15.08.2016
Klassiker der Luftfahrt

Bild der Woche KW 33/2016Heinkel He 274

Die Heinkel He 274 war wohl das Flugzeug, dass am ehesten an den schweren Langstreckenbomber herankam, den die Luftwaffe so dringend gebraucht hätte. Sie flog aber nie unter deutscher Flagge. Stattdessen machte sie Karriere als Erprobungsträger bei den Franzosen.

Heinkel He 274

Konzeptbild des schweren Bombers Heinkel He 274, der nie mit deutschen Hoheitszeichen flog. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Viele führen das Versagen der deutschen Luftwaffe an vielen Kriegsschauplätzen darauf zurück, dass im Gegensatz zu den Alliierten nie eine ausreichende Anzahl effektiver, schwerer Bomber zur Verfügung stand. Die He 177 Greif zeigte sich als ungenügend für den Angriff auf flakgeschützte Ziele und das Doppelantriebskonzept von zwei Motoren pro Luftschraube als störanfällig. Daher sollte ein Höhenbomber entwickelt werden, der von der Greif abgeleitet wurde. Die Flugleistungen sollten nicht schlechter werden, dafür sollte das Flugzeug außerhalb der Schussreichweite der Flak operieren können. Das Heinkel-Hirth-Motorenwerk in Stuttgart entwickelte daraufhin spezielle Höhenlader für die damals hauptsächlich verwendeten Triebwerke, damit eine entsprechende Zellenentwicklung überhaupt erst sinnvoll werden konnte. Außerdem verlegte man sich wieder auf den Antrieb durch vier Einzeltriebwerke.

In der Produktion konnte weitgehend auf Bauteile der He 177 zurückgegriffen werden, was die konstruktive Arbeit erleichterte. Dennoch machte der Einsatzzweck schon zu Beginn der Entwurfsarbeiten weitgehende Änderungen notwendig, so dass ein völlig neues Flugzeug entstand. Es hätte eine Bombenlast von bis zu 2000 kg tragen und auf 11.000 m eine Dauergeschwindigkeit von über 500 km/h erreichen sollen. Die maximale Reichweite wurde mit 5800 km veranschlagt.

Flüge im Dienst der Forschung

Da in der deutschen Luftfahrtindustrie nicht genügend Kapazitäten frei waren, übertrug man die Bauausführung der französischen Firma Farman de Suresnes bei Paris, die den Bau von zunächst sechs Versuchsmustern übernehmen sollte. Bis zum Baubeginn vergingen über zwei Jahre und die Arbeiten an den Flugzeugen gingen nur sehr langsam voran. 1943 beschränkte man sich auf den Bau von zwei Musterflugzeugen, die jedoch entgegen der bisherigen Konzeption mit einer Vielzahl von Abwehrständen ausgerüstet werden sollten. Bis dahin hatte man geglaubt, die dreiköpfige Besatzung in einer Druckkabine im Bug unterbringen und die Abwehr auf einen ferngelenkten MG-Stand beschränken zu können. Da man aber auf zukünftigen Feindflügen nicht mit ausreichend Jagdschutz rechnen konnte, wurde die Bewaffnung der He 274 verstärkt.

Es kam aber zu keinen Tests mehr, geschweige denn zu einem Einsatz, da das Werk von den Alliierten besetzt wurde, bevor man die Flugzeuge in Sicherheit fliegen konnte. Der Zerstörung aber entgingen die Flugzeuge und wurden von den Siegermächten noch flugklar gemacht. Die Farman-Gesellschaft wurde nationalisiert und führte von nun an die Bezeichnung Société Nationale des constructions Aéronautiques de Sud ouest (SNCA-SO). Damit wurde aus der Heinkel He 274 V1 die A. A. S.-01 A und machte unter dieser Bezeichnung ihren Erstflug im Juli 1945. Hinsichtlich der Höhenflugeigenschaften entsprach sie ganz den Erwartungen. Daher diente sie noch einige Jahre als Erprobungsträger verschiedener Druckkabinen. Die Ergebnisse dieser Flüge wurden für die Konstruktion moderner Druckkabinen auf zivilem und militärischem Gebiet maßgeblich. Schließlich dient das Flugzeug drei Jahre lang als Erprobungsträger für das französische Raketenflugzeug SO-M1. Nach Abschluss dieser Verwendungen fiel das Flugzeug einer Verschrottungsaktion zum Opfer, fünf Jahre nach dem Ende der V2, die nie geflogen war.

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O. Schenk
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