25.05.2018
Erschienen in: 05/ 2011 Klassiker der Luftfahrt

Fliegende FestungBoeing B-17

Nur noch wenige Boeing B-17, auch "Flying Fortress" genannt, sind flugfähig: Etwa 50 Stück der fliegenden Festung sollen weltweit erhalten geblieben sein, die meisten als Museumsstücke am Boden. Nur ein paar sind noch flugfähig.

Der viermotorige Bomber Boeing B-17 errang für die USA im Zweiten Weltkrieg die strategische Luftherrschaft über Deutschland. Dank ihres damals streng geheimen, kreiselstabilisierten Norden-Bombenzielgeräts konnte die B-17 bei Präzisionsangriffen die deutsche Rüstungsindustrie mit bislang ungekannter Genauigkeit bombardieren. Im Zielanflug steuerte das vom Bombenschützen vorbereitete Visier den Bomber per Autopilot. Allerdings erfolgten die meisten Angriffe deshalb bei Tageslicht, was die Bomber dem erbitterten Abwehrfeuer der deutschen Flak und deutschen Jägerattacken auslieferte. Deswegen setzten die Britenauf nächtliche Flächenbombardements im Schutz der Dunkelheit.

Die amerikanischen B-17-Besatzungen versuchten, sich gegen die deutschen Jäger wenigstens durch enge Formationsflüge zu schützen, damit sich Angreifer stets dem Abwehrfeuer gleich mehrerer „Flying Fortress“ (Fliegende Festungen) aussetzen mussten. Doch erst der Einsatz langstreckentauglicher, amerikanischer Mustang Höhen-Begleitjäger verbesserte im Kriegsverlauf den verlustreichen Einsatz der amerikanischen Bomber. Deren tapfere Crews kämpften gegen eisige Kälte, Sauerstoffmangel und Granatsplitter. Ihre Überlebenswahrscheinlichkeit lag zeitweise bei nur elf Missionen über Deutschland.

Boeing hatte die B-17 als Model 299 ab dem Sommer 1934 auf eigene Kosten entwickelt. Der Prototyp des ursprünglich als Langstreckenbomber gegen Schiffe gedachten, stromlinienförmigen Entwurfs startete am 28. Juli 1935 zum Erstflug. Doch erst nach einer längeren Entwicklungsphase mit immer neuen konstruktiven Verbesserungen schaffte die B-17G als meist-gebaute Version den Durchbruch. Boeing baute bis 1945 insgesamt 6981 „Fliegende Festungen“, Douglas und Lockheed produzierten weitere 5745 in Lizenz. Schon bei Kriegsende war die B-17 veraltet, denn die größere B-29 war für die enormen Entfernungen zum pazifischen Kriegsschauplatz besser geeignet. Zudem sorgten die Atombombe und der Strahlantrieb für einen neuen Entwicklungsschub des Bombers in Ost und West. Die eben noch kriegsentscheidende „Fliegende Festung“ musste sich ihr Gnadenbrot mit Hilfsaufgaben als Langstreckenaufklärer, Seenot-Rettungsflugzeug, Zieldarsteller, Behelfsfrachter, Vermessungsflugzeug und Löschbomber verdienen. Immerhin erlebten einige Flugzeuge die 70er Jahre noch im behördlichen Einsatz.

Flugfähige Exemplare

kl 05-2011 Boeing B-17 (03)

Eine der noch etwa 50 weltweit erhaltenen „Flying Fortress“. Foto und Copyright: USAF  

 

B-17G, N3193G, „Yankee Lady“
Zu den noch fliegenden Exemplaren der B-17 zählt die berühmte „Yankee Lady“ des Yankee Air Force Museum in Ypsilanti, Michigan. Diese, laut FAA schon 1944 mit der Werknummer 77255 gebaute „Fliegende Festung“ wurde am 16. Juli 1945 von Lockheed Vega in Burbank ausgeliefert, nach Dallas überführt und nach einem Umbau ein Jahr lang in Texas eingelagert.

Erst im August 1946 nahm sie bei der 4104th Base Unit in Rome, New York, formell ihren Dienst auf, wurde aber erneut eingelagert und gelangte auch nicht an die vorgesehene 5948th Base Unit in Topeka, Kansas. Stattdessen wurde die US Coast Guard im September 1946 neue Eigentümerin des Luftfahrzeugs, das auf der Naval Air Station in  Johnsville“ in Pennsylvania zum PB-1G-Rettungsflugzeug umgerüstet wurde. Bis 1959 war es in San Francisco stationiert. Für 5887 Dollar wechselte die „Yankee Lady“ danach den Besitzer und gelangte als N3193G an Ace Smelting Inc. Von dort gelangte sie mit 4096 Flugstunden im Jahr 1959 als Foto- und Magnetometer-Vermessungsflugzeug an Fairchild Arial Survey, wo sie bis 1965 verblieb. Knapp zwei Jahre war sie als Sprühflugzeug gegen Schädlinge im Einsatz, danach wurde sie zum Löschbomber umgebaut.

1969 trat sie im Spielfilm „Tora, Tora, Tora“ auf. Bei einer Bauchlandung beschädigt, erreichte sie bis 1986 rund 6000 Flugstunden. Seitdem gehört sie dem Yankee Air Museum in Willow Run, Minnesota, das sie als 485829 „Yankee Lady“ wieder flugfähig aufarbeitete. Unser Posterflugzeug durfte im Herbst 2006 das seinerzeit neu errichtete Air Force Memorial in Washington D.C. mit einer Ehrenformation überfliegen. Dem Eröffnungsverband gehörten unter anderemeine B-24, eine F-15, eine F-16 und eine F-22 an. Etwa einmal pro Monat kann man ab 400 Dollar als Passagier in der „Yankee Lady“ zu Rundflügen an Bord gehen.

B-17G, N9323Z, „Sentimental Journey“
Diese im November 1944 bei Douglas gebaute B-17G mit der Seriennummer 44-83514 gehört der Commemorative Air Force am Falcon Field in Mesa, Arizona. Sie dürfte mit rund 100 Flugstunden pro Sommerhalbjahr und Auftritten in 60 Städten zu den aktivsten B-17 gehören. Die Commemorative Air Force setzt 2000 Dollar pro Stunde als reine Betriebskosten an.

Der seltene Oldie trägt die Farben der 457th Bomb Group, die mit der Eighth Air Force im Zweiten Weltkrieg in Glatton, England, stationiert war. Die Nose Art zeigt eines der berühmtesten Pin-up-Bilder der damaligen Zeit mit dem Starlet Betty Grable.

In Wirklichkeit kam diese vom Army Air Corps erst am 13. März 1945 übernommene B-17 für den Einsatz in Europa zu spät. Stattdessen gelangte sie an den Pazifik, wo sie, 1947 in Japan reaktiviert, drei Jahre lang über den Philippinen als RB-17G-Fotoaufklärer diente.  Danach wurde sie in Florida zum DB-17G-Seenot-Rettungsflugzeug mit abwerfbarem Rettungsboot umgebaut. In den fünfziger Jahren erfolgte ein nochmaliger Umbau zum Drohnen-Mutterflugzeug DB-17P für das 3215th Drone Squadron auf der Patrick Air Force Base in Florida. In dieser Funktion war die „Sentimental Journey“ auch bei Atomwaffentests der USA beteiligt, um Hitze- und Druckwellen zu vermessen und um Luftproben zu entnehmen. Dabei wurden von Bord des Bombers aus andere, unbemannte B-17 in der Gefahrenzone ferngesteuert. 1959 wurde sie in Arizona ausgemustert und eingelagert.

Es dauerte nicht lange, bis die zivile Aero Union Corporation aus Chico die B-17 erwarb und zum Löschbomber umbauen ließ. Als solcher diente das Flugzeug viele Jahre und bei tausenden von Einsätzen. Im Januar 1978, auf dem Gründungstreffen der Abteilung Arizona der Commemorative Air Force stiftete Oberst Mike Clarke das Flugzeug dieser Oldtimer-Flugvereinigung. Die anschließende mehrjährige Restaurierung fand auch mit Hilfe von Boeing statt, wo 1979 in Seattle ein neuer Kinngeschützturm installiert wurde. Der Dachgeschützturm stammt von einer anderen B-17, die 37 Jahre vor einer Tankstelle als Blickfang im Freien gestanden hatte.

B-17G-105-VE, F-AZDX, „Pink Lady“
Diese in Burbank produzierte B-17 trägt die Seriennummer 44-8846 und die Werknummer 8246. Ihre militärische Dienstzeit verbrachte sie bei der 351st Bomb Group in Polebrook und bei der 305th Bomb Group in Chelveston. Am 8. Dezember 1954 wurde sie vom französischen Institut Géographique National in Creil als RB-17G-Vermessungsflugzeug mit der zivilen Registrierung F-BGSP übernommen. Für eine Messkampagne in Südafrika war 1965 bereits die dortige Registrierung ZS-DXM zugeteilt, aber nicht genutzt worden. Nach der Ausmusterung 1985 erwarb der Freundeskreis Jean Salis die selten gewordene Viermot; sie erhielt die neue französische Vereinsregistrierung F-AZDX. Sie ist seit 1988 in Paris-Orly beheimatet und für die Vereinigung „Fortress toujours volante“ („Die Festung fliegt noch immer“) im Einsatz. Dabei trug sie zeitweise auch die Farben der 48846 „Lucky Lady“ und 28703 „Mother & Country“, als die sie im Spielfilm „Memphis Belle“ auftrat. Die jetzigen Tarnfarben entsprechen der einstigen 22960 „Pink Lady“.

B-17G, N5111N, „Liberty Belle“
Die B-17 der Liberty Foundation trägt den Namen eines berühmten Bombers, der nach einem Angriff auf Düsseldorf am 9. September 1944 als einziger von neun eingesetzten B-17 seiner Einheit nach England zurückkehrte und danach weitere 64 Kampfeinsätze flog, bis er am 18. Februar 1945 abgewrackt wurde. 

Das Flugzeug wurde 1944 mit der Seriennummer 44-85734 gebaut und 1947 ausgemustert. 1948 erwarb der Triebwerkshersteller Pratt & Whitney das Flugzeug als fliegenden Teststand für 2700 Dollar. Bis 1967 half die am Bug mit einer zusätzlichen Triebwerksaufnahme ausgerüstete B-17 fünfmotorig bei den Test- und Zulassungskampagnen der Turboprop-Triebwerke T-34 und T-64. Dabei wurden im Flug jeweils alle vier Kolbentriebwerke in den Leerlauf genommen und deren Propeller auf Segelstellung gebracht. Nur das Testtriebwerk lieferte dann noch Schub.

Danach gelangte die B-17 ins New England Air Museum in Windsor Lock, Connecticut, wo es 1979 durch einen Tornado schwer beschädigt wurde. Die Restaurierung unter der Federführung von Tom Reilly und Don Brooks kostete über drei Millionen Dollar und dauerte bis 2005. Dafür ist das gute Stück nun wieder flugfähig. Mitflüge kosten ab 430 Dollar pro Passagier.

Technische Daten

Boeing B-17G

Aufgabe: Langstreckenbomber
Besatzung: 2 Piloten, Bordingenieur/oberer Dachschütze, Funker/hinterer Dachschütze, Navigator/Kinnturmschütze, Bombenschütze/seitlicher Bugschütze, 2 seitliche MG-Schützen, Heckschütze, Schütze im Kugelturm unter dem Rumpf
Antrieb: 4 luftgekühlte Wright R-1820-97
9-Zylinder-Sternmotoren mit GE-B-22-Turbolader und 1200 PS (895 kW) Leistung
Länge: 22,78 m
Spannweite: 31,62 m
Höhe: 5,82 m
Leermasse: 16391 kg
max. Startmasse: 29710 kg
Dienstgipfelhöhe: 10850 m
Reichweite: 3219 km bei 2722 kg Bombenzuladung, 1760 km mit Höchstlast
Reisegeschwindigkeit: 293 km/h
Höchstgeschwindigkeit: 462 km/h
Bewaffnung: 11 bis 13 Maschinengewehre (Kal. 12,7 mm) und 7983 kg Bombenlast

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 05/2011

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Sebastian Steinke


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