25.06.2018
Erschienen in: 02/ 2018 Klassiker der Luftfahrt

Lockheed F-104Europas letzter Starfighter

Seit 2016 fliegt in Europa wieder eine Lockheed F-104. Eine norwegische Gruppe betreibt den Jet von Bodø aus, doch leider ist die Flugzeit des Mach 2 schnellen Starfighters stark begrenzt. 2018 wird er aber auf zwei Airshows zu sehen sein.

Manned Missile“ (bemannte Rakete) oder „Zipper“ – dies sind nur zwei der Namen, mit denen einer der bekanntesten Jetfighter der Geschichte in Verbindung gebracht wird. In den späten 1950er und frühen 1960er Jahren war es vor allem dieses eine Muster, welches die Herzen eines jeden Jungen, aber auch eines jeden Militärpiloten höherschlagen ließ – böse Zungen behaupten, dass es sich dabei um ein und dieselbe Personengruppe handelt. Kurzum: Die Rede ist von der Lockheed F-104 Starfighter. Kaum ein anderes Militärflugzeug hat mehr Begeisterung, aber auch mehr Kontroversen ausgelöst als jenes, welches die Handschrift des legendären Chefkonstrukteurs der Firma Lockheed, Clarence „Kelly“ Johnson, trägt. Die Nachricht von der Restaurierung einer CF-104 in Norwegen ließ deshalb viele Luftfahrtenthusiasten aufhorchen. Und die Zuschauer, bei den seltenen Flügen vor Ort oder online mit dabei, bestätigen, dass die Jet-Fans nur auf die Rückkehr der F-104 gewartet haben.

Hinter diesem Projekt steckt als Initiator und Projektleiter ein Mann: Helge Andreassen. Der ehemalige F-104-Pilot im Dienst der norwegischen Luftstreitkräfte gründete den Verein Starfighterens Venner – zu Deutsch „Freunde des Starfighters“ – mit dem Ziel, eine F-104 flugfähig zu restaurieren. Andreassen flog nach seinem Militärdienst bis vor Kurzem als Kapitän bei Scandinavian Airlines unter anderem auf Airbus A330 und 340. Außerdem war er für die nationale Luftfahrtbehörde als Berater tätig. Diesen Background und die damit verbundenen Kontakte kamen ihm und seinem Team während des Projektes sehr zugute.

Freiwillige schrauben seit über zehn Jahren am Starfighter

Das Kernteam setzt sich ausschließlich aus Freiwilligen zusammen. Ehemalige Warte, Triebwerksmechaniker und Techniker schrauben gemeinsam mit ein paar wenigen aktiven Soldaten in ihrer Freizeit seit über zehn Jahren an der „637“. Ihre Werkstatt befindet sich in zwei Hallen auf dem Gelände des militärischen Teils des Flughafens Bodø. Viele Mitglieder sind bereits über 60, der älteste sogar stolze 82 Jahre alt. Trotzdem hat man zu keiner Zeit das Gefühl, einer gemütlichen Seniorenrunde zuzuhören. Wenn man den Vereinsmitgliedern beim Fachsimpeln und Diskutieren über anstehende Arbeiten zuhört, kann man die hohe Professionalität nicht nur sehen und hören, sondern förmlich spüren.

Die „637“ stand 20 Jahre im nahe gelegenen Luftfahrtmuseum Bodø und war in einem sehr guten Zustand. Nach einer technischen Bestandsaufnahme mussten relativ wenige Teile ausgetauscht werden. Erwartungsgemäß waren es diverse Dichtungen des Hydrauliksystems, welche erneuert wurden. Ein großes Fragezeichen waren die fest in die Zelle und den Tragflächen integrierten Treibstofftanks. Das Dichtmaterial kann nach einer langen Standzeit austrocknen und porös werden. Damit wäre das Projekt mit erheblichen Schwierigkeiten gestartet, doch bei der Inspektion wurde zum Erstaunen aller festgestellt, dass sich immer noch jede Menge Treibstoff in den Tanks befand – ein Umstand, der zwar gut für die Konservierung war, aber den Verantwortlichen noch nachträglich ein paar Schweiß­perlen auf die Stirn trieb – hatte sie doch all die Jahre mit gefüllten Tanks – sozusagen startbereit – im Museum gestanden.

Auf die Frage, welches bei dem Projekt die größten Herausforderungen waren, antwortet Andreassen, dass aus technischer Sicht der Austausch der alten C2-Schleudersitze durch die moderneren Sitze des Typs Martin-Baker Mark 7 den größten Posten darstellte. Dabei handelt es sich um die gleichen Sitze, welche auch in den deutschen Starfighter-Baureihen F-104G und TF-104G Verwendung fanden. Im Gegensatz zu den C2-Sitzen sind die Mark 7 Zero-Zero-fähig, das heißt, ein Pilot kann sich bei null Höhe und null Geschwindigkeit aus der Maschine herausschießen. Die nächste Herausforderung bestand darin, das Approval für die Eigentümerübertragung der US-amerikanischen Behörden zu erhalten. Das Department of State hat die Hand vor allem  auch auf Produkte mit militärischem Background. Der Verkauf und die Verwendung ohne deren Zustimmung ist rechtlich unzulässig und würde zu erheblichen diplomatischen Verwicklungen führen. Dieser Prozess dauerte im Fall der „637“ fast zwei Jahre. Währenddessen ruhten die Arbeiten. Bei einer Nichterteilung des Endbenutzer-Zertifikates wäre das gesamte Projekt gescheitert.

Wesentlich einfacher war die Umrüstung der Avionik mit einem modernen Garmin-GPS-System sowie mit neuen Funkgeräten. Die relativ schwachen Batterien des Starfighters wurden durch leistungsstarke ersetzt, wie sie auch in der Lockheed Martin F-16 Verwendung finden. Das Radar musste zur Gewichtskompensation in der Maschine verbleiben, lediglich der Feuerleitrechner wurde entfernt.

Ein wichtiger Punkt beim Betrieb einer solch komplexen Maschine ist die Versorgung mit Ersatzteilen. Die italienische Luftwaffe flog die F-104 bis ins Jahr 2004. Dadurch ist noch eine größere Menge an Originalersatzteilen vorhanden. Ein kleines Detail ist dabei wichtig: Bei der „637“ handelt es sich um ein Flugzeug aus kanadischer Fertigung. Die Italiener bezogen ihre Starfighter aus eigener Produktion. Viele der vorhandenen Ersatzteile stammen aus den Beständen der deutschen Luftwaffe. Und genau hier liegt das Problem. Zwar sind die meisten Teile identisch, sie haben aber eine andere Bezeichnung. Dies fiel während der Restaurierungsarbeiten auf. Aufgrund eines Haarrisses in einer der Hauptstreben musste diese getauscht werden. Ärgerlich und teuer, aber eigentlich kein großer Deal – bis festgestellt wurde, dass die Bezeichnungen im Handbuch mit denen der italienischen Ersatzteile nicht korrespondierten.

Zwei Flugvorführungen sind 2018 geplant

Wie sieht die zukünftige Planung aus? Für die internationale Airshow-Szene stellt sich natürlich die Frage: Wann wird man die norwegische F-104 im Flug bewundern können? Zuerst die gute Nachricht: Für die kommende Saison sind zwei Flugvorführungen geplant. Mit ein wenig Glück werden die Besucher der Airshow im norwegischen Sola sowie beim Tag der offenen Tür der RDAF im dänischen Aalborg den restaurierten Starfighter im Flug erleben. Es gibt zwar noch einige bürokra­tische Hürden zu überwinden, wenn diese jedoch genommen sind, steht der Teilnahme nichts im Wege.

Die nicht ganz so gute Nachricht lautet, dass die Zelle der „637“ mit 2982 Flugstunden ziemlich am Ende ihrer maximalen Lebensdauer steht – diese liegt bei gerade mal 3000 Flugstunden. Das bedeutet, dass der Verein mit der Zelle lediglich 18 weitere Flugstunden absolvieren kann. Laut aktueller Planung würde das für knapp zwei Jahre reichen. Der Starfighter wird nicht an jedem Wochentag geflogen, sondern in den norwegischen Sommermonaten von Mai bis Anfang September, und das höchstens fünf- bis zehnmal im Jahr. Der Zustand der Zelle ist aber hervorragend, eine Verlängerung der Lebensdauer ist aus technischer Sicht durchaus möglich. Die Frage ist lediglich, welche zusätzlichen Prüfungen dafür erforderlich sind und wie hoch sich die Kosten dafür belaufen. Der Verein ist zurzeit im Kontakt mit der Luftfahrtbehörde in Bodø, um diesen Punkt abzuklären.

Das Projekt F-104 wäre ohne die wohlwollende Unterstützung der norwegischen Luftwaffe, speziell der 331 Sqn, sowie diverser Institutionen wie dem Flughafen Bodø und dem örtlichen Luftfahrtmuseum nicht möglich gewesen. Trotz dieser Hilfe wird die kom­plette Finanzierung ausschließlich durch Mitgliedschaftsbeiträge und ein wenig Merchandising geregelt – öffentliche Gelder oder Sponsoring: Fehlanzeige!

Die Restaurierung der aktuell letzten in Europa flugfähigen Lockheed F-104 Star­fighter zeigt, was eine kleine Gruppe Gleich­gesinnter mit Enthusiasmus, zielorientiertem Denken und jeder Menge Professionalität erreichen kann.

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 02/2018

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Robert Kysela/CHK6


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