25.09.2017
Klassiker der Luftfahrt

Das fliegende Auge der U-BooteFocke-Achgelis Fa 330

Die Focke-Achgelis Fa 330 sollte den U-Booten der deutschen Kriegsmarine dazu verhelfen, ihre Fernsicht entscheidend zu verbessern. Der Tragschrauber wurde zusammengeklappt an Bord transportiert und – bemannt mit einem Piloten – bei Bedarf an einem Seil in die Höhe gelassen. Der Aufwand bei Entwicklung und Erprobung stand indes in keinem vernünftigen Verhältnis zu den Einsatzerfolgen.

Mit der Ausdehnung des Einsatzgebietes der deutschen U-Boote im Zweiten Weltkrieg wurde eine Schwachstelle dieser Waffe immer bedeutsamer: die sehr beschränkte Sicht von der Brücke aus. Arado hatte als Lösung für dieses Problem 1940 auf Anforderung der Kriegsmarine die Ar 231 konzipiert, ein Kleinflugzeug, das zusammengefaltet in eine Röhre von zwei Metern Durchmesser passte und auf diese Weise von U-Booten mitgeführt werden konnte. So brillant diese Konstruktion auch war, für den Kriegseinsatz erwies sie sich als ungeeignet.

Bei Focke-Achgelis entstand die Idee, diese Marktlücke mit einem eigenen Entwurf zu füllen. Zunächst dachte man an einen Kleinhubschrauber mit 60-PS-Motor. Dieser Gedanke wurde angesichts der Dringlichkeit verworfen zugunsten eines motorlosen Tragschraubers, der mit Hilfe eines Seiles in die Höhe steigen sollte – das Konzept der „Bachstelze“ war geboren.

Kein anderes Unternehmen verfügte zu jener Zeit über mehr Erfahrung mit diesen beiden Konstruktionsprinzipien. Henrich Focke, Mitgründer und Technischer Direktor der Focke, Achgelis & Co. GmbH, hatte früh damit begonnen, sich für Hubschrauber zu interessieren. Im Oktober 1928 hatte er bei der Flugzeugausstellung in Berlin-Tempelhof eine Tragschrauberkonstruktion des jungen Spaniers Juan de la Cierva gesehen. Ende 1931 erwarb er die Fertigungsrechte für die modernere Cierva C.19. Zu einer Serienproduktion kam es nicht, aber ein Exemplar wurde im Focke-Wulf-Werk in Bremen auf einen Siemens-Halske-Motor umgerüstet. Focke stellte sich stattdessen die Aufgabe, einen echten Hubschrauber zu konstruieren. Im Juni 1932 waren seine Überlegungen so weit gediehen, dass er ein Patent auf einen kombinierten Trag- und Hubschrauber mit Zwillingsrotorauslegung anmeldete. Auf dieser Grundlage entstand 1935 die Fw 61, die als erster gebrauchsfähiger Hubschrauber in die Geschichte einging.

Fockes Interesse an Hubschraubern hatte ihn dazu veranlasst, innerhalb der Focke-Wulf-Werke eine Forschungsstelle zu gründen. Dort war die Fw 61 entstanden. Die Forschungsstelle war zugleich die Keimzelle für seine neue Firma, die er 1937 zusammen mit dem bekannten Kunstflieger Gerd Achgelis gründete. Aus der Focke-Wulf-Flugzeugbau AG war Focke 1933 auf Betreiben Kurt Tanks ausgeschlossen worden. 

Verantwortlich für die Konstruktion der später als „Bachstelze“ bezeichneten Fa 330 war im Wesentlichen Diplom-Ingenieur Paul Klages. Klages war von den AGO-Flugzeugwerken in Oschersleben zu Focke-Achgelis gekommen. Zuvor hatte er für Focke-Wulf gearbeitet, wo er an der Entwicklung der Fw 44 und der Fw 58 beteiligt war. Mitte 1944 kehrte Klages zu Focke-Wulf zurück. 

Die Konstruktion der „Bachstelze“ war schlicht, aber pfiffig und zweckmäßig. Den Rumpf bildete eine Stahlröhre, die am Heck ein Leitwerk trug. An der Seitenflosse war ein windfahnenartiges Seitenruder befestigt. Der Rotor saß auf einem Stahlrohr, das mit leichter Neigung auf dem Rumpfrohr stand. Dieses aufrechte Rohr stützte zugleich den unverkleideten Pilotensitz. Außerdem war dort ein Fallschirm befestigt. Der Rotor besaß drei untereinander verspannte Blätter, der Durchmesser betrug 7,30 m. Gesteuert wurde der Rotor durch Kippen des Kopfes.

Für Start und Landung waren Kufen vorhanden, alternativ konnte für die Ausbildung und die Erprobung an Land ein Radfahrwerk montiert werden, bestehend aus einem Hauptfahrwerk und einem Heckrad. Die Leermasse des Tragschraubers lag bei 72 kg (Fa 330 A-0), die Flugmasse bei 172 kg.

Für den Fall, dass das U-Boot sehr schnell abtauchen musste, während die „Bachstelze“ sich noch in der Luft befand, gab es eine Notabwurfmechanik für den Rotorkopf: Der Pilot konnte mit einem Hebel den Rotorkopf abtrennen, der daraufhin nach oben wegflog. Dabei wurde auch der Fallschirm aus seiner Verpackung gerissen sowie das Zugseil gelöst. Der im Meer treibende Pilot hätte darauf hoffen müssen, später von dem U-Boot wieder aufgelesen zu werden.

Die ersten Freiflugversuche mit der Fa 330 V1 wurden im Juni 1942 bei der „Erprobungsstelle See“ in Travemünde durchgeführt. Als Plattform diente das Flugsicherungsboot MS „Greif“. Das 72 m lange Boot war ideal für diese Versuche, da es einen abgewinkelten Kran hatte, von dessen Ausleger gestartet werden konnte. Im Herbst desselben Jahres wirkte das Boot in gleicher Funktion bei der Erprobung des Flettner-Hubschraubers Fl 282 mit.


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