05.11.2017
Klassiker der Luftfahrt

Canberra made in USAMartin B-57 - Lizenzbau und Weiterentwicklung in Baltimore

Ursprünglich als schnelle Lösung für den Koreakrieg gedacht, kam die B-57 letztlich erst in Vietnam zum Einsatz. Martin entwickelte den englischen Bomber mit neuem Cockpit weiter und baute auch eine Höhenaufklärerversion mit größeren Tragflächen.

Als am 25. Juni 1950 der Krieg in Korea begann, sah sich die US Air Force überraschend kampfstarken Flugzeugen aus russischer Produktion gegenüber. Vor allem für Muster wie dem schon im Zweiten Weltkrieg verwendeten leichten Bomber Douglas A-26 Invader suchte man dringend Ersatz. Eine Neuentwicklung hätte zu lange gedauert, und daher sah man sich auch international nach geeigneten Mustern um. Eine Delegation unter Leitung von Brigadegeneral Albert Boyd vom Air Materiel Command ließ sich am 17. August im englischen Burtonwood zum Beispiel die Canberra vorführen. Später besichtigten die amerikanischen Militärs auch die Fertigung bei English Electric in Warton.

Derweil konstituierte die US Air Force am 16. September 1950 formell einen Ausschuss, der sich mit der Beschaffung eines A-26-Nachfolgers befassen sollte. Dieser gab noch im Laufe des Monats die Anforderungen heraus. Gefragt waren unter anderem eine Marschgeschwindigkeit von 740 km/h in 12190 Metern Höhe, eine Reichweite von 1850 Kilometern und die Fähigkeit, eine vielfältige Waffenzuladung inklusive Atombomben mitzuführen.

Die Kandidatenliste umfasste zunächst den B-45 Tornado und die AJ-1 Savage von North American, die CF-100 Canuck von Avro Canada, die Martin XB-51 und die Canberra. Die letzten beiden Muster kamen den Vorgaben am nächsten, während alle anderen erhebliche Defizite aufwiesen, sei es in der Reichweite, der Zuladung oder der Wendigkeit. Obwohl die Favoriten schon Mitte Dezember feststanden, wurde am 26. Februar 1951 noch ein Vergleichsfliegen auf der Andrews Air Force Base bei Washington durchgeführt. Zu diesem Zweck überführte eine Crew der Royal Air Force eine Canberra B.2 (WD932) in die USA. Der Flug von Aldershot in Nordirland nach Gander auf Neufundland war dabei die erste Atlantiküberquerung eines Strahlflugzeugs.

Roland „Bee“ Beaumont, damals Cheftestpilot von English Electric, übernahm die Vorführung in Andrews. Nachdem er die vorgeschriebenen Manöver in sechs Minuten absolviert hatte, nutzte er die restliche Zeit seines Zehn-Minuten-Slots für einige weitere enge Kurven und eine Kurzlandung, bei der allerdings die Räder blockierten und die Reifen platzten. Trotz der kleinen Panne waren die amerikanischen Militärs beeindruckt und wählten erstmals seit dem Ersten Weltkrieg wieder ein ausländisches Flugzeug für den Lizenzbau. Das Pentagon gab die Entscheidung am 6. März 1951 offiziell bekannt. Als Hersteller wurde die Glenn L. Martin Company in Baltimore, Maryland, bestimmt, die damals relativ wenige Aufträge hatte. „Martin setzt die Entwicklung seines eigenen leichten Jetbombers XB-51 fort, und die Air Force hat die Vorbereitung von einem der zwei Versuchsexemplare als Vorserienmodell genehmigt“, so das US-Verteidigungsministerium.

Mit dem Auftrag AF33(038)22617 vom 24. März 1951 bestellte die US Air Force 250 Exemplare der als B-57 bezeichneten amerikanischen Canberra. Sie sollten zwischen November 1952 und Oktober 1953 geliefert werden. Martin beeilte sich daher, die detaillierten Lizenzbedingungen mit English Electric auszuhandeln. Der am 8. Mai unterzeichnete Vertrag sah unter anderem Lizenzgebühren von maximal fünf Prozent des Verkaufspreises vor. Außerdem sollte der Name Canberra weiter verwendet werden, was aber letztlich nicht geschah.

Im Juni 1951 wurden mit zwei DC-4 umfangreiche Konstruktionsunterlagen und Werkstattzeichnungen von English Electric zu Martin geschafft. Neben der WD932, die nach der Vorführung im März zu Martin kam, folgte am 31. August mit der WD940 ein zweites Canberra-Musterflugzeug.

Die Fertigungsvorrichtungen baute Martin im Werk Middle River bei Baltimore auf, das nach dem Krieg einige Jahre nicht genutzt worden war. Etwa 60 Prozent der Arbeiten gingen an Unterauftragnehmer. Kaiser Metal Products in Bristol, Pennsylvania, sollte wesentliche Teile der Tragflächen und die Bombenschachtklappen bauen, während Hudson Motors in Detroit das Heck übernahm. Cleveland Pneumatic erhielt den Zuschlag für das Fahrwerk. Als Triebwerk hatte man das Armstrong Siddeley Sapphire gewählt, mit Curtiss Wright als Lizenznehmer. Das in den USA als J65 bezeichnete Aggregat wurde im Unterauftrag aber zunächst von Buik Motors hergestellt, bis Qualitätsprobleme und Verzögerungen eine Rücknahme durch Curtiss Wright notwendig machten.

Die vorgeschriebene Anpassung der Canberra an die amerikanischen Normen und der Anlauf der Produktion dauerten länger als gedacht. Insbesondere die Tragflächenfertigung bei Kaiser verzögerte sich, so dass Martin diesen Part wieder übernehmen musste. Erst zwei Jahre nach Auftragserteilung rollte dann die erste B-57A (USAF-Kennung 52-1418) aus der Montagehalle und führte am 20. Juli 1953 mit Martin-Cheftestpilot O. E. „Pat“ Tibbs ihren Jungfernflug durch – eine Woche vor Ende des Koreakriegs. Eine offizielle Übergabefeier fand genau einen Monat später in Middle River statt. Zu der Veranstaltung kam auch General Twinning, Chief of Staff der USAF. Bis Dezember 1953 erhielt die USAF insgesamt acht B-57A, die alle für verschiedene Versuche verwendet wurden.


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