14.02.2018
Klassiker der Luftfahrt

Vom Atombomber zum AufklärerDassault Mirage IV

1959 startete die größte Mirage aller Zeiten zu ihrem Erstflug. Ursprünglich als Zwischenlösung gedacht leistete sie für mehr als vier Jahrzehnte wertvolle Dienste bei der Armée de l’Air.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Konstrukteure bei Dassault hätten die Pläne der Mirage III lediglich maßstäblich vergrößert und einfach die Zahl der Triebwerke verdoppelt. Der Eindruck trügt nicht, denn damals drängte die Zeit. Die französische Regierung hatte bereits Mitte der 50er Jahre einen strategischen Nuklearwaffenträger für die neu zu gründende Abschreckungsstreitkräfte gefordert. In einer relativ schnellen Entwicklungsphase schufen die Ingenieure mit der Mirage IV einen zunächst als Übergangslösung geplanten zweisitzigen Überschallbomber, der sich gegen eine Weiterentwicklung der Vautor von Sud-Ouest durchsetzte. Die Gene des großen Deltaflüglers unverkennbar. Auch der Antrieb in Form des Snecma Atar 9 fand schon in der kleineren Version Anwendung. In der Fertigung kooperierte Dassault mit anderen Unternehmen. So steuerte Sud Aviation die Tragfläche und den hinteren Rumpf bei, während Breguet das Leitwerk übernahm.

Dassault-Cheftestpilot Roland Glavany konnte schließlich am 17. Juni 1959 in Melun-Villaroche mit dem Prototypen abheben. Beim 33. Flug erreichte die Mirage IV 01 eine Geschwindigkeit von Mach 2 und verdeutlichte die Leistungsfähigkeit des Musters. Nach der Firmenerprobung ging die Maschine an die Armée de l’Air zur Pilotenausbildung, wo sie nach insgesamt rund 400 Flugstunden am 13. Februar 1963 verunglückte. Zu diesem Zeitpunkt liefen die Versuche mit den drei Vorserienmaschinen auf Hochtouren. Die erste flog bereits seit dem 12. Oktober 1961 und besaß das um vier Kilonewton stärkere Atar 9C. Auch die Abmessungen waren gewachsen: Die Mirage IV A war um 3,60 Meter länger und wies eine um 68 Zentimeter größere Spannweite auf. Hinter einem rundem Radar-Radom unter dem Mittelrumpf fand sich die halbversenkte Nuklearwaffe, die 60-Kilotonnen-Freifallbombe AN 22.

Luftbetankung erhöht Reichweite

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Unverkennbar ist die Familienzugehörigkeit der Mirage IV, hier während Tests neben einer Aufklärer-Mirage-III. Das Konzept ging auf: Bei der Flugerprobung gab es keine großen Überraschungen. Foto und Copyright: Dassault  

 

Die dritte Mirage IV A entsprach bereits dem Serienstandard und startete am 23. Januar 1963 zu ihrem Erstflug. Sie unterschied sich von den Vorgängerinnen durch zwei Atar 9K sowie einer Luftbetankungssonde anstelle des Staurohrs an der Nasenspitze. Die französischen Luftstreitkräfte kauften zunächst 50 Exemplare und legten später eine Bestellung von zwölf weiteren Bombern nach. Sie wurden von Februar 1964 bis März 1968 in Bordeaux-Mérignac gefertigt. Die Vertreter des zweiten Loses konnten anstelle der Bewaffnung auch den Aufklärungsbehälter CT 52 mitführen. Er beinhaltete drei 600-mm-Kameras (oder später alternativ einen Infrarot-Scanner), eine 152-mm-Reihenbildkamera sowie zwei 150-mm-Kameras und eine 75-mm-Panoramakamera. Die Escadron de Bombardement (EB) 1/91 „Gascogne“ stellte am 1. Oktober 1964 in Mont-de-Marsan die ersten vier Exemplare in Dienst. Es folgten acht weitere Staffeln: 2/91 „Bretagne“ in Cazaux, 3/91 „Beauvaisis“ in Creil, 1/93 „Guyenne“ in Istres, 2/93 „Cevennes“ in Orange, 3/93 „Sambre“ in Cambrai, 1/94 „Bourbonnais“ in Avord, 2/94 „Marne“ in Saint Dizier und 3/94 „Arbois“ in Luxeuil.

Neuer Flugkörper erhöht Leistungsfähigkeit

Obwohl die Zahl der Einheiten in den 70er Jahren verringert wurde, blieb die Mirage IV weiterhin ein Kernpunkt der französischen Abschreckungsstrategie. Mit dem eigentlich für die verspätete Mirage 2000N entwickelten Abstandsflugkörper ASMP (Air-Sol Moyen Portée) von Aerospatiale erhielt der Bomber eine neue Fähigkeit. Im September 1979 fiel die Entscheidung, 18 Mirage IV entsprechend zu modifizieren. Die nun IV P (für „Pénetration“) bezeichneten Jets erhielten neue Avionik einschließlich des Arcana-Pulsdoppler-Radars von Thomson-CSF. Der Erstflug der Mirage IV P erfolgte am 12. Oktober 1982. Allerdings ging die neue Variante erst am 1. Mai 1986 in Dienst. Knapp zwei Jahre später traten derweil die letzten Mirage IV A ihren Ruhestand an.

Nach der 1996 von Präsident Jacques Chirac verkündeten Neuorganisation der strategischen Streitkräfte kam noch im selben Jahr das Aus für die verbliebenen 16 zweistrahligen Mirage, deren Rolle endgültig von der 2000N übernommen wurde. Nach der Auflösung der EB 2/91 am 4. Juli 1996 in Cazaux blieb nur noch eine Staffel übrig, allerdings mit neuer Bezeichnung. Die Escadron de Reconnaissance Stratégique ERS 1/91 „Gascogne“ führte von nun an mit rund fünf Maschinen strategische Aufklärungseinsätze durch. Erst am 23. Juni 2005 endete auch hier die Karriere der Mirage IV nach insgesamt 41 erfolgreichen Dienstjahren.

FLUG REVUE Ausgabe 06/2009

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Patrick Hoeveler


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