12.01.2017
Erschienen in: 04/ 2012 Klassiker der Luftfahrt

Ernst UdetCurtiss Hawk – Der deutsche Weg zur Sturzkampftaktik

Noch immer herrscht der Irrglaube, Ernst Udet wäre der Schöpfer der deutschen Sturzkampfwaffe. Vom Reichsluftfahrtministerium als Werkzeug für dessen Vorhaben zur Rüstungsexpansion missbraucht, wurde er mit seiner Curtiss Hawk nur Propagandist eines neuen Ziels.

kl 04-2012 Curtiss Hawk (02)

Zu Beginn der Flug- und Veranstaltungssaison 1935 wurden zu Werbezwecken auch der D-IRIK die Olympiaringe des 1936 in Berlin stattfindenden Großereignisses auflackiert. Foto und Copyright: DEHLA  

 

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Eigentlich sollte Rudolf Müller am Nachmittag des 20. Juli 1934 Ziellandungen üben, als während des Landeanflugs unmittelbar vor seiner Maschine ein Flugzeug in seinem markierten Feld einschlug und ausbrannte. Während des Durchstartens konnte er noch einen Fallschirm über sich hinweg schweben sehen. An diesem Fallschirm hing niemand anderes als Ernst Udet, der erfolgreichste noch lebende Jagdflieger des Ersten Weltkriegs, der mit leichten Schrammen kurz darauf im Tempelhofer „Heldenkeller“ Fliegergeburtstag feierte. Sein Flugzeug war allerdings nur noch ein glühender Haufen Schrott; zuvor hatte es noch die Bezeichnung „Curtiss Hawk“ getragen.

Mit dem Absturz seiner rot-silbernen D-IRIS ging jedoch kein wertvoller Erprobungsträger der im geheimen Aufbau befindlichen Deutschen Luftwaffe verloren (wie oft behauptet), sondern lediglich ein leistungsstarkes Spielzeug, mit dem Udet das tat, was er am besten konnte – die Massen begeistern. Ernst Udet war Teil der Propagandamaschinerie eines Systems geworden, das aus den Deutschen „ein Volk von Fliegern“ heranziehen wollte.

Die ab 1934 von der KdF-Organisation („Kraft durch Freude“) durchgeführten Volksflugtage brauchten zugkräftige Namen. Udet, der seit Jahren mit seinem altersschwachen Doppeldecker Flamingo D-822 meist nur die zweite Geige hinter dem Kunstflugmeister Gerhard Fieseler spielte, brauchte dringend ein neues Flugzeug, um die Massen wieder für sich zu gewinnen.

Während eines USA-Aufenthaltes war er auf die berühmten Curtiss „Helldivers“ aufmerksam geworden, die publikumswirksam im Sturzflug Gipsbomben punktgenau in ein Zielfeld warfen. Der Lebenskünstler Udet dürfte mehr an der Showkomponente als an der militärischen Wirksamkeit interessiert gewesen sein. Da die Hawk als Exportvariante sowohl an Militärs als auch an Privatpersonen (als Rennflugzeug) verkauft wurde, dachte Udet ernsthaft über einen Kauf nach, doch er konnte den Kaufpreis von 14 000 Dollar nicht aufbringen. Erst als der politische Machtwechsel 1933 Hermann Göring zum Reichsluftfahrtminister erhob, konnte dieser den werbeträchtigen Namen Ernst Udet mit dem Objekt seiner Begierde, zweier Hawks, an das neue System binden. Eine Hand wusch die andere.

Die im Herbst 1933 gelieferten Maschinen mit den Werknummern H 80 und H 81 wurden zwar einige Male in Rechlin, dem Erprobungszentrum der noch getarnten Luftwaffe, vorgeführt, jedoch stießen sie nicht auf großes Interesse, da sich das Muster bereits seit zehn Jahren im Einsatz befand. Technisch gesehen ein Auslaufmodell, ohne besondere Bedeutung.

Udet war immer noch ein Außenseiter, der im militärischen Gefüge des neuen Regimes vorerst keinen Platz gefunden hatte. Die Einführung der Sturzkampftaktik war längst beschlossene Sache und bedurfte keines Anstoßes seitens des „Showclowns Udet“, wie ihn einige Militärs titulierten.

Die Idee war schließlich nicht neu. Bereits 1919 wandte die US Navy im Rahmen ihrer Strafexpedition gegen haitianische Guerillagruppen erstmals die Technik des gezielten Sturzes an, um punktgenau 25-kg-Splitterbomben ins Ziel zu bringen. Als erfolgreiches taktisches Flugmanöver stellte es besondere Anforderungen an Mensch und Material.


WEITER ZU SEITE 2: Die Sturzkampftaktik war keineswegs neu

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