinsatz

Im Balkan-Feldzug und beim Kampf um Kreta spielte das JG 77 mit seinen Bf 109 eine wichtige Rolle. Für die Menschen und das Material waren die Kämpfe eine große Herausforderung. Mit diesem Bericht werfen wir ein Schlaglicht auf die Einsätze der Bf 109 beim JG 77 zwischen April und Mitte Juni 1941.

Es ist Anfang April 1941. Gerade haben der Stab, die II. und die III. Gruppe des JG 77 aus Frankreich und von Berlin ins rumänische Deta verlegt. Der Flugplatz, rund 40 Kilometer südlich von Temschwar und nur 20 Kilometer von der jugoslawischen Grenze entfernt, ist Ausgangspunkt für die bevorstehenden Einsätze des Geschwaders gegen Belgrad.

Am 4. April sind die Jäger komplett in Deta versammelt. Zwei Tage später erfolgt der erste Angriff auf die jugoslawische Hauptstadt. Gemeinsam mit der II. und III./JG 54 fliegen die Bf 109E des JG 77 vor allem Begleitschutz für die Bomber. Insgesamt 120 Bf 109E sind dazu aufgestiegen. Im Raum Belgrad kommt es zu vielen Luftkämpfen Messerschmitt gegen Messerschmitt, denn auch die ehemals befreundeten Verteidiger fliegen einige der deutschen Jäger. Den kampferfahrenen Deutschen sind die jugoslawischen Piloten jedoch weitgehend unterlegen.

Nach den insgesamt fünf Angriffen auf Belgrad, an denen fast 500 deutsche Bomber beteiligt waren, zieht schlechtes Wetter auf. Für einige Tage kann kaum geflogen werden. Auf die Kämpfe hat dies praktisch keinen Einfluss. Am 17. April kapituliert Jugoslawien.
Ab Mitte April bekämpft das JG 77 im Verbund mit anderen Einheiten vor allem die im Rückzug aus Griechenland befindlichen britischen Streitkräfte. Entsprechend werden viele Einsätze zur Unterstützung der Bodentruppen an der Küste geflogen.

In kürzester Zeit rückt das JG 77 immer weiter Richtung Peloponnes vor. Für die III./JG 77 zum Beispiel heißen die Stationen innerhalb von weniger als einer Woche Vrba, Skoplje, Prilep und Axiopolis. Die häufigen Verlegungen der verschiedenen Teile des Geschwaders bringen erhebliche technische und logistische Probleme mit sich. Weil die Bodenmannschaften oft nicht schnell genug nachkommen, fehlt es an Ersatzteilen. Reparaturen können nicht durchgeführt werden. Selbst die laufende Wartung der Flugzeuge ist nicht immer gewährleistet. Die Treibstoff und Munitionsversorgung ist unzureichend. So bleiben immer mehr Flugzeuge am Boden stehen.

Gleichmäßige Verluste auf beiden Seiten

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Der schwarze Wolfskopf auf weißem Grund war das Wappen der III./JG 77. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Allerdings wird die Gegenwehr der RAF ebenfalls immer schwächer. In den letzten Apriltagen biete sie nur noch eine Handvoll Hurricanes zum Schutz der laufenden Abtransporte der Bodentruppen auf. Für das JG 77 endet praktisch mit dem Abzug der Briten vom griechischen Festland schon Ende April ihr Balkan-Einsatz. Nach der Statistik hat das JG 77 bis dahin 27 Bf 109 in Luftkämpfen, durch Flakbeschuss, Bruch oder Zerstörung am Boden verloren. Im gleichen Zeitraum schossen Piloten des Geschwaders exakt die gleiche Anzahl feindlicher Flugzeuge ab. Überwiegend handelte es sich um Hurricanes und Blenheim-Bomber, aber auch sieben Bf 109 der jugoslawischen Luftwaffe waren darunter. So weit die nackte Statistik. Man sollte dabei nicht vergessen, dass sich hinter den Zahlen tragische Einzelschicksale auf allen Seiten verbergen.

Nach dem Ende des Balkan-Feldzugs verbleibt das JG 77 als einziges Jagdgeschwader im Südosten. Bis zum 11. Mai versammeln sich Stab, II. und III./JG 77 auf dem Feldflugplatz Molaoi auf dem Peloponnes. Hier laufen die Vorbereitungen auf den kommenden Kreta-Einsatz. Mit der Besetzung der Insel soll den britischen Streitkräften die Möglichkeit genommen werden, die für Deutschland wichtigen rumänischen Ölfelder bei Ploesti anzugreifen.  Die vorangegangenen Kämpfe haben die Zahl der einsatzfähigen Bf 109 weit unter das Soll gedrückt. Deshalb erhält das Geschwader nun mehrere Bf 109E, die das JG 54, das in Stolp auf neue Bf 109F umgerüstet werden sollte, beim Abzug aus dem Balkan-Feldzug in Belgrad-Semlin zurückgelassen hat. Die Flugzeuge werden zunächst nach Bukarest geflogen und von dort bis Mitte Mai an die II. und III./JG 77 in Molaoi übergeben.

Kurz darauf dürften auch die meisten der auf diesen Seiten veröffentlichten Farbfotos entstanden sein, die aus dem Nachlass eines Fotografen einer Propagandakompanie stammen, und deren Originaldias zum Archivbestand von Klassiker der Luftfahrt gehören. Mehrere Flugzeuge sind sowohl mit Staffelabzeichen des JG 77 und des JG 54 bemalt und so als die neu zum JG 77 gestoßenen Bf 109 zu identifizieren. Manche der Bilder zeigen auch, wie sehr die Jäger im Einsatz litten. Beim Betrieb auf den staubigen Feldflugplätzen in Südosteuropa verschliss die Technik schneller als sonst. Viele Motoren mussten vorzeitig gewechselt werden. Für die Tarnbemalung nahmen sich die „Schwarzen Männer“ offenbar kaum Zeit. Manche Flugzeuge besitzen noch das Tarnschema vom Einsatz am Kanal, andere sind provisorisch umgespritzt.

Vorbereitung auf das „Unternehmen Barbarossa“

Von Molaoi aus startet das JG 77 am 14. Mai seine Kreta-Einsätze, zunächst in den Raum um den Flugplatz Malemes, der als einziger Flugplatz gerade noch im Reichweitenbereich der Bf 109 liegt. Dennoch können die Jäger jeweils nur für knapp 15 Minuten im Kampfraum verweilen. In den nächsten Tagen fliegt das Geschwader vor allem Tiefangriffe gegen gegnerische Stellungen und britische Schiffe. Viele der vom JG 54 übernommenen Bf 109 sind mit Bombenträgern für eine 250-kg-Bombe beziehungsweise vier 50-kg-Bomben ausgerüstet.

Nach dem Kreta-Einsatz, der bis Ende Mai drei Piloten des Geschwaders das Leben kostete und den Flugzeugbestand um 27 Bf 109 dezimiert, ist die nächste Station Bukarest. Es ist nur eine kurze Pause. Das JG 77 bereitet sich hier auf das „Unternehmen Barbarossa“ vor, den Angriff auf die Sowjetunion, der am 22. Juni startet. In Bukarest trifft das Geschwader auf die rumänische Grupul 7, die ebenfalls mit Bf 109E ausgerüstet ist. Am Balkan-Feldzug noch unbeteiligt, werden die Rumänen gegen die Sowjetunion an der Seite der Deutschen antreten.

Die Verbündeten besitzen nur eine kleine Luftwaffe mit einem bunten Mix fast durchweg importierter Flugzeugmuster. Nach der sowjetischen Annektion rumänischer Gebiete erhielten die Streitkräfte aus England etwa 40 Blenheim-Bomber und ein Dutzend Hawker Hurricane. Vor Kriegsausbruch hatte Heinkel 30 He-112-Jäger und einige He 111 geliefert. Nachdem General Ion Antonescu im September 1940 die Macht übernommen hatte, lieferte Deutschland zunächst elf neue und 1941 weitere 39 gebrauchte Bf 109E. Später kamen weitere 59 hinzu. Ab 1943 wurden zudem noch einige Bf 109G bei IAR montiert.

Zum Zeitpunkt der Vorbereitungen auf das „Unternehmen Barbarossa“ in Bukarest dürften auch die Fotos von den rumänischen Bf 109E aufgenommen worden sein. Zu Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion flogen sie vor allem Einsätze gegen Bodenziele, übernahmen aber auch Begleitschutzaufgaben. Damit entlasteten die Rumänen das zunächst im Südabschnitt der Ostfront eingesetzte JG 77.
Das Schlaglicht auf den kurzen Zeitraum vom Beginn des Balkan-Feldzugs bis zum Start der Angriffe auf die Sowjetunion zeigt deutlich die hohe Belastung für die Piloten. Die Verluste waren schon damals hoch. Allein das JG 77 verlor in zwei Monaten 58 Messerschmitt Bf 109E. Im Russlandfeldzug sollte es noch wesentlich schlimmer kommen.

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 01/2008



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