09.01.2018
Erschienen in: 05/ 2016 Klassiker der Luftfahrt

Englands erster JetGloster E.28/39

Wie Ernst Heinkel in Deutschland stieß Großbritanniens Strahltriebwerk-Erfinder Frank Whittle Mitte der 30er Jahre bei der Suche nach Finanziers seiner Entwicklung zunächst auf ein eher skeptisches Militär. So entschlossen sich Heinkel und Whittle, Projekte privat zu finanzieren oder eine ganze Firma wie Whittles Power Jets Ltd. zu gründen, um, jeder für sich, die revolutionäre Erfindung voranzutreiben. Daraus ging Englands erstes Flugzeug mit Strahlantrieb hervor – die Gloster E.28/39.

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Nach kleinen Hüpfern in Brockworth hob die E28/39 erst in Cranwell offiziell ab. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Bekanntlich startete Erich Warsitz mit Heinkels He 178 am 27. August 1939 zum weltweit ersten Flug mit Strahlantrieb. Frank Whittle musste zu dieser Zeit noch immer ohne passendes Versuchsflugzeug für sein neues Triebwerk U-Type auskommen. Nur langsam erkannte man im britischen Air Ministry angesichts der deutschen Aufrüstung die potenzielle Bedeutung von Whittles Entwicklung. Für deren verbessertes Triebwerk W1 mit Zentrifugalkompressor wurde 1939 dringend ein fliegender Testträger gesucht. Das Air Ministry ließ alle in Frage kommenden Flugzeugentwürfe des Vereinigten Königreichs auf Eignung prüfen – vergeblich. Für das Strahltriebwerk musste erst ein maßgeschneidertes Testflugzeug gebaut werden. 

Den Auftrag erhielt mit der Gloster Aircraft Company schließlich im August 1939 ein mit eigenen Konstruktionsarbeiten vergleichsweise unterbeschäftigtes Flugzeugwerk, das vor allem Lizenzflugzeuge für Hawker in Großserie baute. Bei Gloster machte sich Konstrukteur George Carter, 18 Jahre älter als Whittle, an den Entwurf des exotischen Hochgeschwindigkeitsflugzeugs. Nach Absprache mit Frank Whittle wurde Carters ursprüngliche Idee, das Flugzeug mit einem Doppelleitwerk auszurüsten, verworfen. Der wieder konventionell ausgelegte Entwurf erhielt die Werksbezeichnung G40 (inoffiziell „Pioneer“). Offiziell trug der Jet die unauffällige Bezeichnung „Experimentalflugzeug Nr. 137“ und den Codenamen „Weaver“. 

Seine Konstruktion wurde betont einfach ausgelegt und die Struktur zu großen Teilen aus Holz gefertigt, aufgeteilt in Sektionen. Der Leistungs­katalog des Air Ministry forderte beeindruckende Werte: Dienstgipfelhöhe 9144 Meter, Startstrecke 365 Meter und nur 120 km/h Landegeschwindigkeit. Die Höchstgeschwindigkeit wurde mit mindestens 611 km/h auf Meereshöhe angenommen, als man Ende November 1939 Carters Grundentwurf verabschiedete. Die ersten Flüge waren ohne Bewaffnung geplant, vorsorglich eingebaute Waffenräume sollten aber spätere Schussversuche bei Hochgeschwindigkeit mit vier nachrüstbaren Browning-MGs und jeweils 500 Schuss ermöglichen. Die Struktur sollte voll bewaffnet und betankt Beschleunigungen bis zu 4 g aushalten. Wegen fehlender Leistungsreserven des Triebwerks verzichtete man nachträglich jedoch auf die Forderung der Bewaffnung.

Bau unter strengster Geheimhaltung

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Das erste englische Flugzeug mit Strahltriebwerk absolvierte im Mai 1941 seinen Erstflug. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Den ersten beiden nun als E.28/39 (Codenamen „Tourist 1“ und „Tourist 2“) bezeichneten Experimentalflugzeugen wurden die Bordnummern W4041 und W4046 zugeteilt. Ihr Stückpreis wurde mit 18 500 Pfund angesetzt. Als Triebwerkslieferant erhielt Power Jet sogar eine Sonderzahlung in Höhe von 500 Pfund für „Beiträge zur Entwicklung des Flugzeugs“. Dessen Bau begann unter strengster Geheimhaltung bei Gloster in einer Werkstatt in Cheltenham Spa. Hier kümmerte sich George Carters Stellvertreter Richard Walker zunehmend um das Projekt. Walker brachte von der Konstruktion des Metallflügels der Hawker Hurricane kostbare Erfahrungen für das Tragwerk des neuen Hochgeschwindigkeitsflugzeugs mit. Zwei unterschiedliche Sätze von Flügeln wurden gebaut: Einer war für hohen Auftrieb, der andere für maximale Geschwindigkeit optimiert. Das erste Bugradfahrwerk eines britischen Serienflugzeugs steuerte Zulieferer Dowty bei.

Angesichts der Bedrohung durch deutsche Luftangriffe ordnete die britische Regierung im Sommer 1940 an, alle Flugzeugwerke zu verlagern. Auch die Prototypen der E.28/39 wurden in gesondert bewachte Lagerhallen der Autowerkstatt Regent Motors in Cheltenham verlegt. Anfang 1941 konnte die erste E.28/39 zerlegt zum Gloster-Werksflugplatz Brockworth gebracht werden. Am 6. April fanden dort die ersten Triebwerksstandläufe in einem Hangar statt.

Am Abend des 7. April rollte Cheftestpilot Gerry Sayer erstmals mit dem neuen Jet über den aufgeweichten Rasen des kurzen Platzes. Oberhalb von 10 000 Umdrehungen ließ sich das Bugrad abheben. Am 8. April gelangen erste Hüpfer, dabei bäumte sich die E.28/39 jedoch bedrohlich auf. Die ersten richtigen Flüge wurden, mit verbesserter Steuerung, in Cranwell durchgeführt. Hier hob Gerry Sayer am 15. Mai 1941 zum 17-minütigen Jungfernflug ab. Das Bugrad musste zur Landung per Notpumpe ausgefahren werden.

In den kommenden Monaten wurde die E.28/39 mit kleinen Hilfsflächen am Leitwerk ausgerüstet und mit unterschiedlichen Triebwerken getestet. Der zweite Prototyp erhielt ein Rover-W2B-Triebwerk, der erste schließlich ein W2/500 mit 7,6 Kilonewton Schub.

Mit der zweistrahligen Gloster G41 Meteor folgte der G40 im März 1943 Großbritanniens erster strahlgetriebener Jäger mit Einsatzreife. Erst 1944 wurde die Existenz der E.28/39 offiziell eingeräumt. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt der Prototyp W4041/G einen Ehrenplatz im Science Museum in London.

Technische Daten

Gloster E.28/39
Einstrahliges Testflug­zeug zur Erprobung des Strahlantriebs

Besatzung:
ein Testpilot
Antrieb: ein Turbojet-Strahltriebwerk Power Jets W1 mit 3,8 kN Schub
Länge: 7,74 m
Spannweite: 8,84 m
Höhe: 2,70 m
Flügelfläche: 13,6 m2
Leermasse: 1300 kg
max. Startmasse: 1700 kg
Kraftstoffvorrat: 307 l
max. Flugdauer: 1 h
Höchstgeschw.: 804 km/h
Steigleistung: 1000 ft/min (300 m/min)
Dienstgipfelhöhe: 9755 m
Testbewaffnung: vier Browning-MGs, Kal. 7,7 mm (nicht mehr eingebaut)

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 05/2016

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Sebastian Steinke


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