09.11.2017
Erschienen in: 06/ 2014 Klassiker der Luftfahrt

Verkehrsflugzeug, Bomber und SeeaufklärerLockheed Ventura

Die Lockheed Ventura erfüllte im Zweiten Weltkrieg eine Menge Rollen. Sie war nicht besonders schnell, und ihre Piloten nannten sie abfällig „The Pig“ (das Schwein). Unter dem Namen „Harpoon“ war sie jedoch als Seeaufklärer und U-Boot-Jäger erfolgreich.

Die Lockheed Ventura ist ein zweimotoriger Bomber in Ganzmetall-Bauweise, der in vielen Rollen über eine erstaunlich lange Zeit bei verschiedenen Streitkräften im Einsatz war. Seine Entstehung beruht auf einem Angebot der Lockheed Corporation an die britische Royal Air Force (RAF), die im September 1939 eine Ergänzung für ihre gerade in Dienst gestellten Lockheed Hudson und einen Ersatz für ihre Bristol Blenheim suchte. Lockheed erhielt im Februar 1940 einen RAF-Auftrag über zunächst 25 Flugzeuge. Die Ventura war eine Weiterentwicklung der Lockheed 18 Lodestar. Im Vergleich zur Hudson war die Ventura 2,20 Meter länger, obwohl die Spannweite beider Flugzeuge bis auf vier Zentimeter gleich war. 

Als Antrieb für den neuen Bomber setzte das britische Air Ministry als Beschaffungsbehörde früh auf den 1850 PS starken Pratt & Whitney-Doppelsternmotor R-2800 Double Wasp mit 18 Zylindern. Lockheed stellte daraufhin Leistungsberechnungen an, die das Air Ministry veranlassten, die Bestellung im Frühjahr 1940 auf 300 Exemplare zu erhöhen. Gleichzeitig wurde dem Flugzeug von den Briten der Name Ventura Mk I gegeben. Lockheed kam mit dieser Bestellung an seine Produktionsgrenzen und reichte die Serienfertigung an die Vega Airplane Company weiter, die in unmittelbarer Nähe von Lockheed in Burbank beheimatet war. 

Die Vega Airplane Company integrierte die geforderten Waffen in das Flugzeug: zwei  7,62-mm-MGs und zwei 12,7-mm-MGs im Bug, zwei 7,62-mm-MGs in einem Rückenturm sowie zwei 7,62-mm-MGs unter dem Heck. Zusätzliche Tanks im Flügel erhöhten die maximale Abflugmasse der Ventura im Vergleich zur Lodestar um über 2,5 Tonnen auf 10 208 Kilogramm.

Am 31. Juli 1941 startete die erste Lockheed Ventura, in vollem britischen Sichtschutz lackiert, in Burbank zu ihrem Erstflug. Inzwischen waren auch die US-Streitkräfte auf das Muster aufmerksam geworden und gaben 750 Exemplare bei Lockheed in Auftrag. Zwei der frühen Flugzeuge aus dem britischen Auftrag blieben in den USA für Tests der USAAF und der US Navy. Verzögerungen beim Produktionsaufbau führten dazu, dass die ersten Venturas erst im September 1941 nach Großbritannien geliefert werden konnten. Sie wurden auf dem Luftweg über den Nordatlantik überführt. Dabei gingen im Winter 1941/42 mehrere Flugzeuge mit ihren Besatzungen verloren.

Nach der Umschulung der Besatzungen übernahm die No 21 Squadron der RAF aber erst Ende Mai 1942 die ersten Venturas und flog erst im November 1942 die ersten Einsätze über dem europäischen Kontinent. Zu diesem Zeitpunkt war das Muster bereits hoffnungslos veraltet, wie sich bei den ersten Einsätzen zeigte. Bei einem Angriff auf ein Kraftwerk in Amsterdam im April 1943 gingen beispielsweise alle zwölf eingesetzten Venturas durch Abschuss verloren. Das Muster war bei seinen Besatzungen so unbeliebt, dass sie ihm den Spitznamen „The Pig“ (das Schwein) gaben. 

kl 06-2014 Lockheed - Ventura (01)

Die PV-2 Harpoon diente auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch bei vielen Streitkräften. Portugal musterte seine letzten Exemplare erst 1975 aus. Foto und Copyright: Lockheed Corporation  

 

Bei den US Army Air Forces stand die Lockheed Ventura unter der Bezeichnung B-34 Lexington im Dienst. Ein Teil dieser leichten Bomber war im Rahmen des Lend-Lease-Abkommens für die Royal Air Force nach deren Spezifikationen gebaut worden, dann aber an die USAAF übergeben worden, um Küstenschutzaufgaben zu übernehmen.

1942 gab es eine Neuordnung der Aufgaben innerhalb der amerikanischen Teilstreitkräfte. Die USAAF musste beispielsweise die U-Boot-Jagd an die US Navy abgeben. Deswegen stoppte die USAAF die Produktion der B-34 und übergab die Verantwortung für die Beschaffung dieses Musters an die US-Marine.

Die Navy ließ das Flugzeug von Lockheed umkonstruieren. Um die Reichweitenforderung der Marine zu erfüllen, vergrößerten die Ingenieure das Tankvolumen des nun PV-1 genannten Flugzeugs um 1000 Liter auf 6083 Liter. Als Motorisierung behielt die Navy die beiden Pratt & Whitney-R-2800-31-Sternmotoren mit je 2000 PS Startleistung bei. Die Abwehrbewaffnung der PV-1 wurde auf sechs MGs reduziert (zwei im Bug, zwei unter dem Heck und zwei im Rückenturm). Der Bombenschacht wurde modifiziert, um 3000 Kilogramm Bomben verschiedener Größen oder sechs Wasserbomben oder einen Torpedo aufzunehmen. Am 3. November 1942 war das erste Exemplar der PV-1 in Burbank fertig und startete zum Erstflug. Diese Version erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen und wurde zur meistgebauten Variante der Ventura. 

Neben der US Navy nutzten auch die Streitkräfte Englands, Kanadas, Neuseelands, Südafrikas und Brasiliens die PV-1 im Zweiten Weltkrieg. Das US Marine Corps ließ einige PV-1 zu Nachtjägern mit sechs vorwärts feuernden 12,7-mm-MGs umbauen. Die Crew wurde auf drei Mann reduziert, und im Bug installierten die Mechaniker ein britisches Radar. Allerdings fand diese Variante keine große Verbreitung und wurde lediglich bei der Marine Night Fighter Squadron 531 im Südpazifik eingesetzt.

Die PV-1 war von Anfang an von der US Navy nur als schnell realisierbare Zwischenlösung betrachtet worden. Sie forderte von Lockheed noch 1942 eine grundlegende Überarbeitung des Musters, um die im Laufe des Krieges gestiegenen Anforderungen an einen Seeaufklärer zu erreichen. Die Ingenieure entwarfen einen neuen Flügel, der 2,90 Meter länger war und eine größere Tiefe erhielt als der Ventura-Flügel. Dadurch musste auch das Seitenleitwerk vergrößert werden. Der neue Flügel war in der Lage, über 7000 Liter Flugbenzin aufzunehmen, was der PV-2 Harpoon eine Reichweite von fast 3000 Kilometern ermöglichte. Die Bewaffnung der PV-2 bestand aus fünf 12,7-mm-MGs im Bug, zwei im Rückenturm und zwei unter dem Heck. Zusätzlich erhielt die PV-2 Aufhängepunkte unter den Flügeln für insgesamt acht ungelenkte HVAR-Raketen. Die US Navy war von den errechneten Leistungen des Musters so begeistert, dass sie im Juni 1943 einen Auftrag über 500 Exemplare erteilte.

Die Tragflächen hielten den Belastungen nicht stand

Am 3. Dezember 1943 erhob sich die erste PV-2 Harpoon in die Luft. Beim Flugtestprogramm wurde jedoch deutlich, dass die Tragflächen zu schwach konstruiert waren. Sie verbogen sich beim normalen Flugbetrieb. Eine Verstärkung der Flächen war unumgänglich, nahm aber viel Zeit in Anspruch. Im Juni 1944 erhöhte die US-Marine ihre Harpoon-Bestellung auf 908 Exemplare. 30 PV-2 wurden ab Ende 1944 noch ohne Flügelmodifikation als PV-2C an die Navy ausgeliefert. Die ersten Kampfeinsätze flog das Muster erst im März 1945 im Nordpazifik. Brasilien erhielt im Frühjahr 1945 sechs PV-2 und wurde damit zum einzigen Land neben den USA, das die PV-1 und die PV-2 im Zweiten Weltkrieg einsetzte. Die US Navy übernahm im letzten Kriegsjahr noch 35 weitere Harpoons. Die PV-2 waren aufgrund ihrer hohen Feuerkraft bei ihren Crews beliebt. Als die Kapitulation Japans unmittelbar bevorstand, annullierte das amerikanische Verteidigungsministerium alle ausstehenden Bestellungen für die Lockheed PV-2 Harpoon.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Venturas/PV-1 Harpoons von den britischen und amerikanischen Streitkräften innerhalb weniger Jahre an Reserveeinheiten abgegeben, außer Dienst gestellt oder eingemottet. Einige wurden in den fünfziger Jahren im Rahmen militärischer Aufbauhilfe wieder entmottet und an die Streitkräfte von Portugal, Peru, Italien, den Niederlanden und Japan übergeben. Dort leisteten sie noch lange Jahre ihren Dienst als Seeaufklärer. Portugal musterte seine letzten PV-2, die in den afrikanischen Kolonien stationiert waren, erst 1975 aus.

Nicht wenige PV-1 fanden ihren Weg auch in die zivile Welt. Sie kamen bis in die sechziger Jahre als Feuerlöschflugzeuge in den westlichen Bundesstaaten der USA zum Einsatz. Andere wurden von der texanischen Firma Howard Aero zu Geschäftsreiseflugzeugen umgebaut. Dabei wurden sie über einen Meter gestreckt, erhielten große Fenster in der Kabine, Zusatztanks und einen stromlinienförmigeren Bug. Mindestens 20 Flugzeuge wurden in verschiedenen Versionen modifiziert. Zwei der Howard 500 genannten Flugzeuge sind heute noch im Luftfahrzeugregister der FAA eingetragen.

Von den über 3400 Flugzeugen der Lockheed-Ventura-Familie existieren heute nur noch rund zwei Dutzend. Sechs davon sind  noch flugfähig, sechs sind in verschiedenen Museen weltweit ausgestellt (unter anderem im Museum of Transport and Technology in Auckland, Neuseeland, im National Museum of Naval Aviation in Pensacola, Florida, USA, und im Pima Air Museum in Tucson, Arizona, USA). Rund ein Dutzend Exemplare befinden sich in Restaurierungswerkstätten und sollen als Warbird wieder fliegen.

Technische Daten

kl 06-2014 Lockheed - Ventura (09)

Die Lockheed PV-1 ist die meistgebaute Version des Musters. Foto und Copyright: Lockheed Corporation  

 

Lockheed PV-1

Hersteller: Lockheed Corporation, Burbank, Kalifornien, USA

Verwendung: leichter Torpedobomber und U-Boot-Jagdflugzeug

Besatzung: 5

Motoren: 2 Pratt & Whitney R-2800-31 mit je 2000 PS

Spannweite: 19,96 m

Länge: 15,77 m

Höhe: 3,63 m

Flügelfläche: 51,19 m²

Leermasse: 9161 kg

max. Startmasse: 15 422 kg

Marschgeschwindigkeit: 274 km/h

max. Geschwindigkeit: 518 km/h

Steigrate: 680 ft/min

Dienstgipfelhöhe: 8015 m

Bewaffnung: vier 12,7-mm-MGs, zwei 7,62-mm-MGs, acht HVAR-Raketen. Im internen Bombenschacht: ein Torpedo oder sechs Wasserbomben oder 1361 kg konventionelle Bomben

Lockheed Ventura und Harpoon: die Versionen

kl 06-2014 Lockheed - Ventura (07)

Die Ventura G.R. Mk V der RAF entsprach der PV-1 der US Navy. Foto und Copyright: Lockheed Corporation  

 

Ventura I: 188 gebaut. Antrieb: zwei Pratt & Whitney-Double-Wasp-Motoren mit je 1850 PS. Im Einsatz bei der RAF, RCAF und SAAF, später umbenannt in Ventura G.R. I.

Ventura II: 487 gebaut. Angetrieben von zwei Pratt & Whitney-R-2800-31-Motoren mit je 2000 PS. Vegrößerter Bombenschacht und erhöhte Reichweite. Im Dienst bei der RAF, RCAF, SAAF, USAAF und US Navy.

Ventura IIa: 200 gebaut. Entspricht der Ventura II, aber Martin-Geschützturm auf dem Rumpf. Im Dienst bei RAF, RCAF, RNZAF. 

B-34A: Ventura II der RAF, die an die USAAF zurückgegeben wurden. 

B-34B: B-34A, die von der USAAF zu Navi­gationstrainern umgebaut wurden.

Ventura III: nicht gebaut.

Ventura IV: nicht gebaut.

Ventura G.R.V: 387 gebaut. Entsprachen den PV-1 der US Navy, wurden ans Coastal Command der RAF geliefert. Auch im Einsatz bei RAAF, RCAF, RNZAF und SAAF.

B-37/RB-37: Bewaffneter Aufklärer für die USAAF. 550 bestellt, nur 18 geliefert. Antrieb: Pratt & Whitney-R-2600-13-Motoren mit je 1700 PS. Ursprüngliche Bezeichnung: O-56.

PV-1: 1600 gebaut. United-States-Navy-Version der B-34. Volumen der Treibstofftanks auf 6083 Liter erhöht. Leichtere Bewaffnung. Im Bombenschacht fand ein Torpedo Platz. Im Einsatz bei USN, RAF (als Ventura G.R. Mk V), RAAF, RNZAF and SAAF. 

PV-1P: Bezeichnung von PV-1 mit zusätzlicher Kameraausrüstung für Aufklärungs­flüge. Im Dienst bei der USN.

PV-2 Harpoon: 470 gebaut. Spannweite um 2,90 m erhöht, Flügelfläche vergrößert. Tankinhalt auf 7052 Liter erhöht. Im Dienst bei USN, Forca Aerea Brazil, RNZAF. Nach dem Krieg in Frankreich, Italien, Niederlande, Japan, Peru und Portugal im Dienst. 

PV-2C: 30 gebaut. Trainingsversion der PV-2.

PV-2D: 35 aus einer Bestellung von 908 Exemplaren gebaut. PV-2-Standard mit acht 12,7-mm-MGs im Bug. 

PV-2T: Unbewaffnete Trainer. Wurden nach dem Krieg aus bestehenden PV-2 modifiziert.

PV-3: 27 Ventura II, die für die RAF gebaut, aber von der US Navy übernommen wurden.

Klassiker der Luftfahrt 06/2014

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Volker K. Thomalla


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