19.09.2018
Klassiker der Luftfahrt

Heinkel He 162 darf an die FrontStrahler im Endkampf

Aus der Zeit nach der Übernahme der Funktion des Generalluftzeugmeisters durch Erhard Milch (zwei Tage nach Ernst Udets Selbstmord) am 19. November 1941 sind zigtausende Seiten Protokolle und Notizen seines alltäglichen Wahnsinns erhalten geblieben. In Reinform läßt sich hier die ungeschminkte Realität des Ministeriums-Tagesgeschäftes nachvollziehen.

Selbst die schleichende Entmachtung Milchs nach der Gründung des Jägerstabes unter der Regie Speers und Saurs hielt Milch nicht davon ab, die Protokolle zu sammeln. Die erfolgreiche Arbeit des Jägerstabes führte Mitte 1944 zu einer erneuten Namensänderung, um die Bomber nicht zu benachteiligen – nunmehr tagte der Rüstungsstab. Am 1. August 1944 verfügte der Reichsmarschall eine erneute Änderung: Die Dienststelle „Chef der Technischen Luftrüstung (Chef TLR)“ wurde aufgestellt.

Im folgenden Auszug (im originalen Wortlaut) aus dem Kriegstagebuch des Chef TLR vom 15. März 1945 wird die He 162 (Erstflug am 6. Dezember 1944) trotz einiger Probleme für den Einsatz freigegeben. Wem noch nicht bewußt sein sollte, unter welchen Begleitumständen sich der Einsatz der 162 bewegen sollte, mag die „Eigene Lage“ aus dem KTB TLR Berichtswoche 16.3.1945 bis 4.4.1945 entnehmen.

Marton Szigeti

B. Einzelaufgaben

I. Flugzeuge – 8 – 162

Freigabe: Für die ersten zur Ablieferung bereitstehenden Serienflugzeuge wurde Freigabe in Form einer vorläufigen Fluggenehmigung ausgesprochen, zunächst Beanspruchungsgruppe H4 mit gewissen Geschwindigkeitsbeschränkungen:

Va in 5 km: 700 km/h

Va in 5-7 km: 600 km/h

Va in 9-10 km: 400 km/h.

Einweisflüge der Truppe dadurch bereits jetzt im Rahmen des Vertretbaren möglich.

Stabilisationsschwierigkeiten:

Zur Beseitigung der Stabilisationsschwierigkeiten wurden von DVL Leitbleche an der Landeklappe angebracht. Änderung rückwirkend für alle Flugzeuge.

Betriebsfestigkeit und Flattersicherheit:

DVL wurde mit der Untersuchung und den entsprechenden Versuchen beauftragt.

Auffangstaffel 2./JG 1:

10 Flugzeugführer in Wien unter Ltn. Hachter mit M19; die Männer wurden mit dem Flugzeug gut fertig und äußerten sich positiv.

Vorläufige Flugleistungen:

Erflogen am 3.3.1945: Vw = 960 km/h in 3800 m, Flugzeug dabei stabil.

Lagebericht des Chef TLR - März 1945

Eigene Lage:

Im Osten nahm der Feind Gotenhafen und Danzig, während an einzelnen Stellen dieses Raumes noch erbittert gekämpft wird.

Im Südosten gelang es dem Feind unsere Abwehrfront im west-ungarischen Raum zu durchbrechen und im schnellen Vorstoß über die Reichsgrenze Wiener-Neustadt zu nehmen und weiter in Richtung auf Wien vorzustoßen.

Im Westen: Nachdem bis zur Monatsmitte das gesamte links-rheinische Gebiet in der Hand des Feindes war, brachte der Feind die auf dem Ostufer des Rheins laufende deutsche Front von Emmerich bis Mannheim zum Einsturz. Zwischen Emmerich und Wesel stieß er nördlich der Lippe in Richtung Osten vor und erreicht über Münster, Bielefeld den Raum Minden-Osnabrück. In Rheine und Münster wird noch erbittert gekämpft. Aus dem erweiterten Brückenkopf von Remagen stieß der Feind einmal in nordöstlicher Richtung über Siegen-Brilon nach Norden bis Lippstadt und Paderborn und konnte mit den nördlich der Lippe vorgehenden Kräften Verbindung aufnehmen, sodaß das Ruhrgebiet vom Reichsinnern abgeschnitten wurde. Der andere Stoß aus diesem Raum in Richtung Osten erreichte mit Spitzen Kassel, Mülhausen, Gotha und Suhl. Südlich des Mains erreichte der Feind nach seinem Durchbruch über Darmstadt-Lohr-Würzburg-Ochsenfurth. Frankfurt wurde genommen. Aus diesem Raum nach Süden vorstoßend erreichte er in der oberrheinischen Tiefebene Bruchsal und von Norden her den Raum Heilbronn.

Die gesamten Operationen des Feindes befinden sich noch im vollen Fluß. Deutsche Kampfgruppen und Stützpunkte halten sich im Rücken des Feindes.

Die Luftangriffe der Amerikaner richten sich weiterhin in erster Linie gegen Transportwege, sodann gegen Werke der Panzerfertigung.

In der Gesamtarbeit der Luftrüstung sind die Auswirkungen dieser militärischen Lage zu spüren. Durch zahlreiche Um- und Verlagerungen sind die Verbindungen zwischen den einzelnen Organen der Führungsinstanzen (R.f.R.u.K. – Chef TLR – Industrie) abgerissen bzw. äußerst mangelhaft. Insbesondere macht sich der Mangel einer frühzeitig erteilten Vorschau auf die voraussichtliche militärische Entwicklung für die Planung der Beschaffung, von Verlagerungen und Auflockerungen unheilvoll bemerkbar.



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