16.02.2018
Klassiker der Luftfahrt

1966Mein Flug mit dem Starfighter

Walter Wolfrum, im II. Weltkrieg Jagdflieger auf der Me 109 mit 137 Abschüssen, 1962 Deutscher Kunstflugmeister und 1966 Mitglied der Mannschaft, die die Bundesrepublik bei den Kunstflug-Weltmeisterschaften in Moskau vertritt, ist den Lesern der Flug-Revue durch seine Testberichte von namhaften Sport- und Geschäftsreiseflugzeugen wohlbekannt. Hier bringen wir den Bericht von Walter Wolfrum über seinen Flug mit dem Starfighter.

Vor ziemlich genau 21 Jahren hatte ich das letzte Mal am Steuer einer Jagdmaschine gesessen, seitdem ist für mich die Fliegerei Vergnügen, Hobby und Sport. Aus jener Zeit geblieben ist für mich aber der Reiz schneller Flugzeuge; da meine Flugpraxis sich zwangsläufig auf Sport- und Reisemaschinen beschränken mußte, wurde dieses Interesse in den vergangenen Jahren oft zur heimlichen Sehnsucht.

Bald nach Aufstellung der neuen Luftwaffe wurden die ersten Schleier der Geheimhaltung über eine völlig neue Jägerentwicklung der Lockheed-Werke gelüftet, die F-104. Dieses Flugzeug war von Anfang an kompromißlos auf die Erfordernisse des Überschallfluges ausgelegt und hatte daher gegenüber den mehr oder weniger konservativ wirkenden Flugzeugen jener Zeit ein stark futuristisches Aussehen; an einem raketenähnlichen schlanken Rumpf mit nadelförmiger Spitze befanden sich etwa in der Mitte kurze Tragflächenstummel mit messerscharfer Vorderkante. Bei einer solchen Formgebung erschienen auch die bekannt gewordenen Leistungsdaten glaubhaft; mit einer sagenhaften Steigleistung und doppelter Schallgeschwindigkeit war dieses Flugzeug um nahezu 100% besser als die Serienjäger der 50er Jahre - ein Leistungssprung, wie es ihn in der Geschichte der Luftfahrt noch kaum gegeben hatte! Mit vollem Recht wurde daher die F-104 zum „Starfighter".

Mein brennendes Interesse, dieses Superflugzeug mit der Zauberformel „Mach 2" einmal persönlich kennenzulernen, wurde noch gesteigert, als die bedauerliche Unfallserie begann und vor Jahresfrist der heiße Meinungsstreit um dieses Flugzeugmuster anhob. Aus dem Durcheinander von Berichten, Meldungen und Kommentaren sich ein halbwegs klares Bild zu machen bzw. auseinanderzuhalten, was davon richtig, halbrichtig oder falsch war, oder auch, was aus politischen und wahltaktischen Gründen darüber gesagt und geschrieben wurde, war weder mir noch irgendeinem anderen Bundesbürger möglich. Ich war glücklich, als endlich im März d. J. die Genehmigung zu einigen Mitflügen am Doppelsteuer der TF-104 G, der zweisitzigen Trainerversion, erteilt wurde.

Vier Wochen später wurde die Sache ernst. Für mich war es sehr wesentlich, daß ich die Flüge nicht irgendwo zu absolvieren brauchte, sondern mir dazu das Jagdbombergeschwader 31 auswählen konnte, also diejenige Einheit der Luftwaffe, die als eine der ersten auf den Starfighter umgerüstet hatte und daher auch über die größte praktische Erfahrung verfügte. 

Sehr interessant war für mich zu hören, daß das Geschwader nach der Umrüstung zunächst rund zwei Jahre lang praktisch unfallfrei auf der F-104 flog, bis 1965 auch in anderen Starfighter-Geschwadern die Unglücksserie begann. Macht diese Tatsache das Starfighter-Problem noch mysteriöser oder liegt darin vielleicht ein wichtiger Schlüssel zur Beendigung der Pechsträhne? Es ist nicht meine Aufgabe, dieser Frage nachzuspüren; konzentrieren wir uns darauf, ob diese Supermaschine, deren überragende Leistungen unbestritten sind, aufgrund ihrer Eigenschaften und ihrem ganzen Verhalten in der Luft wirklich noch mit gutem Gewissen als Flugzeug, vielleicht sogar als Traumflugzeug, bezeichnet werden kann, oder ob diese Ausgeburt der Technik mit Fliegen nichts mehr zu tun hat und zu ihrer Beherrschung jahrelang gedrillte Roboter mit der fatalistischen Einstellung von Kamikazefliegern verlangt.


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