04.10.2017
Klassiker der Luftfahrt

Der schnellste Jäger der USA (Teil 3) Täuschungsmanöver des US-Präsidenten

kl 02-2009 lockheed yf-12a (5)

Das erste Foto des geheimen „A-11-Forschungsflugzeuges“ zeigte in Wirklichkeit den Prototyp der YF-12A, der noch nicht schwarz lackiert war. Die Behälter unter den Triebwerken enthielten Kameras zur Beobachtung der AIM-47-Abschussversuche. Foto und Copyright: Lockheed  

 

Sowohl Aufwand als auch Ausgaben des A-12-Programms wuchsen stetig, so dass es immer schwieriger wurde, „Oxcart“ geheimzuhalten. Außerdem würde der Mach-3-Jet wertvolle Erkenntnisse für andere Programme liefern können. Im November 1963 weihte man daher Präsident Lyndon B. Johnson ein, der schließlich am 29. Februar 1964 die Entwicklung der „A-11“ bekannt gab. Der Präsident sagte: „Mehrere A-11-Flugzeuge werden gerade auf der Edwards Air Force Base in Kalifornien erprobt. Sie durchlaufen intensive Versuche, um ihre Fähigkeiten als Langstrecken-Abfangjäger zu ermitteln.“ Eine mögliche Aufklärungsrolle des neuen Musters erwähnte er nicht. Das erste veröffentliche Bild der „A-11“ zeigte dann auch die erste YF-12A.

In der Tat hatten die Testpiloten Lou Schalk und Bill Park erst wenige Stunden vor der Ankündigung des Präsidenten zwei YF-12A nach Edwards überführt. Die spektakuläre Ankunft – schließlich hatte so gut wie niemand auf der Basis jemals von der Existenz eines derart fantastischen Flugzeugs gehört – wurde von einem Missgeschick begleitet: Beim Drehen vor dem offenen Hangar schossen die heißen Triebwerksabgase in die Halle und lösten die Sprinkleranlage aus.

Die echten A-12 waren natürlich aus Geheimhaltungsgründen in Groom Lake geblieben. Das Ablenkungsmanöver funktionierte. Die Medien konzentrierten sich ausschließlich auf die Rolle als Abfangjäger, die Existenz der originalen A-12 wurde erste 1982 offiziell bestätigt.

Die YF-12A sollte eine effektive Verteidigung gegen die Bedrohung des nordamerikanischen Kontinents durch feindliche Bomber ermöglichen. Der Vorteil des Mach-3-Jägers lag gemäß einer offiziellen Beschreibung darin, dass „weniger Abfangjäger benötigt werden, da er in der Lage ist, sehr schnell in jede gewünschte Gegend zu gelangen“. Außerdem könne er die Bomber abfangen, bevor diese in der Lage wären, Luft-Boden-Flugkörper einzusetzen. Am 16. April 1964 warf die YF-12A erstmals eine AIM-47 ab. Allerdings stimmte der Winkel nicht. Glücklicherweise wurde der Flugkörper nicht gezündet, sonst hätte er das Flugzeug getroffen. Ansonsten verlief die Erprobung des Versuchsjägers dank der Erfahrungen mit der A-12 relativ reibungslos. Die Tests fanden in Edwards bei der 4786th Test Squadron statt, aber zwischendurch ging es immer wieder zu Modifikationen oder Reparaturen nach Groom Lake. Die weiteren Schießexperimente verliefen erfolgreich. Sechs von sieben Zielen wurden zerstört, darunter drei bei einer Geschwindigkeit der YF-12A von Mach 3.2.

Nach der Besichtigung eines Modells der geplanten Serienversion F-12B in Originalgröße im Juli 1964 erteilte die USAF den Entwicklungsauftrag. Die Variante besaß ein durchgehendes „Kinn“ wie die spätere SR-71. Die Existenz dieses aus der A-12 weiterentwickelten Aufklärers hatte Präsident Johnson am 25. Juli 1964 verkündet. Schon im April 1962 hatte Lockheed der US Air Force eine Aufklärungsversion vorgeschlagen. Schließlich war die A-12 auf direkte Überflüge des Zielgebiets ausgelegt. Dies kam natürlich für die Luftstreitkräfte nicht in Frage, die eine Variante benötigten, die zur Datengewinnung nicht in den feindlichen Luftraum eindringen musste. Am 18. Februar 1963 hatte die USAF schließlich sechs Einheiten bestellt, die neben der geänderten Sensorausstattung in der Nase und vorderen Kinnverkleidungen einen etwas längeren Rumpf für einen zusätzlichen Tank und wie die YF-12A Platz für ein zweites Besatzungsmitglied besaßen. Schon am 29. Oktober 1964 ging die erste SR-71 von Burbank aus auf die Reise nach Palmdale, wo die weiteren Blackbirds im Air-Force-Werk 42 entstehen sollten. Dort hob Bob Gilliland am 22. Dezember erstmals von der Piste ab.

Um allerdings das öffentliche Interesse von den Blackbird-Aufklärern abzulenken, genehmigte die Air Force Rekordflüge mit der YF-12A. Am 1. Mai 1965 – dem fünften Jahrestag des Abschusses der U-2 von Gary Powers über der UdSSR – holte sich die „60-6936“ drei absolute Weltrekorde für Höhe und Geschwindigkeit von der Sowjetunion zurück: Geradeausflug mit 3331,41 km/h und Flug in gleichbleibender Höhe von 24468,86 Metern (Besatzung: Colonel Robert Stephens, Lieutenant Colonel Daniel Andre) sowie geschlossener 1000-km-Kreis mit 2644,146 km/h (Lieutenant Colonel Walter Daniel, Major Noel Warner). Pilot Stephens sagte nach seinem Rekordflug: „Es dauert fünf bis zehn Minuten, um die YF-12A aus der dreifachen Schallgeschwindigkeit in den Unterschallbereich abzubremsen. Das bedeutet, dass man bei einem Flug von Los Angeles nach New York (4500 km) bereits 1300 Kilometer vor dem Zielflughafen mit dem Reduzieren der Geschwindigkeit beginnen muss.“


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Patrick Hoeveler


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