23.12.2013
Klassiker der Luftfahrt

Hubschrauber-Meisterschaft 1967 mit Hanna ReitschProfi Brauer gewann erneut den Titel

Die 3. Deutsche Hubschraubermeisterschaft fand 1967 in Offenburg statt. Mit einem starken Teilnehmerfeld und fünf Disziplinen war sie wegweisend für künftige Wettbewerbe. Der prominenteste Teilnehmer und zugleich erfahrenste Hubschrauberpilot war zweifellos Hanna Reitsch, die schon 1937 mit einer Focke-Wulf Fw 61 einen Streckenweltrekord (109 km) für Hubschrauber aufgestellt hatte.

Georg Brütting (1912 – 1979), Luftfahrt-Publizist, Mitbegründer und jahrelang Präsident des Deutschen Aero Clubs, berichtete über Bedeutung und Verlauf dieser Meisterschaft.

Nach drei Wettkämpfen ist die Deutsche Hubschrauber-Meisterschaft bereits ein fester Bestandteil im Veranstaltungskatalog der deutschen Luftfahrt geworden. Drei Wettbewerbe waren notwendig, um die wettkampfgerechte Form für diese Meisterschaft zu finden, jene Form, die ohne Vorbild der Eigengesetzlichkeit des Hubschraubers entspricht. Diesmal waren am Himmelfahrtstag 23 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengekommen, um pünktlich zur Sekunde die Ziellinie auf dem Flugplatz von Offenburg zu überfliegen, der vom 15. bis 18. Mai Schauplatz der 3. Deutschen Hubschrauber-Meisterschaften gewesen ist. Unter den 23 Teilnehmern befanden sich 19 Berufspiloten und vier Privatpiloten, darunter je eine Besatzung aus Frankreich und Norwegen und eine Damenbesatzung mit Flugkapitän Hanna Reitsch und Elke Kempkens. Unter den Heeresfliegern befand sich der Titelverteidiger Otto Brauer mit seinem Copiloten Hartmut Seide aus Fritzlar, unter den Luftwaffenleuten der Vizemeister Peter Biallas/Helmut Mauch (Faßberg). Der Erfahrungsbereich der Teilnehmer reichte von 100 bis 4000 Flugstunden. 

Mit am Start: Rekordpilotin Hanna Reitsch

Hanna Reitsch

Die damals 55jährige Hanna Reitsch belegt mit ihrer Copilotin Elke Kempkens auf einer Hughes 300 Platz 13. Foto: KL-Dokumentation  

 

In diesem Bericht muß die Höflichkeit des Kavaliers schweigen, um die Leistung noch mehr zu unterstreichen; denn Hanna Reitsch war nicht nur mit Abstand der älteste Teilnehmer, sondern auch der älteste Hubschrauberpilot, zählte sie doch in den dreißiger Jahren zu den ersten Hubschrauberpiloten der Welt überhaupt. Eine Weltsensation waren einst ihre Flüge im Frühjahr 1938 in der Deutschlandhalle zu Berlin gewesen, die sie Abend für Abend mit dem Focke-Hubschrauber durchführte. Nach ihr war der Düsseldorfer Zahnarzt Dr. Karl-Heinz Tessmer (48) der älteste Teilnehmer. In die Jury und Sportleitung wurden vom Deutschen Aero-Club Vertreter aus allen Gebieten der Allgemeinen Luftfahrt berufen, so daß in Offenburg die gesamte Garde der Hubschrauberpiloten vereint war.

Meisterschaft weckt internationales Interesse

Alouette II

Foto: Die siegreiche Crew Brauer/Seide flog die Alouette II, genauso wie neun weitere Teams.  

 

Welch großes Interesse diese Meisterschaften auch international finden, beweist die Tatsache, daß Delegationen aus der Tschechoslowakei, aus Frankreich, der UdSSR und Belgien zugegen waren. In Offenburg reichte die „Typenschau" von der zweisitzigen Hughes 269 A mit 180 PS bis zur 15-sitzigen Bell UH-1D mit einer Turbine von 1400 PS. Am stärksten vertreten war der französische Turbinenhubschrauber Alouette II, den zehn Teilnehmer steuerten. Die übrigen 13 Hubschrauber waren amerikanischer Herkunft, und zwar je vier Bell UH-1D und Hughes 300, zwei Hughes 269A und je einmal die beiden Bell-Typen Bell 47 und Bell 206 sowie ein Brantley B2. Dabei war der drei­sitzige Bell-47-Hubschrauber mit 260 PS die älteste Konstruktion.

Fünf Disziplinen gewertet

Bo 105

Ein Prototyp der damals neuen Bo 105 kam als Gast zur Hubschraubermeisterschaft nach Offenburg. Foto: KL-Dokumentation  

 

Fünf Aufgaben waren im Kampf um die Deutsche Meisterschaft zu erfüllen, Aufgaben, die nach den Erfahrungen der bisherigen Meisterschaften ausgebaut und präzisiert wurden. Pünktlichkeitsanflug und Streckenflug entsprachen den Be­dingungen aller anderen Sportflug-Wettbewerbe und zählten hier gleichsam nur als Rahmenprogramm. In Offenburg aber galt es für die geplanten Europa- und Weltmeisterschaften der FAI die endgültigen Formen einer solchen Meisterschaft zu finden, d. h. also, vor allem für Hubschrauber typische Aufgaben zu fordern. So ist es nur allzu verständlich, daß im Rahmen der Deutschen Hubschrauber-Meisterschaft eine Rettungsaufgabe als eine der Wettbewerbsbedingungen schon frühzeitig Eingang fand. Dazu kam in Offenburg der Hub­schrauber-Slalom - zwei Formen der Ausschreibung, die der Eigengesetzlichkeit des Hubschraubers voll entsprachen. Slalom und Rettungsaufgabe waren daher so hoch bewertet, daß in diesen beiden Disziplinen die Entscheidung fallen mußte. Um so gerecht als nur möglich zu sein, gab es in diesen beiden Aufgaben je zwei Durchgänge.

Die 3. Deutsche Hubschrauber-Meisterschaft begann am Himmelfahrtstag bei herrlichstem Sommerwetter mit dem Pünktlichkeitsanflug. Zwischen 16 Uhr und 17.09 Uhr überquerte alle drei Minuten eine Besatzung die Ziellinie - d. h. sollte es tun, denn nicht alle erreichten die Sollzeit von ± 30 Sekunden und kassierten damit die ersten Strafpunkte. Insgesamt konnte man aber 20 Punkte einheimsen.

Geschicklichkeit gefragt

Hughes 300

Vier Teams traten zur Meisterschaft mit den leichten Helikoptern Hughes 269A und Hughes 300 an. Foto: KL-Dokumentation  

 

Ganz anders war es am nächsten Tag, als die beiden Durchgänge des Slaloms ausgetragen wurden. Hier hätten im Höchstfall pro Flug 400 Punkte erflogen werden können. Mit Zeitwertung mußte der Pilot so geschickt fliegen, daß sein Co das Slalom-Geschirr, eine Leine mit einem meh­rere Kilogramm schweren Gewicht, durch 15 Tore führen konnte. Eine falsche Richtung ergab zehn Strafpunkte, ein ausgelassenes Tor 30 Strafpunkte, das Überfliegen der Begrenzungslinie 50 Strafpunkte, das Überschreiten der Sollzeit weitere Strafpunkte, ebenso die falsche Höhe. Bereits beim ersten Durchgang übernahm der Titelverteidiger, Hauptfeldwebel Otto Brauer, von den Heeresfliegern in Fritzlar mit seinem neuen Copiloten Hartmut Seide mit 355 Punkten die Führung und gab sie bis zur erneuten Meisterschaft nicht mehr ab - eine großartige Leistung des sympathi­schen Piloten. Zur allgemeinen Überraschung folgten mit 347 Punkten die beiden Zivilflieger Willi Schlauß/Arnold Wildrath aus Bonn.

Favoriten in Führung

Bell UH-1D

Mit der Bell UH-1D bewiesen vier Bundeswehr-Besatzungen ihr Geschick. Foto: KL-Dokumentation  

 

Zur Freude aller lag Hanna Reitsch nach dem ersten Durchgang als bester Privatpilot unter den 23 Teilnehmern mit 319 Punkten an 13. Stelle. Eindeutig im Nachteil waren bei dieser Übung die 15-sitzigen Bell UH-1D, die unmöglich die Zeit der wendigen kleinen Hubschrauber erreichen konnten. Bester Pilot dieser „großen Klasse" war Christian Preiß mit Günther Dobrindt aus Landsberg, der den 14. Rang einnahm, sich aber später weiter steigern konnte. Um Zufälligkeiten auszuschalten, wurde ein zweiter Durchgang gestartet. Brauer flog wie immer fehlerlos und übernahm in der Gesamtwertung mit klarem Vorsprung die Führung. Mit einem großartigen Flug wartete Vizemeister Biallas im zweiten Durchgang auf, flog mit solchem Vorsprung die zweitbeste Zeit, daß er nun auch in der Gesamtwertung klar an zweiter Stelle lag. Nach dem Slalom hatten sich be­reits die Favoriten an die Spitze gesetzt, und doch trennten die ersten 16 nur 100 Punkte. Hanna Reitsch und Christian Preiß konnten Platz 13 und 14 behaupten.

Schwerpunkt Rettungsaufgabe

Deutsche Hubschraubermeisterschaft

Die Teilnahme mit der Bell UH-1D war den Bundeswehr-Teams vorbehalten. Foto: KL-Dokumentation  

 

Bei der dritten Disziplin ging es um einen Hubschrauber-Rettungseinsatz. Die Aufgabenstellung hatte das Leben selbst gestellt. Rietdorf dachte an eine Rettungsaktion während der Hamburger Flutkatastrophe, bei der 400 Menschen durch Hubschrauber gerettet werden konnten. Bei einem dieser Einsätze galt es, Menschen in einem Dachstuhl durch eine Dachluke zu versorgen, wobei aber in der Nähe Antennenmasten die Dachhöhe um 8 m überragten. Auch diese Aufgabe war mit einer Zeitwertung verbunden. An Stelle eines Paketes mit Medikamenten und Lebensmitteln war ein mehrere Kilogramm schweres Gewicht in die Dachluke von 40 x 40 cm einer Dachattrappe abzulegen. Dabei durfte der Hubschrauber den 8-m-Abstand zur Dachluke nicht unterschreiten. Nach dem Ablegen mußte eine Ziellinie für die Zeitwertung überflogen werden.Auch dieser Einsatz wurde zweimal geflogen. Wieder war mit Abstand Otto Brauer mit seinem Copiloten die beste Besatzung und führte nunmehr mit 1265 Punkten. Bei der Rettungsaufgabe war fraglos der dritte Mann, der Bordmechaniker, von Vorteil, da auch er den guten Blick nach unten hatte.

Die vierte Wettbewerbsaufgabe am Sonnabend war ein Überlandflug entlang der badischen Wein­straße nach Baden-Baden. Gedacht war der Flug ebenfalls als eine Art Katastropheneinsatz. In Ringelbach sollten bei einer Zwischenlandung Medikamente aufgenommen werden. Erfreulicherweise waren sie aber in der Tat nicht notwendig, so daß zur Überraschung aller Teilnehmer in dem Paket Schwarzwälder Souvenirs verpackt waren. Dann ging es nach Baden-Baden und zurück nach Offenburg. Alle drei Plätze mußten mit Pünktlichkeitswertung angeflogen werden.

Brauer/Seide auf konstant hohem Niveau

Sehr interessant war die Abschlußübung, in der eine Reihe von Pflichtfiguren geflogen werden mußten. Entscheidend waren die Präzision, die Eleganz, die Sicherheit der Ausführung, um zu einer guten Stilwertung zu kommen. Hier flog der Fluglehrer der Luftwaffe Peter Biallas das beste Programm und sicherte sich damit endgültig wieder den zweiten Platz. Aber nur einen Punkt weniger erflog sich Otto Brauer, der damit in sicherer Manier erneut Deutscher Meister der Hubschrauberflieger wurde.

Mit dem überzeugenden Sieg bewies der 33-jährige Hauptfeldwebel, daß er seit vielen Jahren Deutschlands bester Hubschrauberpilot ist. 3800 Flugstunden auf dem Hubschrauber bilden das Fundament seiner Leistung. Otto Brauer erhielt den Meisterpokal des DAeC und mit seinem Copiloten Hartmut Seide die Plakette in Gold. Hervorzuheben ist der 4. Platz der besten Zivilflieger Dieter Beerkircher und Schneider auf Bell 206. Christian Preiß steigerte sich noch in der Stilwertung und lag am Ende mit seiner UH-1D auf dem 6. Platz inmitten all der wendigen kleineren Hubschrauber. Bester Privat-Hubschrauberpilot wurde und blieb Hanna Reitsch mit dem 13. Platz.

Die Meisterschaft von Offenburg war ein großer Erfolg, richtungweisend für die gesamte Hub­schrauberfliegerei, bestimmend für weitere und größere Meisterschaften. Mit einem Reigen der 23 Hubschrauber schloß die 3. Deutsche Meisterschaft - eine Demonstration, wie sie bislang noch kein Flugplatz in Deutschland erlebt hat.



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