18.06.2018
Erschienen in: 07/ 2014 Klassiker der Luftfahrt

Exot im eigenen LandDie Dornier Do 215 bei der Luftwaffe

Die Dornier Do 215 war als Exportversion der Do 17 gedacht. Schweden hatte das Flugzeug mit DB-601-Motoren bestellt, erhielt die Flugzeuge aber aufgrund des Kriegsbeginns 1939 nicht. Stattdessen nutzte die Luftwaffe das Muster als Aufklärer. Zwei Exemplare der Do 215 wurden sogar an die Sowjetunion geliefert.

Die internationalen Flugmeetings in den Zwischenkriegsjahren waren immer auch ein Leistungsvergleich des Stands der Luftfahrttechnik in den verschiedenen europäischen Ländern. Beim Internationalen Flugmeeting im Juli 1937 in Zürich siegte die Dornier Do 17 Z sehr spektakulär, da sie als Bomber selbst den französischen und englischen Jagdflugzeugen davongeflogen war. Verschiedene Luftstreitkräfte zeigten daraufhin Interesse am Kauf des zweimotorigen Flugzeugs, und Jugoslawien wollte das Muster in Lizenz bauen.

Das Reichsluftfahrtministerium (RLM) genehmigte Dornier, eine Do 17 Z-0 auf den geplanten Exportstandard umzurüsten und  verschiedenen ausländischen Streitkräften vorzuführen. Es gab vor, dass dieses Muster als Do 215 angeboten werden sollte, obwohl es sich dabei eigentlich um eine Do 17 Z handelte. Der erste Prototyp, angetrieben von zwei Bramo-323-Fafnir-Neunzylinder-Sternmotoren, erhielt das zivile Kennzeichen D-AIIB und wurde als Do 215 V1 bezeichnet. Er flog 1938 zum ersten Mal. Allerdings stürzte er kurze Zeit später während der Erprobung ab.

Der zweite Prototyp, die Do 215 V2, erhielt ebenfalls ein ziviles Kennzeichen, D-AFFY, wurde aber mit anderen Motoren versehen. Dornier verwendete bei der V2 zwei 14-Zylinder-Doppelsternmotoren 14 N 1/2 des französischen Herstellers Gnôme et Rhône. Diese Variante wurde den jugoslawischen Luftstreitkräften demonstriert, stieß dort aber nicht auf Begeisterung, denn die Flugleistungen entsprachen nur denen der Do 17 K, die bereits von der staatlichen Luftfahrtfabrik in Jugoslawien in Lizenz gefertigt wurde.

Auch der dritte Prototyp, die Do 215 V3, wurde bei Dornier in Oberpfaffenhofen gebaut. Als Antrieb kamen bei ihm zwei Daimler-Benz-DB-601-Motoren mit je 1075 PS (802 kW) Startleistung zum Einsatz. Dies brachte dem Muster den gewünschten Leistungssprung. Erstflug der Do 215 V3 war im Frühjahr 1939.

Die schwedischen Luftstreitkräfte (Svenska Flygvapnet) zeigten ebenfalls großes Interesse an dem Flugzeug, denn kurz zuvor war ein Vertrag über die Lieferung von 18 französischen Bréguet-694-Bombern an die Flygvapnet geplatzt. Ihnen wurde die Do 215 V3 im Sommer 1939 vorgeflogen, was zu einer Bestellung von 18 Exemplaren dieses Typs führte. Auch die holländischen Luftstreitkräfte hatten die Absicht, 18 Exemplare der Do 215 zu kaufen. Sie hatten die Flugzeuge zwar bezahlt, zu einer Lieferung kam es aber wegen des Kriegsbeginns am 1. September 1939 nicht mehr.

Ende 1939, bereits nach dem Beginn des Feldzugs gegen Polen, begann Dornier in Neuaubing und Oberpfaffenhofen mit der Serienproduktion der 18 Do 215 für Schweden. Diese 18 Exemplare erhielten die Bezeichnung Do 215 A-1. Der in Schalenbauweise gefertigte Ganzmetall-Schulterdecker war – wie die Do 17 – 15,80 Meter lang und hatte eine Spannweite von 18 Metern. Auffallend an dem Flugzeug waren der lange, schlanke Rumpf und die großzügig verglaste Flugzeugführerkanzel. Die Do 215 wurde mit einer Besatzung von vier Mann geflogen: Pilot, Bombenschütze sowie zwei Bordschützen für die Defensivbewaffnung in Form von anfänglich vier, später sechs Maschinengewehren. Als Offensivbewaffnung konnte die Zweimot mit bis zu 1000 Kilogramm Bomben im Bombenschacht im Rumpfmittelteil beladen werden. Die Do 215 war – wie es seinerzeit üblich war – als Spornradflugzeug ausgelegt, wobei sowohl das Hauptfahrwerk als auch das Spornrad einziehbar waren. Die Tanks der Do 215 waren in den Tragflächen zwischen Rumpf und Motorgondeln integriert und konnten bis zu 2450 Liter Treibstoff aufnehmen. Damit erzielte das maximal 8800 Kilogramm wiegende Muster eine Überführungsreichweite von bis zu 2400 Kilometern.

Die erste Do 215 A-1 flog am 5. Dezember 1939 in Oberpfaffenhofen. Noch bevor das erste Flugzeug aus dem schwedischen Auftrag ausgeliefert werden konnte, schritt  das RLM ein und belegte den Bomber mit einem Exportverbot. Das neutrale Schweden stornierte den gesamten Auftrag allerdings erst im September 1940, nachdem es die Hoffnung aufgegeben hatte, doch noch eine Ausnahme von dem Exportverbot zu erhalten.

Als Fernaufklärer leistete die Do 215 gute Dienste

Dornier - Do 215 (01)

Diese Do 215 B-4 trägt das Kennzeichen PK+EH. Die Version B-4 hatte serienmäßig zwei Reihenbildkameras installiert und wurde ab März 1940 ausgeliefert. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Die Luftwaffe hatte zu diesem Zeitpunkt die 18 Flugzeuge aus der schwedischen Bestellung bereits unter der Bezeichnung Do 215 B-0 und B-1 als Fernaufklärer in Dienst gestellt. Die drei B-0-Flugzeuge wurden schon im Januar 1940 mit einem deutschen Funkgerät ausgerüstet und waren im Feburar 1940 an die 3. Aufklärungsstaffel des Oberbefehlshabers der Luftwaffe geliefert worden. Die restlichen 15 Do 215 gingen als Version B-1 sogar ohne Modifikationen an die 3. Aufkl.St./Ob.d.L. Sie wurden nach der Besetzung Norwegens im Rahmen der Operation „Weserübung“ noch im April 1940 nach Stavanger verlegt, von wo aus sie Aufklärungseinsätze über der Nordsee und nach Großbritannien flogen.

Die Do 215 bewährte sich zunächst in der Rolle als Aufklärer. Die Luftwaffe erhielt mit der Do 215 B-4 eine kombinierte Bomber-Aufklärer-Version. Sie war mit zwei fest eingebauten Reihenbildkameras ausgestattet und konnte zusätzlich bis zu 1000 Kilogramm Bombenlast tragen. Allerdings setzte dies die Reichweite des Flugzeugs deutlich herab. Alternativ war die Installation eines Zusatztanks im Bombenschacht möglich. Dann war natürlich keine Bewaffnung mit Bomben mehr möglich.

Der Angriff auf Polen hatte die Sowjetunion kurzzeitig zu einem militärischen Bündnispartner Deutschlands gemacht. Die beiden Staaten hatten unter anderem auch den Austausch von Rüstungsgütern vereinbart. Deswegen erhielt die Rote Armee im Frühjahr 1940 zwei fabrikneue Dornier Do 215, die der Version B-1 entsprachen. Diesen beiden Flugzeugen wurde jedoch vom RLM eine eigene Versionsbezeichnung, nämlich Do 215 B-3, zugeteilt. Die sowjetischen Streitkräfte erprobten diese beiden Flugzeuge und setzten sie sogar zu Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion als Aufklärer gegen die Wehrmacht ein. Allerdings wurden die beiden Flugzeuge bei der Roten Armee schnell außer Dienst gestellt, denn sie wurden bei jedem  ihrer wenigen Einsätze von den eigenen Truppen beschossen. 

1940 sollte das Muster Do 215 noch eine große Änderung seiner Aufgabenstellung erfahren: Die letzten 20 Flugzeuge der Serienfertigung wurden noch im Werk zu Nachtjägern umgerüstet. Dazu erhielten sie einen neuen, unverglasten und verlängerten Bug, in dem zwei vorwärts feuernde 20-mm-Kanonen und vier 7,92-mm-MGs eingebaut waren. Der Bombenschütze war bei der als Do 215 B-5 „Kauz III“ bezeichneten Variante nicht notwendig, so dass die B-5 von einer Dreimannbesatzung geflogen wurde. Als Suchsystem erhielt der „Kauz III“ zunächst die auf Infrarotbasis arbeitende „Spanner“-Anlage. Als erste Einheit durfte  die 4./NJG1 im holländischen Leeuwarden das Muster in der neuen Rolle erproben. Dabei zeigten sich die Schwächen der „Spanner“-Anlage, wie zum Beispiel die ungenügende Reichweite bei der Detektion von feindlichen Flugzeugen sowie die hohe technische Unzuverlässigkeit des Systems.

Erst jetzt besann man sich auf das FuG-202-Lichtenstein-Radar, das bereits im Juli 1939 erfolgreich getestet worden war. Damals hatte man die Notwendigkeit von Nachtjägern nicht gesehen, so dass es zu keiner Serienfertigung gekommen war. Erst im Frühjahr 1941 wurde die erste Do 215 mit dem Lichtenstein-Gerät ausgerüstet. Die großen Antennen im Bug reduzierten zwar die Höchstgeschwindigkeit des Typs um rund 20 km/h, aber das Radar bewies seine Einsatztauglichkeit, als Oberleutnant Ludwig Becker von der 4./NJG1 am 9. August 1941 bei Nacht einen ersten britischen Bomber abfing und abschoss. Im Rahmen der Truppenerprobung gelang Becker wenig später auch noch ein Abschuss eines weiteren feindlichen Bombers aus einer Entfernung von 3000 Metern.

Doch die Tage der Do 215 bei der Luftwaffe waren zu diesem Zeitpunkt schon gezählt. Stärkere und leistungsfähigere Muster wie die Do 217 und die Ju 88 kamen zur Truppe und verdrängten die Do 215 aus den Frontverbänden. In der Rolle als Nachtjäger blieben einige wenige Exemplare noch bis Anfang 1944 bei der 2./NJG1 im Dienst. In der Bestandsliste des RLM vom 29. Februar 1944 sind nur 13 Do 215 verzeichnet.

Die ungarischen Luftstreitkräfte übernahmen im Sommer 1942 noch vier Do 215 B-4 von der Luftwaffe und setzten sie für rund ein Jahr an der Ostfront als Fernaufklärer gegen die Sowjetunion ein.

Die Do 215 war bei der Luftwaffe stets ein Exot. Sie stand immer im Schatten der in viel größeren Stückzahlen gefertigten Do 17 und Do 217. Einige wenige Exemplare blieben noch als Erprobungsflugzeug und als Reiseflugzeug im Einsatz. So hat Feldmarschall Albert Kesselring eine Do 215 B-3 regelmäßig noch bis Ende 1944 als persönliches Transportmittel genutzt.

Die Dornier-Werke bauten insgesamt 102 Do 215. Dazu kamen noch drei umgerüstete Do 17 Z, die als Prototypen der Do 215 dienten. Kein einziges Exemplar dieses Musters hat das Kriegsende überdauert.

Versionen der Do 215

Do 215 V1: Prototyp der Do 215. Wurde bei Dornier in Neuaubing und Oberpfaffenhofen gebaut. Entstand aus einer modifizierten Do 17 Z-0 und trug das Kennzeichen D-AIIB. Das Flugzeug wurde von zwei Bramo-323-Fafnir-Motoren angetrieben. Es wurde als Vorführmaschine für ausländische Luftstreitkräfte genutzt und stürzte im Rahmen der Erprobung ab.

Do 215 V2:
Auch der zweite Prototyp, Do 215 V2, entstand aus einer Do 17 Z. Er erhielt ebenfalls ein ziviles Kennzeichen (D-AFFY) und war mit zwei französischen Gnôme-et-Rhône-14-N-Doppelsternmotoren ausgerüstet, die allerdings nicht die errechneten Leistungen brachten.

Do 215 V3:
Die V3 war als dritter Prototyp des Musters die erste Do 215 mit den flüssigkeitsgekühlten DB-601A-Zwölfzylinder-V-Motoren. Jeder Motor brachte eine Startleistung von 1075 PS (802 kW). Der Erstflug dieser Maschine fand im Frühjahr 1939 statt.

Do 215 A-1:
Nach einer Vorführung der Do 215 V3 bestellte die schwedische Regierung 18 Dornier 215 A-1 mit DB-601-Motoren. Die Serienfertigung begann im Spätsommer 1939, doch wurde wegen eines Waffenembargos gegen Schweden keine einzige der 18 gebauten Do 215 A-1 an das skandi­navische Land geliefert.

Do 215 B-0:
Bezeichnung von drei Do 215 A-1, die für die Luftwaffe mit dem FuG 10 ausgerüstet wurden. Als erste Einheit erhielt die 3. Aufklärungsstaffel/Ob.d.L. im Februar 1940 die Do 215 für den Fronteinsatz.

Do 215 B-1:
Bezeichnung von 15 Do 215 A-1 aus dem schwedischen Auftrag, die ohne werksseitige Modifikationen von der Luftwaffe genutzt wurden.

Do 215 B-2:
Die B-2-Version der Do 215 war zunächst als reine Bomberversion geplant. Dazu hatte sie geänderte Bombenschachtklappen erhalten und konnte optional mit drei Rb-50/30-Reihenbildkameras im Mittelrumpf ausgerüstet werden. Zu einer Serienfertigung dieser Version kam es jedoch nicht.

Do 215 B-3:
Zwei Dornier Do 215 B-1 wurden 1940 an die Sowjetunion geliefert. Das Reichsluftfahrtministerium  nutzte für diese beiden Exemplare die Bezeichnung Do 215 B-3, obwohl sie unveränderte B-1 waren.

Do 215 B-4:
Als Prototyp für diese Version wurde die Do 215 V2 umgebaut. Die Do 215 B-4 ist die meistgebaute Version dieses Typs. Sie war eine weiterentwickelte Do 215 B-2 und hatte eine Reihenbildkamera Rb 20/30 in der Einstiegsluke der Besatzung sowie eine Rb 50/30 unter dem Bug installiert.

Do 215 B-5 „Kauz III“:
Die Dornier Do 215 B-5 war eine Nachtjägervariante des Musters. Die letzten 20 Do 215 der Serienfertigung wurden auf den B-5-Standard umgerüstet und als Do 215 B-5 ausgeliefert. Die Kauz III verfügten über eine Bewaffnung von vier vorwärts feuernden 7,92-mm-MG 17 sowie zwei 20-mm-Maschinenkanonen in der Nase. Ein Infrarot-Suchscheinwerfer und das Such­system „Spanner“ waren als Sensoren eingebaut. Die Truppeneinführung be­gann im Januar 1941. Mitte 1942 wurden alle Do 215 B-5 auf das FuG 202 Lichtenstein umgerüstet. Die Antennen des Radarsystems reduzierten jedoch die Geschwindigkeit des Musters um rund 20 km/h. Mit der Einführung von leistungsfähigeren Nachtjagdmustern wurden die Do 215 B-5 bis Mitte 1944 ausgemustert.

Mehrere weitere Varianten der Do 215 wie der Nachtbomber Do 215 B-9 oder der Nachtaufklärer Do 215 B-10 waren zwar geplant, kamen aber über das Reißbrettstadium nicht hinaus.

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 07/2014

Mehr zum Thema:
Volker K. Thomalla


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