09.04.2018
Klassiker der Luftfahrt

Göring verteilt Ohrfeigen an die IndustrieTypenbereinigung des RLM-Fertigungsprogramms

Etwa drei Monate nach der Errichtung des Jägerstabes und der damit verbundenen „Machtverschiebung“ im Reichsluftfahrtministerium hatte Hermann Göring höchstpersönlich die Direktoren beziehungsweise Wehrwirtschaftsführer der deutschen Luftfahrtindustrie zu sich auf den Obersalzberg geladen.

Waren die Wirtschaftsbosse bisher dem Willen Erhard Milchs ausgeliefert, sahen sie sich nun dem polternden Reichsmarschall gegenüber.

Die nun im Wortlaut zitierte Stenoabschrift stammt aus der Feder von Dr. Karl Schwärzler, der zusammen mit seinem Chef Ernst Heinkel die Ausführungen Görings verfolgte und kommentierte.
Marton Szigeti

Bericht über die Besprechung beim Reichsmarschall am 25.5.1944 auf dem Obersalzberg

Abreise mit Herrn Prof. Dr. Heinkel am 25.5.1944,         2.00 Uhr morgens
Eintreffen in Berchtesgaden                                     8.30 Uhr
Treffen im Sonderzug auf dem Bahnhof Berchtesgaden 10.15 Uhr
Abfahrt auf den Obersalzberg                                  10.30 Uhr
Beginn der Besprechung:                                   ca. 11.00 Uhr
Ende der Besprechung:                                     ca. 18.00 Uhr
Besprechungs-Ort: SS-Kasernen auf dem Obersalzberg

Teilnehmer:
Der Reichsmarschall, Gen. Feldmarschall Milch, General Galland, General Vorwald, General Korten, Oberst Petersen, Oberst Marienfeld, Oberst Eschenhauer, Oberstleutnant Knemeyer

Sauer, Frydag, Werner, Heine, Prof. Heinkel, Schwärzler, Prof. Messerschmitt, Prof. Hertel
Tiedemann, Prof. Tank, Kaeter, Dr. Vogt, Reidenbach.

Nach dem Erscheinen des Reichsmarschalls mit kurzer Begrüßung leitete er selbst die Besprechung. Es war der dritte Verhandlungstag. An den beiden vorherigen Tagen war die Industrie nicht dabei.

Der Sinn der Besprechung war, eine Typen-Bereinigung durchzuführen unter Streichung einer größeren Anzahl von Baumustern und Konzentrierung der Fertigung auf die verbleibenden, die in umso größerer Stückzahl in das Programm eingesetzt werden. Das neue Lieferprogramm, welches an den beiden Vortagen bereits festgelegt worden ist, bezeichnete der Reichsmarschall als ein „globales und definitives Programm“. Der Jägerstab, welcher in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit außerordentliche Leistungen im Jäger-Programm erzielt hat, wird für das gesamte Lieferprogramm verantwortlich gemacht, denn es besteht sonst die Gefahr, daß durch den Jägerstab die Bomber benachteiligt werden, was nach Ansicht des Reichsmarschalls nicht geschehen darf.

Die Erprobung der einzelnen Baumuster soll künftig nur über die GL-Erprobung erfolgen, die als rein militärische Erprobungsstelle aufgezogen werden soll. Um diese Erprobungsstelle immer auf die neuesten Front-Erfordernisse auszurichten, soll sie ständig durch neues Blut von der Front ergänzt werden. In Zukunft wird über die Durchführung einer Änderung nur die GL-Erprobungsstelle die Entscheidung treffen, und direkte Forderungen der Front an die Industrie sind nicht mehr gestattet. Der Reichsmarschall sagte aber wörtlich: „Selbstverständlich soll dadurch der direkte Gedankenaustausch zwischen Front und den Konstrukteuren nicht unterbunden werden.“

Der Reichsmarschall sprach sich dafür aus, die Entwicklung von der Fertigung ganz zu trennen. Andererseits fordert er, daß die Fertig-Entwicklung eines Baumusters bis zur endgültigen Frontreife von dem Kobü [Konstruktionsbüro – Anmerk. d. Red. ] durchgeführt werden muß, und er sagte wörtlich, daß die Konstrukteure erst dann mit ihren Gedanken wieder auf neue Reisen gehen dürfen, wenn alles klipp und klar und sauber fertig entwickelt worden sei. Die Lizenz-Firmen müssen mit demselben Eifer an die Fertigung eines fremden Musters herangehen wie das Stammwerk.

Wenn heute von einer Firma etwas verlangt würde, dann wäre der erste Schrei immer nach Arbeitern. Dieses Ansinnen sei ungehörig, weil der Einsatz der Arbeitskräfte noch bei weitem nicht so ist, wie er sein sollte. Es gäbe Firmen, die russische Kriegsgefangene zum Hofkehren einsetzten. Der Reichsmarschall will in Zukunft den Einsatz der Arbeitskräfte schärfstens kontrollieren lassen und sagte wörtlich: „Ich werde Stichproben machen, die sie gar nicht merken werden. Jede Vergeudung einer Arbeitskraft ist ein Verbrechen!" Die Berechnungen eines Kobü's sollen künftig von einem anderen Kobü nachgeprüft werden, und der Reichsmarschall verlangt vollkommene Sachlichkeit.

Der Reichsmarschall mißt der Weiterentwicklung große Bedeutung bei und wird sie niemals einschränken. Er sagte, daß wir die Stückzahl unserer Gegner nicht erreichen können und daß wir dafür immer überlegen in den Leistungen der Maschinen sein müssen. Amerika ist geschickt und erfahren und wir müssen das erst lernen. Drüben würde der Konkurrenzkampf durch den Anreiz des Geldes geführt, welchen wir uns nicht leisten können, da wir die Arbeitskräfte nicht für Parallel-Entwicklungen einsetzen können. Was bei uns durch Konkurrenzkampf nicht möglich ist, muß durch Zweckmaßnahmen erreicht werden. Repräsentation ist deshalb bei uns auch eine ganz unwichtige Sache, und die Zeit der Frühstücks-Direktoren ist vorüber. Das sogenannte Repräsentations-Konto fällt in Zukunft weg.


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