05.12.2017
Erschienen in: 08/ 2017 Klassiker der Luftfahrt

DoppeldeckerAkrobaten der Lüfte - Leben wie ein Barnstormer

In den USA waren die Barnstormers nach dem Ersten Weltkrieg durch die Lande fliegende Luftakrobaten. Klassiker der Luftfahrt hat einen modernen Barnstormer in Brodhead getroffen.

Waldo!“... „Waaaaaldooooohh!“ – „Nicht jetzt, Kleines.“ Und wenige Sekunden später kracht Waldo Pepper an einer Strickleiter unter einer Standard J-1 hängend in eine Scheune. Eine herzlich erfrischende Szene aus dem Blockbuster „Tollkühne Flieger“ (OT 1975: „The Great Waldo Pepper“) mit den Hauptdarstellern Robert Redford und Susan Sarandon.

So oder so ähnlich verliefen manche Flüge in der Zeit, als es noch keine Luftfahrtgesetze oder regulierende Luftfahrtbehörden gab. Im Amerika der Nachkriegszeit tingelten zahlreiche arbeitslos gewordene Piloten von Kleinstadt zu Kleinstadt und machten die noch junge Fliegerei populär. Stuntfliegerei, Flugtage und Rundflüge waren die Einnahmequellen für heimatlose Piloten. Gestartet und gelandet wurde auf Feldern nahe der nächsten „Barn“ (dt.: Scheune). Hierzulande und auch in unseren Nachbarländern gab es die Zeit des Barnstormings leider nicht. Nach dem Ersten Weltkrieg war in Deutschland das Fliegen zunächst untersagt. Anders in Amerika, wo nach Kriegsende viele Piloten arbeitslos waren und unzählige ausrangierte Flugzeuge für kleines Geld von der Regierung erworben werden konnten. Auch Charles Lindbergh startete seine zivile fliegerische Laufbahn als Barnstormer, indem er von Scheune zu Scheune flog und sich mit Rundflügen über Wasser hielt.

Klassiker der Luftfahrt ist es gelungen, einen modernen Barnstormer, Ted Davis aus Brodhead, Wisconsin, ausfindig zu machen und diesen mit seiner New Standard D-25 von 1929 zu begleiten.

Keine Regularien oder Zulassung für die frühen Flugzeuge

In den Jahren vor der Fertigung der D-25 waren die Flugzeuge weder zugelassen, noch gab es Regularien für gewerbliche Personenbeförderung. Hauptsächlich wurden Flüge mit den von wassergekühlten Achtzylinder-V-Motoren (OX-5 oder Hispano-Suiza) betriebenen Curtiss JN-4D Jenny oder Standard J-1 durchgeführt. Viele Unfälle und ein wildes, ungezügeltes Fliegerleben führten dazu, dass Mitte der 1920er Jahre die Luftfahrtbehörde (heute FAA) gegründet wurde. Es gab ziemlich schnell Vorschriften sowohl für die Zulassung von Flugzeugen als auch für die Piloten. Unter dem A.T.C. (Aircraft Type Certificate) 108 wurde im Februar 1929 für die New Standard D-25 die Verkehrszulassung ausgesprochen.

Die Maschine war eine konsequente Weiterentwicklung früherer Modelle und sollte vor allem den modernen Flugzeugbetreiber ansprechen, um an einem warmen Samstagvormittag den schnellen „Buck“ verdienen zu können. Vier Passagierplätze ermöglichten, dass innerhalb einer Stunde rund 40 Passagiere befördert werden konnten. Die 220 Pferdestärken des Wright Whirlwind J-5 waren für den riesig wirkenden Doppeldecker ausreichend und vor allem zuverlässig genug. Dieser Motortyp brachte Lindbergh zuverlässig nach Paris und galt auch zwei Jahre nach dessen Atlantiküberquerung noch als einer der zuverlässigsten Flugmotoren seiner Zeit. Mit einer Spannweite des oberen Flügels von rund 15 Metern und dem tragenden Profil vom Typ „Göttingen 533“ waren Landegeschwindigkeiten von gerade einmal 37 mph (ca. 60 km/h!) möglich. Die Reisegeschwindigkeit lag bei immerhin knapp 100 mph (ca. 160 km/h). Von dem Modell D-25 wurden lediglich 40 Maschinen gefertigt. Die Firma New Standard verschwand vom Markt, da die Zeit der offenen Doppeldecker zu Ende ging, der Bedarf an Rundflügen immer kleiner wurde und die Firma letztendlich Konkurs anmelden musste.

Eine gute Handvoll New Standards hat, vermutlich durch ihre Nachnutzung als Cropduster, sprich landwirtschaftliches Sprühflugzeug, bis heute überlebt. Eine selbst wiederaufgebaute Maschine fliegt Ted Davis. Der 58-jährige Luftfahrtfanatiker, der äußerlich wie ein Lausbub aus der guten alten Zeit des Barnstormings wirkt, ist in der Szene kein Unbekannter. Viele Oshkosh-Pokale für das am besten restaurierte Flugzeug gehen auf sein Konto. Neben seinem Hauptgeschäft, dem Restaurieren von Maschinen aus den „roaring twenties“ sowie von kleinen Sportflugzeugen, ist das Rundfluggeschäft mit seiner New Standard seine Haupteinnahmequelle.

Fliegerparadies im Norden von Chicago

Gefunden haben wir ihn in Brodhead, einer typischen amerikanischen Kleinstadt im Mittleren Westen. Auf dem Flugplatz in der Nähe gibt es etwa hundert kleine Flugzeughallen und regelmäßige Aktivitäten rund um das Fliegen zu Zeiten Waldo Peppers. Ein dortiger Spaziergang zwischen den und durch die Hallen lässt Luftfahrt fühlen, schmecken und riechen. Überall Projekte in verschiedenen Stadien. Man öffnet eine Tür und ist sprachlos über das, was sich dahinter verbirgt. Der Geruch von frisch gesägtem Holz vermischt sich mit dem Duft von Spannlack. In einer anderen Halle lässt sich die Restwärme eines vor Kurzem noch gelaufenen Umlaufmotors spüren. Wieder eine Halle weiter kann man den „Hangartalks“ zwischen alten Opas und fliegerischen Grünschnäbeln lauschen.

Inmitten dieser Atmosphäre ist Ted. Er steckt an mit seiner Leidenschaft für die pure Art des Fliegens und dem Engagement, das er mitbringt. So wechselt er mal eben nebenher das Spornrad einer frühen Aeronca vor dem Hangar für einen neu angekommenen Fly-in-Teilnehmer oder fliegt morgens in einer aus acht Pietenpol-Flugzeugen bestehenden Formation rund um Brodhead. Den Erzählungen seiner Erlebnisse lauscht man mit Faszination, Begeisterung und einem Stück Sprachlosigkeit.  Ted Davis liebt die Fliegerei und gibt seine Begeisterung gerne weiter. Er ist Fluglehrer und Inhaber einer Berufspilotenlizenz. So wundert es nicht, dass man innerhalb kürzester Zeit in einem seiner Flugzeuge sitzt. In diesem Fall als Gast in der New Standard. 

Vier Personen finden entspannt im vorderen Cockpit Platz

Die „Fluggastzelle“ ist geräumig und bietet Platz für vier Personen. Man fühlt sich fast etwas an eine Schiffschaukel vergangener Tage erinnert.  Ein Gurt um den Bauch, Ohropax in die Ohren – und los geht es. Der sonore und niedrig drehende Whirlwind bringt den Apparat innerhalb weniger Meter Rollstrecke in sein angestammtes Element. Der Wind saust etwas mehr als in herkömmlichen Doppeldeckern durch die Haare. Aber man spürt auch den Zeitsprung zurück in die Goldenen Zwanziger Jahre. So müssen sich auch ganze Dorfpopulationen gefühlt haben, als sie vor mehr als 80 Jahren erstmals überhaupt mit der dritten Dimension in Kontakt gekommen sind. Nach gut zwanzig Minuten endet die Zeitreise mit einer sauberen Dreipunktlandung mit Minimalfahrt. 

Ted hat seinen Traum vom Fliegen übrigens nicht nur mit der New Standard verwirklicht, er lebt unweit des Flugplatzes in seinem eigenen fliegerischen Mikrokosmos. Eine gut 700 Meter lange Graspiste mit schönem Holzblockhaus und großem Hangar als Workshop lässt ihn 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche zwischen Holz, Metall und Bespannstoff und jeder Menge Luftfahrtgeschichte seinen Traum leben. Für diejenigen, die mehr über Ted Davis erfahren oder sogar mal selbst mit ihm in die Luft gehen möchten, können auf seiner Website (www.biplaneridesofamerica.com) einen ersten Blick riskieren. 

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 08/2017

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Thomas Schüttoff


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