21.09.2018
Klassiker der Luftfahrt

GabelschwanzteufelLockheed P-38 Lightning

Von den 10 037 gebauten Lockheed P-38 Lightning hat nur ein halbes Dutzend bis heute flugfähig überlebt. Dabei wurden kurz nach dem Krieg flugfähige P-38 schon für unter 1500 Dollar verkauft.

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Dieses ungetarnte YP-38-Vorserienflugzeug trägt noch die alten Hoheitsabzeichen. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Die zweimotorige Lockheed Lightning war der einzige US-Jäger, der über die gesamte Dauer des Zweiten Weltkriegs produziert wurde. Die schnelle Lightning (Blitz) schoss als erstes Flugzeugmuster des damaligen US Army Air Corps ein deutsches Flugzeug ab und schaffte erstmals Kampfeinsätze ab England nach Berlin und zurück. Als Jagdbomber konnte die Lightning auf kurzen Strecken mehr Bombenlast schleppen als viermotorige B-17 oder B-24 standardmäßig mitnahmen. Die deutschen Piloten nannten sie wegen ihrer markanten, zu Leitwerksauslegern verlängerten Motorgondeln damals „Gabelschwanzteufel“.

Die Lightning entstand 1936 unter der Projektbezeichnung „Model 22-64-01“ als Teilnehmer der Air-Corps-Ausschreibung X-608 für einen einsitzigen Höhen-Abfangjäger. Kein Geringerer als der bald weltberühmte Konstrukteur Clarence „Kelly“ Johnson zeichnete für den ersten Lockheed-Jägerentwurf verantwortlich. Im April 1937 setzte sich Lockheeds Model 22 gegen Entwürfe von Boeing, Consolidated, Curtiss, Douglas und Vultee durch, und am 23. Juni 1937 erging der Auftrag, einen Prototyp, die XP-38, zu bauen. Zwischen Juli und Dezember 1938 beendete Projektingenieur James Gerschler die Detailkonstruktion der Lightning. Am 27. Januar 1939 startete Leutnant Benjamin S. Kelsey in March Field, Kalifornien, zum Erstflug. Gut zwei Wochen später machte Kelsey mit der P-38 (P für Pursuit/Jäger) nur 600 Meter vor dem Zielflugplatz Bruch, als er auf dem Überführungsflug nach Wright Field in Ohio gleich noch einen neuen transkontinentalen US-Geschwindigkeitsrekord aufstellen wollte. Dennoch erging im April 1939 ein Auftrag für 13 YP-38 Vorserienflugzeuge und im September 1939 für die ersten 66 P-38-Serienflugzeuge. Den Durchbruch bewirkte ein, später annullierter, gemeinsamer Großauftrag für 667 Flugzeuge der P-38-Exportversion Model 322 für England und Frankreich, der im April 1940 erteilt wurde.

Trotz Kinderkrankheiten, vor allem der empfindlichen Turbolader-Triebwerke, bewährte sich die Lightning schließlich. Über dem Pazifik wurde sie dank ihrer hohen Geschwindigkeit sogar den leichten japanischen Jägern gefährlich, sofern sie sich nicht mit diesen auf langsame Kurvenkämpfe in unteren Höhen einließ. Auch der Abschuss des Transportflugzeugs von Admiral Yamamoto mitsamt einiger Begleitjäger nahe der Salomonen im April 1943 geht auf das Konto von 16 Lightnings. Der bei Lockheed und in Lizenz bei Vultee gebaute Höhenjäger wurde in zahlreichen Versionen, darunter als Fotoaufklärer, Jagdbomber und Nachtjäger produziert. Zu den Exportkunden gehörten China, Australien und die Forces Aériennes Françaises Libres sowie, nach dem Krieg, Italien, Portugal und die Dominikanische Republik. Letzter militärischer Betreiber war bis 1965 Honduras. Bei der US Air Force waren die F-38J und F-38L schon Ende der 40er Jahre aus dem Dienst ausgeschieden.

P-38L, N25

Die einzig letzte fliegende Lightning Europas, ist der neue Star der Flying Bulls aus Österreich. Sie wurde im September 1945 mit der Werknummer 8509 und der Air-Force-Seriennummer 44-53254 als Aufklärerversion F-5G-6-LO gebaut, aber soll nicht mehr zum Kriegseinsatz gekommen sein. Im April 1946 erwarb das Unternehmen Lilee Products aus Chicago die schon wieder ausgemusterte Lightning für nur 1250 Dollar von der War Assets Administration in Kingman, Arizona.

Die zivile Registrierung erfolgte als NX25Y. Von 1947 bis 1953 war die Firma J. D. Reed aus dem texanischen Houston  Eigentümer. Mit der Bordnummer 14 wurde die P-38 zum Rennflugzeug „Bendix Racer“ und, ab 1953, zum „Sky Ranger“ von Hugh Wells aus Baltimore. 1962 bis 1963 gehörte Sylvan Lair und Vernon Thorpe aus Yukon die nun als N25Y registrierte Maschine. Dann, von 1964 bis 1970, übernahmen Marvin „Lefty“ Gardner und Lloyd Nolan von der Confederate Air Force aus Texas. Nach einem Intermezzo bei Joe Henderson kaufte Gardner das Flugzeug 1972 als „White Lightning“ wieder zurück. Bei der Rückkehr von einem Airshow-Auftritt erlitt die Lightning am 25. Juni 2001, am Steuer saß Gardners Sohn Ladd, einen Motorbrand im linken Triebwerk und musste notlanden.

Schließlich erwarb Red Bull 2005 die nicht mehr flugfähige P-38 und ließ sie bei Ezell Aviation in Texas fünf Jahre lang aufwändig restaurieren. Am 2. Juni 2008 fand der zweite Jungfernflug statt. Nach einer Schiffsreise aus Pensacola nach Hamburg-Finkenwerder flog Red-Bull-Chefpilot Sigi Angerer am 9. März 2009 die nun spiegelblank polierte P-38 in ihre neue Heimat, den Hangar 7 in Salzburg.

P-38F, NX17630, „Glacier Girl“

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Kaum zu glauben, dass das Glacier Girl jahrzehntelang im Eis Grönlands schlummerte. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Zu den berühmtesten Warbirds der Welt gehört die „Glacier Girl“, das „Gletschermädchen“ aus Grönland. Es handelt sich um die mit der Werknummer 5757 gebaute 41-7630 der US Air Force. Sie musste am 15. Juli 1942 auf ihrem Überführungsflug zur 94th Fighter Squadron nach Europa wegen schlechten Wetters in Grönland zusammen mit fünf anderen P-38 und zwei B-17 notlanden. Alle Besatzungsmitglieder wurden gerettet, aber die Flugzeuge wurden verlassen und versanken im Schnee.

Genau 50 Jahre später hatte sich eine Gruppe von Enthusiasten mit dem Ölbaron und Flugzeugsammler Rod Lewis zu der mittlerweile 82 Meter tief ins Eis gesunkenen und teilweise zerquetschten Lightning vorgearbeitet, um sie zu bergen, via Dänemark in die USA zu transportieren und wieder aufzuarbeiten. Zehn Jahre dauerte dieses Mammutvorhaben, das einem Neubau gleichkam. Dennoch sind, laut Projektleiter Bob Cardin, 80 Prozent der Teile original. Am 26. Oktober 2002 startete die „Glacier Girl“ in Middlesboro, Kentucky, zum zweiten Jungfernflug.

P-38L, Museum Dayton

In der Air Power Gallery des US Air Force Museum in Dayton, Ohio, steht eine P-38 der meistgebauten Version P-38L. Mehr als ein Drittel aller gebauten P-38 sind P-38L. Die Lightning aus Dayton ist als P-38J der 55th Fighter Squadron aus England lackiert, wie sie von 2nd Lt. Royal D. Frey geflogen wurde. Kleine Markierungen in Hutform an der linken Cockpitseite stehen für die neun erfolgreichen Bomberbegleitmissionen des Flugzeugs über dem europäischen Festland.

P-38L, „Relampago“

Diese Lightning mit der früheren militärischen Seriennnumer 44-27053 und der Werknummer 8057 trug in ihrem Leben bereits die zivilen Registrierungen NX65485, NX345, N345, N345DN und N577JB. Russell C. Reeves aus Tulsa setzte sie von 1946 bis 1950 als Landvermessungsflugzeug ein. Danach war sie bis 1953 im Besitz der Behörden von Tennessee und von 1953 bis 1957 der Firma Aero Service Corp in Philadelphia und World Wide Surveys Inc. Mit der Bordnummer 2 flog sie danach für James M. Cook aus Texas als Wetterforschungsflugzeug. 1969 übernahm die Confederate Air Force den Oldtimer und taufte ihn „Double Trouble Two“.

Wegen eines einknickenden Fahrwerks verunglückte er 1983. Bei Invader Aviation in Delaware wurde er danach wieder hergestellt. 1994 übernahm das War Eagles Air Museum in New Mexico die Lightning und stellt sie nun in schwarzer Lackierung als „Relampago“ aus. Sie ist, trotz der auflackierten Registrierung N345, heute bei der FAA im Zivilregister gelöscht.

P-38J, Udvar-Hazy Center

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In den Originalfarben blieb die Lightning des Udvar-Hazy-Centers erhalten. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Die original erhaltene P-38 im Udvar-Hazy Center des National Air and Space Museum in Washington wurde bei Lockheed mit der Seriennummer 422-2273 gebaut. Die Army Air Force übernahm die Lightning als P-38J-10-LO am 6. November 1943 und vergab die militärische Bordnummer 42-67762. Wenige Tage später erhielt die Engineering Division in Wright Field in Dayton die Erlaubnis, das Flugzeug in einen doppelsitzigen Trainer umzubauen. Es erhielt einen hinteren Sitz für den Fluglehrer und diente zur Instrumentenflugschulung von Zivilpiloten.

Diese sollten anschließend als Testpiloten fabrikneue Lightnings überprüfen. Die P-38 diente in Dayton nach mehrfachen Um- und Rückbauten aber auch als Testflugzeug für Verstellpropeller, Bombenaufhängungen und Hydrauliksteuerungen. 1946 wurde sie eingelagert und als Museumsobjekt an die Smithsonian Institution übergeben.

Technische Daten

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Dieses ungetarnte YP-38-Vorserienflugzeug trägt noch die alten Hoheitsabzeichen. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Lockheed P-38

Aufgabe:
Höhenjäger, Höhenaufklärer, Jagdbomber, Nachtjäger
Besatzung: 1
Antrieb: 2 flüssigkeitsgekühlte V12-Reihenmotoren Allison V-1710-111/-113 mit Abgas-Turboladern und 1444 PS (1062 kW) Leistung
Spannweite: 15,85 m
Länge: 11,53 m
Höhe: 3,91 m
Leermasse: 5806 kg
max. Startmasse: 9798 kg
Reisegeschw.: 467 km/h
Höchstgeschw.: 666 km/h
Reichweite: 725 km (mit Zusatztanks: 4185 km)
Dienstgipfelhöhe: 13 410 m
Bewaffnung: Aufklärerversion F-5G-6-LO mit Kameraausrüstung im Bug.
Sonst typisch (Version P-38J): eine 20-mm-MK und vier 12,7-mm-MGs im Bug sowie zwei 730-kg-Bomben.

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 02/2010

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Sebastian Steinke


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