07.08.2017
Klassiker der Luftfahrt

Das berühmteste Flugboot seiner Zeit (Teil 4) Passagierversionen und weitere Varianten

kl 05-2009 Dornier Wal (12) (jpg)

Die ersten Passagier-Wale besaßen noch eckige Fenster. Später wurden aus Sicherheitsgründen etwas kleinere, runde Bullaugen verwendet. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Am 18. Oktober 1924 kam in Marina di Pisa der erste Wal in einer Passagierversion in die Luft. Diese erste zivile Ausführung bot bis zu neun Fluggästen bequem Platz. Große, eckige Fenster, die später aus Sicherheitsgründen durch runde ersetzt wurden, waren ein Charakteristikum dieses Flugzeugs. Um die komfortable Kabine im vorderen Rumpfsegment zu ermöglichen, hatten die Ingenieure das Cockpit gegenüber der Militärversion weit nach hinten gerückt. Ansonsten blieb der Passagier-Wal strukturell mit der bisherigen Variante identisch. Auch die Motorisierung mit dem Rolls-Royce Eagle IX war bei den ersten Passagier-Walen gleich. Drei Monate nach dem Jungfernflug wurde der erste Passagier-Wal per Schiffsfracht nach Kolumbien gebracht. Später wurde er das erste Flugzeug der brasilianischen Fluggesellschaft Varig.

Eine Art Seitensprung in der Wal-Flugbootfamilie ist der für Japan entwickelte leichte Bomber Do N, der 1926 erstmals flog. Dabei handelt es sich um eine Art „Land-Wal“. Das Rumpfboot wurde dabei modifiziert und einfacher gebaut, die Spannweite gegenüber den bisherigen Wal-Versionen um gut vier Meter auf 26,80 Meter vergrößert. Wie damals üblich, besaß die Do N ein Spornradfahrwerk. Als Motorisierung dienten BMW VI. Die Do N wurde ausschließlich in Japan gebaut. Dornier lieferte lediglich die Konstruktionsunterlagen und Rohmaterial und gab personelle Unterstützung beim Anlauf der Fertigung. Nach Angaben in einer Dornier-Schrift soll Kawasaki insgesamt 28 Do N und drei Wal-Flugboote gebaut haben.

Etwas irritierend in der Wal-Historie sind die zwei- und viermotorigen Superwale von 1926 und 1927. Sie haben mit dem Wal nicht viel mehr als einen Namensteil gemeinsam. Zwar folgen sie der gleichen Grundauslegung, sind aber wesentlich größer und völlig eigenständige Konstruktionen. Gebaut wurden die Superwale, drei zweimotorige und zehn viermotorige, fast alle in Manzell am Bodensee. Einer der viermotorigen Superwale wurde in Spanien bei CASA montiert.

In die Wal-Entwicklungslinie hingegen passen wieder der modernisierte Passagier-Wal und der speziell für Langstrecken konzipierte 8,5-Tonnen-Wal. Beide brachte Dornier 1931 in die Luft. Der stark verbesserte Passagier-Wal konnte jetzt 14 statt vorher neun Passagiere aufnehmen, und zwar in zwei Kabinen in der Bugsektion und hinter dem Cockpit. In Länge und Spannweite war er geringfügig um jeweils etwa einen Meter gewachsen. Sein Bootsrumpf war vorne schärfer geschnitten. Äußerlich unterschied sich der neue Wal schon auf den ersten Blick durch das geänderte Seitenleitwerk, das früher noch kantige Leitwerk war jetzt abgerundet. Als Antrieb dienten jetzt BMW-VI-Motoren mit jeweils 690 PS, die dem Flugboot eine Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h verliehen. Die maximale Flugmasse erhöhte sich auf acht Tonnen.

Der für Langstrecken optimierte 8,5-Tonnen-Wal war speziell mit Blick auf den Südatlantik-Postflugdienst entstanden. Um den Belastungen bei Katapultstarts standhalten zu können, wurde er strukturell verstärkt. Die Motorisierung entsprach dem parallel gebauten neuen Passagier-Wal, er besaß jedoch entsprechend seinem Verwendungszweck zwei große Stauräume. Etwa auf der Hälfte der Südatlantikstrecke zwischen der westafrikanischen Küstenstadt Bathurst und Natal in Brasilien diente das Katapultschiff „Westfalen“ als Zwischenlandestation. Die Flugzeuge wurden über ein Schleppnetz und einen Kran aufgenommen und nach dem Auftanken per Katapult von der „Westfalen“ wieder auf die Reise geschickt. Im Juni 1933 flogen die 8,5-Tonnen-Wale „Monsun“ und „Passat“ erstmals versuchsweise die Strecke. Im Februar 1934 startete die Lufthansa den planmäßigen Postflugdienst auf der Route.

Eine Weiterentwicklung des 8,5-Tonnen-Wals war der sogenannte 10-Tonnen-Wal, der am 3. Mai 1933 erstmals flog. Ziel war, nochmals die Reichweite und Nutzlastkapazität des Flugbootes zu erhöhen. Wesentliche Unterschiede zum Vorgänger waren die Vergrößerung der Flügelfläche um 16 Quadratmeter auf 112 Quadratmeter und die Verwendung von BMW-VI-Motoren mit Getrieben. Nun arbeiteten die Luftschrauben bei Reiseleistung der Motoren mit einer Drehzahl für einen optimierten Wirkungsgrad. Tatsächlich ermöglichten die 10-Tonnen-Wale ab Juli 1934 Direktflüge zwischen Bathurst und Natal. Dabei lagen nun die Katapultschiffe „Westfalen“ und „Schwabenland“ nahe vor den Küstenstädten und dienten nur noch als schwimmende Startbasen. Lufthansa setzte insgesamt sechs 10-Tonnen-Wale ein. Nicht weniger als 328 Mal überquerten die 8,5- und 10-Tonnen-Wale den Südatlantik.

Ihren legendären Ruf verdankt Dorniers Wal-Familie nicht allein ihrer Robustheit und Zuverlässigkeit. Vielmehr brannten sich die vielen Bestleistungen und Pionierflüge dieses Flugzeugs tief ins öffentliche Bewusstsein ein. Hier seien nur einige wenige genannt: Im Februar 1925 stellte die deutsch-italienische Besatzung Richard Wagner/Guido Guidi mit einem Wal nicht weniger als 22 Geschwindigkeits-, Nutzlast- und Höhenweltrekorde auf. Weltweites Aufsehen erregte wenige Monate später Roald Amundsens Versuch, mit zwei Dornier Walen zum Nordpol vorzustoßen. Kurz vor dem Ziel mussten sie jedoch landen. Erst nach mehreren Wochen und unendlichen Strapazen im Packeis gelang ihnen mit einem der Flugzeuge der Rückflug. Zwei Dornier Wale sind 1928 die wichtigsten Werkzeuge bei der Suche nach dem im Polargebiet verschollenen Luftschiff „Italia“ der Nobile-Expedition. Endgültig zu weltweiter Berühmtheit verhelfen die Nordatlantikflüge Wolfgang von Gronaus 1930 und 1931 sowie sein Weltflug mit dem Wal D-2053 über 44 400 Kilometer in 270 Flugstunden.

Heute existiert nur noch eines dieser legendären Flugboote, es steht im argentinischen Verkehrsmuseum in Lujan. Vielleicht gibt es einen Hoffnungsschimmer für zwei weitere Exemplare. Wal-Experte und Autor Michiel van der Mey, der ein privates Dornier Wal Documentation Center aufgebaut hat, hält eine Bergung des Wals „Hecht“, der südlich von Bornholm in der Ostsee liegt, für möglich. Auch die Dornier-Stiftung soll Möglichkeiten ausloten, einen Wal vor der nordafrikanischen Küste aus dem Mittelmeer zu holen.


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