26.11.2017
Erschienen in: 11/ 2011 FLUG REVUE

Der fliegende SimulatorBell X-22A

Fast 20 Jahre diente das letzte von Bell im Bundesstaat New York gebaute Flugzeug verschiedenen Tests und lieferte wertvolle Erkenntnisse für die Flugsteuerung von Senkrechtstartern. Ein ausgeklügeltes System konnte sogar die Flugeigenschaften anderer Muster simulieren.

IN DIESEM ARTIKEL

Obwohl die Bell X-22A als eines der langlebigsten Mitglieder der berühmten X-Serie der amerikanischen Forschungsflugzeuge gilt, geriet das Muster zunehmend in Vergessenheit. Dabei war der Senkrechtstarter eines der wenigen Projekte, bei dem alle drei Teilstreitkräfte der USA zusammenarbeiteten. Anfang der 60er Jahre war das Thema "Vertical Take-off and Landing" (VTOL) noch in aller Munde, und sowohl Air Force, Army als auch Navy wollten das Konzept des Mantelpropellers (ducted fan) für ein VTOL-Fluggerät erproben. Bei der entsprechenden Ausschreibung setzte sich Bell gegen einen Entwurf von Douglas durch.

Bell hatte bereits in den 50er Jahren verschiedene Studien mit ummantelten Propellern durchgeführt, und auch mit Senkrechtstartern wie dem Model 65 und der XV-3 Erfahrungen gesammelt. Am 30. November 1962 erteilten die US-Streitkräfte den Auftrag zum Bau von zwei X-22A, welche die firmeninterne Bezeichnung D-2127 trugen. Sie bekamen allerdings Seriennummern der US Navy (151520 und 151521).
Die Ingenieure mussten dabei mehrere Herausforderungen bewältigen: Zum einen hatten sie umfangreiche Untersuchungen bezüglich der Verlagerung des Schwerpunkts im Schwebeflug durchzuführen, zum anderen eine präzise Steuerung der Flugbewegungen zu gewährleisten. Außerdem durfte die Leermasse im Hinblick auf eine mögliche Produktanwendung nicht zu hoch sein. Das Fluggerät erhielt daher einen recht einfach konstruierten, kastenförmigen Rumpf mit einem Seitenleitwerk ohne Seitenruder. Statt normalen Tragflächen besaß die X-22 vier Gondeln, welche die dreiblättrigen Hamilton-Standard-Propeller mit einem Durchmesser von jeweils 2,13 Metern ummantelten und sich um bis zu 95 Grad schwenken ließen. Hinter der Luftschraube befand sich in der Verkleidung jeweils eine "Elevon" genannte Steuerfläche. Das Verstellen der Gondeln erfolgte hydraulisch. Der Antrieb bestand aus vier General Electric YT58-GE-8D, die in Gondeln an dem hinteren Stummelflügel montiert waren. Die Wellentriebwerke waren jeweils über ein Getriebe mit der hinteren Antriebswelle verbunden. Von dieser verlief über ein weiteres Getriebe eine Welle zur vorderen Antriebswelle. So konnten bei einem Triebwerksausfall alle vier Propeller weiter angetrieben werden.

Die Steuerung des Flugzeugs erfolgte durch die Verstellung der Luftschrauben sowie der Elevons und das Schwenken der Gondeln. Im konventionellen Flug beeinflussten die Steuerflächen in den Gondeln den Roll- und Nickwinkel, während die Propellerstellung für den Gierwinkel zuständig war. Im Schwebeflug dagegen kontrollierten die Elevons den Gierwinkel, indem sie den Luftstrom der Propeller ablenkten. Das Rollen und Nicken geschah mit Hilfe der Verstellung der Luftschrauben. Das Cockpit verfügte mit einem Knüppel und Ruderpedalen über konventionelle Steuerorgane, die von einem Blattverstellhebel und den Schaltern für die Gondelverstellung ergänzt wurden. Ein hydro-elektrisches Trimmsystem erzeugte realistische Steuerdrücke in allen Flugbereichen. Eine weitere Neuheit stellte das vom Cornell Aeronautical Laboratory (später als Calspan Corporation bekannt) entwickelte variable Stabilitätssystem dar. Das elektronische Variable Stability System (VSS) erlaubte das Simulieren von Flugeigenschaften anderer Senkrechtstarter. Im VSS-Modus waren die Steuerorgane des linken Sitzes entsprechend beeinflusst, während die rechten Ausführungen aus Sicherheitsgründen normal blieben. Die Besatzung verfügte über zwei Zero-Zero-Schleudersitze.


WEITER ZU SEITE 2: Notlandung beim Testflug

1 | 2 | 3 |     
Mehr Infos zu:
Mehr zum Thema:
Patrick Hoeveler


Weitere interessante Inhalte
Fotodokumente Neustart der Luftwaffe nach dem Krieg

12.01.2018 - 1956 erfolgte die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt Deutschland wieder eine Luftwaffe. … weiter

Drehflügler-Mekka The Helicopter Museum in Somerset

29.12.2017 - Mit rund 80 Hubschraubern aus den Nachkriegsjahren im Bestand ist das an der englischen Westküste gelegene Helicopter Museum die wohl größte auf Drehflügler spezialisierte Ausstellung der Welt. … weiter

Marine-Corps-Sammlung Flying Leatherneck Aviation Museum

18.12.2017 - Als einzige Sammlung in den USA hat sich das Flying Leatherneck Aviation Museum in Miramar bei San Diego auf die Fliegerei beim US Marine Corps konzentriert. … weiter

Fotodokumente Über die ALSIB zur Front

12.12.2017 - Im Zweiten Weltkrieg erhielt die Sowjetunion im Rahmen des Lend-Lease-Abkommens Tausende von Flugzeugen von den USA. … weiter

Technologie-Konzept Bells Luftkissen-Landegerät

11.12.2017 - Im Januar 1968 berichtete die FLUG REVUE über eine Entwicklung von Bell Aerosystems. Ein Luftkissen sollte Starts und Landungen unabhängig von der Beschaffenheit des Untergrunds ermöglichen, ganz … weiter


Klassiker der Luftfahrt 02/2018

Klassiker der Luftfahrt
02/2018
08.01.2018

Abonnements
Heft-Archiv
Einzelheft bestellen


- Amerika-Bomber Me 264
- Selbstopferangriffe: Yokosuka MXY-7
- Lockheed Vega
- Grumman Albatross
- Starfighter fliegt in Norwegen
- Reno Air Race
- Gefechtsbericht Hawker Fury