11.05.2017
Erschienen in: 07/ 2013 Klassiker der Luftfahrt

Karriere mit Schwalbe, Tigerschwalbe und Tiger (Teil 2) "Biest" löst Tigerschwalbe ab

kl 07-2013 Fieseler Kunstflug (08)

Für die Wettbewerbssaison 1932 ließ sich Gerhard Fieseler ein Flugzeug für seine Spezialbedürfnisse auf den Leib schneidern. Der F2 Tiger D-2200 (ab 1934 D-IRAM) war sein letztes Spielzeug. Foto und Copyright: DEHLA  

 

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Auf Dauer konnte Gerhard Fieseler mit seiner kleinen Schwalbe allerdings der Konkurrenz nicht standhalten. Ende 1928 gab er seine Wünsche dem Konstruktionsbüro der RaKa in Kassel bekannt. Das Ergebnis: die für Fieseler maßgeschneiderte RK 26 Tigerschwalbe, wieder von Paul-John Hall konstruiert und zunächst mit einem 220 PS starken Armstrong-Siddeley Lynx ausgerüstet. Mit 37 000 Reichsmark nicht gerade ein Schnäppchen, aber mit zunehmendem Erfolg stiegen auch die Preisgelder und Honorare.

Während der Trainingsflüge für die am 30. Juni 1929 anstehenden Deutschen Kunstflugmeisterschaften stürzte Fieseler im März mit der noch nicht zugelassenen Maschine in Kassel ab. Mit an Bord war Halls Nachfolger im RaKa-Konstruktionsbüro, Richard Bauer, der zum Glück mit heiler Haut davonkam. Trotz eines Knöchelbruchs und eines Totalschadens musste umgehend ein neues Flugzeug her. Die Ersatzmaschine konnte noch rechtzeitig fertiggestellt werden und erhielt das Kennzeichen D-1616. Sie wurde von einem tschechischen Motor Walter Castor angetrieben, dessen sieben Zylinder 260 PS entwickelten. Humpelnd und mit Schmerzen konnte Fieseler nun zum zweiten Mal den Titel des Deutschen Kunstflugmeisters erfliegen, diesmal in Mülheim/Ruhr.

Von der Zuverlässigkeit der Tigerschwalbe überzeugt, konnte er seine alte D-1212 an die Fluggruppe der TH Aachen verkaufen. Hans Sander, der spätere Chefpilot der Focke-Wulf-Werke, hat sie dann als junger Student und Flugschüler im Jahr 1931 „getötet“.

Im April 1930 wagte Fieseler den Sprung zum Fabrikanten und kaufte den maroden Betrieb Segelflugzeugbau Kassel. Aufgrund der katastrophalen Wirtschaftslage blieben Aufträge und damit auch ein Einkommen aus. Lichtblick war da die Deutsche Kunstflugmeisterschaft 1930, die teils in Wiesbaden, teils in Köln ausgetragen wurde. Zum dritten Mal konnte Fieseler den Meisterschaftstitel erlangen. Ein Jahr später sorgte eine verpfuschte Kunstflugfigur für den Ausschluss von der Berliner Kunstflugmeisterschaft im September 1931. Der zwölf Jahre jüngere Gerd Achgelis rückte so auf den ersten Platz vor.

Nach drei Jahren auf der Tigerschwalbe D-1616 beschloss Fieseler für die Saison 1932 den Bau einer neuen und stärkeren Maschine. Da er selbst vom Konstruieren nichts verstand, übertrug er diese Aufgabe seinem Betriebsingenieur Emil Arnolt, der erstmals ein Motorflugzeug entwickeln musste. Die im Frühjahr 1932 fertiggestellte Maschine F2 Tiger geriet mit einem Fluggewicht von mehr als einer Tonne zu schwer, was nur durch den 420 PS starken Walter Pollux kompensiert werden konnte.

Mit viel Einfühlungsvermögen und etwa 100 Probeflügen konnte das „Biest“ durch die Hand des Meisters gezähmt werden. Am 10. Juli 1932 standen die 5. Deutschen Kunstflugmeisterschaften in Breslau an. Fieseler wollte seinen Titel zurück, was ihm auch gelang. 14 Tage später holte er sich in Zürich auch noch den Titel des Europameisters 1932. Diese Doublette wiederholte sich im Jahr 1933 in Berlin und Lyon.

Der Spagat, Kunstflieger und Fabrikbesitzer in einer Person zu sein, zwang Fieseler zu einer Entscheidung: er traf sie zugunsten der Fabrik. Nach der Weltmeisterschaft im Jahr 1934 sollte endgültig Schluss sein. Am 9. und 10. Juni 1934 war es soweit. Vor rund 150 000 Zuschauern im Pariser Schlosspark Vincennes stritten neun Piloten aus sechs Nationen um den Sieg in der Meisterschaft. Mit einem Programm aus 38 Kunstflugfiguren setzte sich Gerhard Fieseler trotz eines Zwischenfalls mit 28 Punkten Vorsprung vor seinen stärksten Gegner, den Franzosen Michel Detroyat, der eine 500 PS starke Morane-Saulnier MS 225 flog. Weltmeister! Mit dieser Sensation wurde er zurück in Deutschland gleich zum Star der noch anstehenden KdF-Flugtage in Köln und Dortmund.

Nach acht Jahren, am 21. Oktober 1934, verließ der „Tiger“ mit einem klassischen Flugprogramm auf dem Frankfurter Rebstock die Bühne der Kunstfliegerei. Seine F2 D-2200 (D-IRAM) wurde an die Kette gelegt und in Kassel eingelagert, da sie aufgrund ihrer Eigenschaften praktisch unverkäuflich war. Jahre später überließ Gerhard Fieseler die F2 Tiger der Deutschen Luftfahrtsammlung in Berlin. Sie wurde in ihr Depot aufgenommen und während des Krieges vernichtet. Seine alte Tigerschwalbe D-1616 hingegen wurde im Dezember 1934 von der Kölner Kunstfliegerin Liesel Bach gekauft, deren eigenes Spezialkunstflugzeug Klemm L 28, D-2495, zuvor Opfer einer Bruchlandung geworden war. Silbercelloniert und mit rotem Bug übernahm sie das Flugzeug mit der neuen Kennung D-EVUK im März 1935. Der fünffache Deutsche Kunstflugmeister, zweimalige Europameister und Weltmeister konzentrierte sich ab sofort nur noch auf sein drittes Leben in der Fliegerei – als Fabrikant im System der deutschen Luftrüstung.


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