28.01.2014
Klassiker der Luftfahrt

Bücher unter der Lupe Jörg Mückler - Deutsche Flugzeuge im Ersten Weltkrieg

Dass das Jahr 2014 Anlass bietet, sich dem Luftkriegsgeschehen im Ersten Weltkrieg publizistisch zuzuwenden, lag nahe, da sich der hundertste Jahrestag mit flotten Schritten nähert.

Bücher unter der Lupe - Mückler 2014-01.jpg

Jörg Mückler: Deutsche Flugzeuge im Ersten Weltkrieg. Motorbuch Verlag Stuttgart 2013. 224 Seiten, 330 S/w-Abbildungen, ca. 40 Farbabbildungen, zwölf Farbrisse, zwei Karten. 29,90 Euro. ISBN 978-3-613-03605-5.  

 

Thematisch dümpelte der Erste Weltkrieg in der deutschen Nachkriegsliteratur bisher im Schatten des Geschehens 1939/45 dahin. Entsprechend ist auch die Erwartungshaltung auf kommende Veröffentlichungen eher niedrig angesiedelt. Wenn dann etwas auf die Leserschaft losgelassen wird, sind es meist Typenmonografien oder die 112. Betrachtung des „Roten Barons“. Erinnert sei nur an die 2007 hierzulande erschienene und offensiv beworbene, aber an ihrem selbstgesetzten Anspruch („neue Erkenntnisse!“) gescheiterte Richthofen-Biografie von Joachim Castan.

Die überwiegende Zahl der Veröffentlichungen zum Luftkriegsgeschehen 1914/18 stammt aus den USA oder aus England. Deren Texte sind allerdings eher kritisch zu betrachten, weil viele der Autoren nicht in der Lage bzw. nicht willens sind, deutsche Originaldokumente zu lesen, geschweige denn sich diese aus deutschen Archiven zu beschaffen. Gleichzeitig forscht hierzulande eine kleine Handvoll wirklicher Experten auf dem Gebiet seit Jahrzehnten, ohne zu Potte zu kommen – schade!

Umso überraschender war die Ankündigung des Motorbuch Verlages, einen Titel mit dem Anspruch einer Gesamtdarstellung herauszubringen. Für den 30. November 2013 angekündigt, weiß vermutlich nur der Verlag selbst, warum die fertig gedruckten Bücher nicht für das Weihnachtsgeschäft zur Auslieferung gelangten. Einen Monat später liegt der Titel nun endlich vor…

Um gleich eins vorweg zu nehmen: Der Titel ist irreführend! Auf 224 Seiten werden keine Flugzeugtypen zelebriert, entsprechend wird keine übliche Technikgeschichte abgeliefert, wie man es möglicherweise fehlinterpretieren könnte. Zwar stehen die Flugzeuge in all ihren Variationen im Mittelpunkt der 330 Abbildungen, aber sie sind als notwendige Illustrationen der überaus komplexen Organisations- und Strukturgeschichte der deutschen Fliegertruppe untergeordnet. Vielmehr handelt es sich um eine seit langem fällige Beschreibung und Bewertung von Abläufen, Personen und Strukturen aus heutiger Sicht und unter Zugrundelegung eines Wissensstandes, der bisher nur einem überschaubaren und nahezu geschlossenen Kreis von Enthusiasten bekannt war.

Der erste Blick in das Buch selbst überrascht mit Unmengen bisher nie gesehener Fotos, an deren Druckqualität nichts zu bemängeln ist. Das ist nicht selbstverständlich, weil Autoren oftmals minderwertiges Bildmaterial abliefern, das aus Kostengründen von den Verlagsgrafikern kaum noch bearbeitet wird und mit dem Hinweis auf das Alter der Bilder im Klappentext abgesegnet wird. Es geht auch anders! Das Umblättern selbst ist eine wahre Freude, weil der Verlag sich zu einer Fadenbindung entschlossen hat. Hier sei an die drei einmaligen Bände Peter Riedels zur Segelfluggeschichte auf der Wasserkuppe erinnert: Deren Klebebindungen haben sich nach mehr als 30 Jahren pulverisiert.

Der Inhalt des hier besprochenen Buches gestaltet sich bei jeder erneuten Durchsicht als Fundgrube von Original-Zitaten und einem fundierten Fachwissen. Das Lesen erfordert eine hohe Aufmerksamkeit, damit sich die Wirrungen der damaligen Ereignisse offenbaren. Um den Inhalt nicht zur schweren bzw. unverdaulichen Kost verkommen zu lassen, bedient sich der Autor Jörg Mückler einer lebendigen, teilweise saloppen Sprache und spart nicht mit Seitenhieben auf so manchen „Helden“ der Lüfte, wobei er so manche seit Jahrzehnten ungeprüft übernommene Legende entlarvt.

Nach der dritten Durchsicht offenbart sich das größte Manko dieses Buches: Es ist zu dünn! Von einem Moment zum anderen wird man in aller Kürze durch die unterschiedlichsten Themenfelder geführt, ohne immer in die Tiefe zu gehen. Verständlich, weil das ganze Projekt aus Verlagsperspektive nur an einen überschaubaren Kreis von Interessenten verkauft werden kann. An dieser Stelle hat der Autor meist zu kuschen und sein Manuskript radikal zu kürzen, damit es in die Verlagskalkulation passt. Dieser üblichen Praxis wird sich auch Jörg Mückler nicht entzogen haben.

So entsteht ein wenig der Eindruck, dass manche Abschnitte unvollendet wirken und hier und da Brüche im Text auffallen, die wohl auf nachträgliche Kürzungen zurückzuführen sind und nicht mehr abgeschliffen werden konnten. Wenn es neben dem Umfang des Werkes überhaupt etwas Handfestes zu bemängeln gibt (200 Seiten mehr hätten dem Ganzen gut getan), dann sind es vollkommen überflüssige Schreibfehler, die oftmals unter Zeitdruck der Autoren einfach aus Betriebsblindheit entstehen. An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein, ob der zuständige Verlagslektor das Manuskript überhaupt gelesen hat, bevor es in das Layout ging? Damit solche Fehler vermieden werden, gibt es diese Funktion überhaupt. Und was hat der Layouter sich dabei gedacht, Originaldokumente, deren Inhalte eigentlich der Information dienen sollten, als unlesbare Miniaturen darzustellen?

Wie auch immer: Dieses Buch ist ein alternativloses MUSS zu einem unschlagbar niedrigen Preis und holt endlich das Thema Luftkrieg im Ersten Weltkrieg aus seiner verstaubten Nische. Es ist schon bemerkenswert, wie es dem Autor gelang, auf nur 224 Seiten eine derart profunde Gesamtdarstellung von den Geburtsjahren der deutschen Militärluftfahrt bis zum Grenzkonflikt mit Polen (1919) abzuliefern. Abschnitte zur Entstehung und dem Einsatz von Fesselballonen und Luftabwehrwaffen (Flak) runden das Gesamtbild ab. Wohltuend zurückhaltend dagegen der Umgang mit ausgereizten Schlagwörtern wie „Richthofen, Dreidecker & Co“, deren Hintergrund nüchtern ins Gesamtgeschehen eingebettet wird. Zu guter Letzt bleibt die ketzerische Frage: Wann kommt Band 2?

Marton Szigeti

Jörg Mückler: Deutsche Flugzeuge im Ersten Weltkrieg. Motorbuch Verlag Stuttgart 2013. 224 Seiten, 330 S/w-Abbildungen, ca. 40 Farbabbildungen, zwölf Farbrisse, zwei Karten. 29,90 Euro. ISBN 978-3-613-03605-5.



Weitere interessante Inhalte
Deltaflügler Avro 698 Vulcan

19.04.2018 - Der vierstrahlige strategische Deltaflügel-Bomber Avro Vulcan gilt als spektakulärstes Muster der drei „V-Bomber“ der Briten. Seit den fünfziger Jahren stellte die Vulcan die nukleare Abschreckung für … weiter

Kurze Karriere Jagdgeschwader 75

18.04.2018 - Ursprünglich wollte die Luftwaffe zwei Geschwader mit dem Allwetterjäger F-86K Sabre aufstellen. Das JG 75 existierte in Leipheim jedoch nur sieben Monate und war der Vorläufer des JG 74 in Neuburg an … weiter

Himmelsräuber Douglas A-1 Skyraider

17.04.2018 - Als letztes trägertaugliches US-Großserienflugzeug mit Kolbenmotor genießt die Douglas Skyraider heute Kultstatus. Anders als ihre schlankeren Schwestern aus dem Zweiten Weltkrieg wurde die Skyraider … weiter

Überschalljäger Die Century-Series-Jets der US Air Force

17.04.2018 - Die berühmten Überschalljäger mit einer Typenbezeichnung ab 100 bildeten lange Zeit nicht nur im Bereich der Abfangjagd - wie die F-102 Delta Dagger und F-106 Delta Dart - das Rückgrat der US Air … weiter

Fotodokumente Flugboote der Short Brothers

17.04.2018 - Die Brüder Eustace, Oswald und Horace Short waren schon früh von der Luftfahrt fasziniert und gründeten bereits 1908 ihr eigenes Unternehmen zum Bau von Flugzeugen. Die Firma aus dem nordirischen … weiter


Klassiker der Luftfahrt 04/2018

Klassiker der Luftfahrt
04/2018
09.04.2018

Abonnements
Heft-Archiv
Einzelheft bestellen


- 100. Todestag: Manfred von Richthofen
- Hitler Attentat: An Bord mit von Stauffenberg
- Kanadisches Fliegerass George Beurling
- Grumman FM-2 Wildcat
- Spitfire PR XI