31.10.2018
Erschienen in: 04/ 2014 Klassiker der Luftfahrt

Die Ar 234 im Vergleich mit der Me 262Arado versus Messerschmitt

Die Entwicklung einsatzreifer Strahlflugzeuge war im Zweiten Weltkrieg eine rein innerdeutsche Angelegenheit. Messerschmitt konzentrierte sich auf die Me 262, Arado auf die Ar 234. Obwohl mit unterschiedlichen Zielrichtungen eingesetzt, wurden sie in Testflügen miteinander verglichen – mit zum Teil überraschenden Ergebnissen.

Auf den ersten Blick verwundert es: Ein Bomber und Aufklärer wird mit einem als Jäger und Jagdbomber eingesetzten Flugzeug verglichen. Tatsächlich ging es wohl mehr darum, den technischen Stand und mögliche Defizite der Flugzeuge zu ergründen und individuelle Vor- und Nachteile zu erkennen. Außerdem hätte die Arado Ar 234 wie die Me 262 von ihrem Grundkonzept her auch als Jäger dienen können. Ihre Verwendung als Bomber war „von oben“ befohlen worden.

In diesem Bericht stützen wir uns auf zwei Originaldokumente. Das eine, ein Nachflugprotokoll, schildert die Kenntnisse der Messerschmitt AG über die Arado Ar 234, der die Messerschmitt-Ingenieure und -Piloten im Oktober 1944 gründlich auf den Zahn gefühlt hatten. In dem anderen, einer Besprechungsniederschrift, werden die Erfahrungen aus  einem direkten Vergleichsfl iegen der Ar 234 und der Me 262 bei der Erprobungsstelle Rechlin zusammengefasst. Interessant macht den Vergleich unter anderem die Tatsache, dass beide Flugzeugmuster mit identischen Triebwerken ausgerüstet waren, den Junkers Jumo 004. Für die Flüge in Rechlin standen eine Me 262 aus der Serie und ein Vorserienflugzeug der Ar 234 zur Verfügung.

Manchen Betrachter mag es etwas wundern, wie positiv der Messerschmitt-Bericht über die Arado ausfällt. Die Aussagen sind ein starkes Indiz für die Qualitäten dieses Flugzeugs. Die Arado überzeugte mit einer wesentlich besseren Bauqualität. Fertigungsmängel waren ein bekanntes Problem der  Serienausführungen der Me 262, deren Komponenten dezentral unter oft schlechten Bedingungen und zum Teil von verständlicherweise wenig motivierten Zwangsarbeitern produziert wurden. Dazu zählten sogar verzogene Flügel. Schlecht angepasste  Triebwerksverkleidungen und raue Oberflächen waren bei Messerschmitts Strahljäger an der Tagesordnung. So hält der Messerschmitt-Report ausdrücklich die „saubere und exakte Bauausführung“ der Ar 234 fest. Die Oberfläche sei nur leicht  gespachtelt, und die Ruder lägen sehr sauber im Strak, heißt es.

Im Wesentlichen konzentrierten sich die Testpiloten jedoch auf die Bedienung und die Flugeigenschaften der Ar 234. Der Einstieg über das Klappdach, bei dem mehrere Fußtritte erklommen werden mussten, erforderte einige Übung. Die Sitzposition erachteten die Experten auch für längere Flüge als bequem. Die Instrumente seien zum Teil unübersichtlich angeordnet, besonders die Triebwerksüberwachungsgeräte. Besser als bei der Me 262 sei die Bedienung der Sauerstoffanlage gelöst, die bequemer zu erreichen sei.

Cockpit und Maximalgeschwindigkeit

kl 04-2014 Ar 234 und Me 262-11

Ins Cockpit der Ar 234 gelangte der Pilot nur über eine Deckenluke. Der Einstieg verlangte Übung. Bei den Vergleichsflügen erntete die Sitzposition in der Arado hingegen positive Kommentare. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Die Betätigung der Riedel-Anlasser für die Jumo-004-Turbinen sei gegenüber der Me 262 durch Kippschalter handlicher gelöst, jedoch sei der Einspritz- und Zündvorgang der Triebwerke bei der Messerschmitt einfacher zu starten. Mit seiner Kulissenführung und definierten Stopp-, Leerlauf- und Vollgasstellungen sei der Gashebel der Ar 234 besser als bei der Me 262 gestaltet. Lobende Worte fand der Tester auch für die Anordnung der Schalter für die elektrohydraulisch betätigten Fahrwerke und Landeklappen. Die  Landeklappen wurden über einen Dreistellungsschalter gefahren: Ein, Start (10 bis 15 Grad), Landung (30 bis 40 Grad). Im Bericht steht dazu: „Betätigung des Schalters einfacher als bei der Me 262, da geringer Druck für Ansprechen der Landeklappenhydraulik ausreicht,  während bei der Me 262 große Wege und in manchen Fällen wegen Unsauberkeit größere Kräfte erforderlich sind.“ Der Fahrwerksschalter war in einer Vertiefung neben dem  Klappenschalter positioniert und durch eine Klappe geschützt, was eine Verwechselung praktisch unmöglich machte. Die Sichtverhältnisse aus dem Cockpit der Ar 234 beurteilt der Bericht besser als bei der Me 262, will bei der Ar 234 aber nicht von einer Vollsichtkanzel sprechen, da das Sichtfeld vor allem durch das Instrumentenbrett gestört sei.

Danach kommt der Verfasser zu seinen praktischen Erfahrungen mit der Ar 234: „Die Rolleigenschaften der Maschine konnten von mir nicht eingehend untersucht werden, sind aber nach Angaben von Arado infolge geringer Spurweite nicht besonders gut. Das Bremsverhalten ist nicht ausreichend, sodass Arado zum Landebremsschirm übergegangen ist, der funktionsmäßig einwandfrei ist und eine Rollstreckenverkürzung von 60 Prozent bringt.“ Der Bericht bemängelt das zu weich gefederte Bugrad, durch das die Ar 234 auf unebenen Plätzen zu dauerndem Nicken neige. Im Startlauf selbst sei die Rollstabilität dennoch gut. Der Start zu dem Testflug erfolgte bei 40 km/h Seitenwind aus 70 Grad zur Startrichtung.

Bei etwa 170 km/h hob der Testpilot die Ar 234 ab. In seinem Protokoll heißt es: „Die Maschine macht einen weicheren Eindruck nach dem Abheben im Vergleich zur Me 262. Nach Angaben von Arado wurde durch die Querruderabsenkung von zehn Grad beim Ausfahren der Landeklappen bereits eine Erhöhung der Querruderkräfte erreicht.“ Beim Einfahren der Landeklappen (bis 300 km/h) und des Fahrwerks (bis 380 km/h) seien nur geringe Lastigkeitsänderungen aufgetreten. Sie seien vergleichbar mit denen der Me 262 mit innen ausgeglichenem Höhenruder. Bei der Me 262 mit normalem Ruder träten wesentlich höhere Lastigkeitsänderungen auf.

Wegen schlechter Wetterbedingungen, die Wolkenuntergrenze war niedrig und es herrschte sehr böiger Wind, konnte die Ar 234 von dem Messerschmitt-Piloten in maximal 1000 Meter  NN nicht voll ausgeflogen werden. Bei diesen Bedingungen erreichte er im Horizontalflug nur 705 km/h, deutlich weniger als die Me 262. Er protokolliert dazu: „Nach Angaben von Arado  soll die Maschine sonst 750 km/h schnell sein. Geschwindigkeitsverlust von 40 km/h wie in meinem Fall soll durch böiges Wetter bedingt sein. Lastigkeitsänderungen durch Triebwerksschub kaum spürbar.“

Aerodynamik

kl 04-2014 Ar 234 und Me 262-08

Aus dieser Perspektive zeigt sich deutlich die modernere Aerodynamik der Me 262, die sie bei gleichem Antrieb schneller als die Ar 234 machte. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Die Ruderkräfte aller Ruder der Ar 234 seien bei allen erflogenen Geschwindigkeiten durchweg geringer als die der Me 262, im Stechflug erreichte der Pilot in Bodennähe 780 km/h. Dabei kritisierte er eine gegenüber der Messerschmitt geringere Rollwendigkeit und Ruderfolgsamkeit. Als Ursache vermutete er das zu weich ausgelegte Steuergestänge. Positiv vermerkte er jedoch die sehr gute Seitenruderwirksamkeit auch noch im Einmotorenflug.

Bei den Tests wurde die Ar 234 mit Schwerpunktlagen zwischen 22 und 27,5 Prozent geflogen. Wegen der schwerpunktnahen Positionierung der Bombenträger und Tanks zeigte die Ar 234 kaum Schwerpunktverschiebungen beim Bombenabwurf oder Leerfliegen der Tanks. Eingehend wurde die Richtungsstabilität untersucht. Dabei waren die Bedingungen infolge der starken Böigkeit sehr ungünstig. „Trotzdem machte die Maschine einen wesentlich besseren Eindruck als die Me 262, besonders hinsichtlich der Restschwingungen. Die statische Stabilität ist gering, d. h., die Schwingungszeiten sind groß. … Dieses wirkt sich in Verbindung mit kleinen Steuerkräften beim Schießanflug sehr gut aus“, heißt es im Flugprotokoll.

Dabei stellte der Pilot keinen Einfluss der Schwerpunktlage auf die Richtungsstabilität des Flugzeugs fest. Insgesamt sei das Schwingungsverhalten mit dem der Me 262 mit innenausgeglichenem Seitenruder vergleichbar. Beim Fliegen von Steilkurven empfand der Testpilot jedoch als sehr unangenehm, dass die Ar 234 um die Hochachse in den Kreis hineindrehte und deshalb mit dem Seitenruder dagegengehalten werden musste, um nicht zu fallen. Die Me 262 hingegen hatte bei Steilkreisen die Tendenz, um die Hochachse nach außen zu drehen und zu steigen. Die Ergebnisse des Vergleichsfliegens von Me 262 und Ar 234 bei der E-Stelle Rechlin, das einige Zeit zuvor stattgefunden hatte, deckten sich zum Teil mit den bei Messerschmitt getroffenen Feststellungen. Auch hier wurde die besonders gute Bauausführung der Arado betont. Bei den Messungen der Horizontalfluggeschwindigkeit lag die Me 262 um etwa 80 km/h über der Ar 234. Der Vorsprung hätte noch größer ausfallen können, wenn die Oberfläche der Messerschmitt aerodynamisch besser gewesen wäre.

Ein überraschendes Ergebnis war, dass sich die Ar 234 bei den Vergleichsflügen gegenüber der Me 262 als rollwendiger herausstellte. Die Ruderkräfte der Me 262 waren wesentlich höher. Bei dem Testflug mit der Messerschmitt konnte der Pilot, Major Behrens, bei höherer Geschwindigkeit nur unter Aufbietung aller Kräfte volles Querruder geben.

Überraschungsmoment

Unter der Überschrift „Kurvenkampf“ heißt es in einem Besprechungsprotokoll vom 17. Juni 1944: „Besonders unangenehm und für die schlechte Beurteilung der Me 262 maßgebend fi el der viel größere Kurvenradius der Me 262 auf. Wenn auch die Flächenbelastung vielleicht bei der Me 262 etwas größer war, so ist doch der Grund in den viel zu hohen Höhenruderkräften dieser Maschine zu suchen. Herr Major Behrens konnte nicht auf camax ziehen; dasselbe zeigte sich bei Gleitflügen und anschließendem Abfangen. Die Ar 234 konnte wesentlich schärfer abgefangen werden.“ Ruderkräfte und –kraftverlauf seien bei den Serienflugzeugen der Me 262 wesentlich ungünstiger als bei den V-Mustern, insbesondere der V 6 und V 7, die als Musterflugzeuge für die Serie dienten. Bei den Serienflugzeugen  müssten durch eine Erhöhung der Baugenauigkeit dieselben Eigenschaften wie bei den V-Mustern erzielt werden.

Dass bei den Jets der Wendigkeit so große Beachtung geschenkt wurde, zeigt, dass in den Köpfen der Tester noch die mit Propellerjägern übliche Luftkampftaktik verankert war. Doch eigentlich hatte sie für die damaligen Strahlflugzeuge keine Bedeutung mehr. Tatsächlich urde die Me 262 nie bei einem Einsatz im klassischen Kurvenkampf geflogen. Ihre Stärke lag im Überraschungsmoment dank ihrer hohen Geschwindigkeit. Aufgrund ihrer überragenden Flugleistung konnte sie gegnerischen Jägern praktisch immer entkommen. Zu Luftkämpfen im herkömmlichen Sinn kam es gar nicht. Ähnliches gilt für die Arado Ar 234. Bei ihren nicht mehr sehr zahlreichen Einsätzen als Bomber und Aufklärer profitierte auch sie von ihrer hohen Geschwindigkeit.

Die Ergebnisse der Vergleichsflüge wurden in den der Redaktion vorliegenden Berichten nur recht oberflächlich dokumentiert. Doch sie lassen immerhin Schlüsse auf grundlegende Eigenschaften der beiden Jets zu.  Dass die Ar 234 nicht an die Geschwindigkeit der geringfügig kompakteren Me 262 herankam, scheint seinen Grund in einer etwas schlechteren aerodynamischen Ausgestaltung gehabt zu haben. Dafür war die Ar 234  wendiger und besser verarbeitet als Messerschmitts Strahljäger. In jedem Fall gilt: Sowohl die Me 262 als auch die Ar 234 waren zu ihrer Zeit Flugzeuge, die die technische Spitze im weltweiten Flugzeugbau verkörperten.

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 04/2014



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