16.04.2016
Klassiker der Luftfahrt

Mangelhafte Ausbildung der deutschen Kampfflieger„Lebensdauer“ einer Kampfbesatzung 1943

Dietrich Peltz, im Mai 1943 Oberst beim Inspekteur der Kampf- und Sturzkampfflieger, versuchte mit einem vorsichtig formulierten Brief (unten im originalen Wortlaut wiedergegeben) an Generalfeldmarschall Erhard Milch auf die prekäre Situation der Kampffliegerausbildung hinzuweisen.

Unabhängig vom Verlauf der damaligen Diskussion erlaubt die Darstellung von Peltz‘ einen seltenen Blick auf die Lebensdauer und Leistungslage der Kampfverbände im Jahr 1943. Die erwähnten Anlagen sind leider nicht mehr erhalten. Was bleibt, ist ein wichtiges zitierfähiges Zeitdokument aus der Geschichte der deutschen Luftwaffe.
Marton Szigeti/Archiv

Oberst im Generalstab Peltz
den, 14.5.1943

Hochzuverehrender Herr Generalfeldmarschall!

Da ich nicht weiß, ob Herr Generalfeldmarschall in den nächsten Tagen noch zu mir kommen oder nicht, bitte ich, die Punkte, die ich Herrn Feldmarschall hätte vortragen müssen, schriftlich in der Anlage beifügen zu dürfen, da irgendeine Lösung auf diesem Gebiet getroffen werden muß.

Grundsätzlich bitte ich, folgendes sagen zu dürfen:
Die Leistungslage unserer Serienflugzeuge gegenüber dem englisch-amerikanischen Gegner - soweit sie meinen Sektor betreffen - ist bekannt. Die Folge davon sind die zahlreichen Sonderwünsche, die mit mehr oder weniger Recht vorgebracht werden und vom industriellen Standpunkt zu einer Zersplitterung der Produktionskräfte führen. Vom waffentechnischen Standpunkt aus betrachtet, ist die Lage aber die, dass ein unterlegenes Kampfflugzeug eine derartig hohe Verlustquote besitzt, dass auf das Gesamte gesehen, der Sonderwunsch oder die Sonderanfertigung - soweit ich das überblicken kann - tatsächlich der billigere Weg ist. Wenn ich Herrn Generalfeldmarschall daran erinnern darf, dass im Kriege gegen England wie auch bei den Kampfverbänden im Mittelmeer die Lebensdauer einer Besatzung 13 bis 16 Einsätze beträgt, dass der Wirkungsgrad bei den ersten 5 Einsätzen praktisch gleich 0, bei den darauf folgenden 5 bis 10 mässig und ab dann brauchbar wird, so ist zu erkennen, dass wir gar nicht mehr in die Lage kommen, gute Leute in der Front heranwachsen zu lassen. Es muß ferner dabei betrachtet werden, daß eine derartige Besatzung rund 1 ½ Jahre in der Ausbildung ist, dort wohl durchschnittlich ½ Flugzeug verbraucht, eine gewisse Menge Brennstoff, die mir nicht genau bekannt ist, verfliegt.

Bei den mir unterstehenden IV. Gruppen erhält die Besatzung nochmals 70-110 Flugstunden Kampf-, Übungs- und Nachtflugausbildung auf dem betreffenden Kampfflugzeugmuster.
Es wird hierbei schätzungsweise pro 3 Besatzungen ein weiteres Kampfflugzeug verbraucht und pro Besatzung und Flugstunde 608 Liter (bei Ju 88), insgesamt also mindestens 70 x 608 Liter = 42,6 cbm Brennstoff.

Wenn man diesen Aufwand bedenkt, von der Zielgeräteausbildung und dem gesamten Spezialaufwand gar nicht zu sprechen, so ist es klar, daß wir uns, auf die Dauer gesehen, bei dem zu erzielenden Nutzeffekt, diesen Verschleiss nicht leisten können.

Der Grund für diese missliche Lage liegt in der technischen Leistung der entsprechenden Flugzeuge, d.h. der Serientype. Wenn es gelingen könnte, die Serienflugzeuge in den Zonen zu verbrauchen, wo sie einen noch wirklich günstigen Wirkungsgrad haben, wäre die Sache in Ordnung. Herr Generalfeldmarschall wissen aber selbst, dass die Lage diese günstige Lösung nicht zuläßt.

Folgende Wege sind nach meiner Auffassung zur Besserung dieser Verhältnisse beschreitbar:

1) Die Serienflugzeuge müssen bei ihrem Erscheinungstermin leistungsmässig den Anforderungen entsprechen. Wir müßten versuchen, eine Leistungsklasse zu überspringen und damit mit dem Gegner mindestens gleichzuziehen, wenn nicht, wie ich sicher glaube, ihn zu übertreffen. Die Möglichkeiten dazu liegen einmal in der reinen Spezialisierung für den betreffenden Verwendungszweck der Flugzeuge, zum zweiten im Vorziehen der Ju 88 in Spezial- Tag- und Nachtausführung. Auf dem Schnellkampfsektor liegen wir, glaube ich günstig und es müssen wohl da erst gewisse Stückzahlen in der Front sein, um ein Urteil darüber abgeben zu können.

2) Um die Lücke, die in der Leistung der Serienflugzeuge augenblicklich besteht, einigermassen schließen zu können, bitte ich gehorsamst, die in der Anlage beigefügten Wünsche mit einem wohlwollenden Auge prüfen zu wollen.

Es wäre mir eine große Ehre, wenn es Herrn Generalfeldmarschall doch noch gelingen könnte, in den Westen vorzustoßen und die Möglichkeit bestünde, mündlich diese Dinge noch einmal zu besprechen, da sie schriftlich immer nur so barsch und unzusammenhängend darzustellen sind.

Ich bleibe Herrn Generalfeldmarschall gehorsamst ergebener
Peltz



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