26.12.2016
Erschienen in: 01/ 2017 Klassiker der Luftfahrt

Triebwerk mit langer GeschichteRolls-Royce Merlin — Kolbentriebwerk aus der Ära des Zweiten Weltkriegs

Spricht man über Flugzeug-kolbentriebwerke aus der Ära des Zweiten Weltkriegs, so fallen sofort zwei Begriffe: Mercedes-Benz DB 601/605 und Rolls-Royce Merlin. Beide Aggregate haben in der Ahnengalerie der großen Triebwerke ihren SpitzenPlatz verdient.

Merlin – damit ist nicht der landläufig bekannte mythische Zauberer gemeint, sondern ein Raubvogel aus der Gattung der Falken. Rolls-Royce benannte seine Triebwerke traditionell nach Greifvögeln. Der britische Kolbenmotor kann auf eine lange Produktionsdauer zurückblicken. Der erfolgreiche, flüssigkeitsgekühlte Zwölfzylinder wurde zwischen 1935 und 1950 rund 168 000-mal gebaut. Das Kraftpaket fand Anwendung sowohl in wendigen Jagdflugzeugen wie auch in Bombern und Transportflugzeugen; selbst nach dem Krieg wurde das einst militärische Triebwerk noch in  Airlinern der 50er Jahre genutzt.

Die Merlins sind allesamt mit Kompressoren (Supercharger) aufgeladen. Es wurden einstufige und zweistufige Lader, gepaart mit Eingang- oder Zweiganggetriebe verbaut. Die Gemischaufbereitung erfolgt über eine Vergaseranlage, die genutzten Flugbenzine hatten eine Oktanzahl zwischen 87 und 150.  Die Merlins gaben ihre Kraft mittels gerade verzahntem Reduktionsgetriebe (0,47/1 Merlin 60er-Serie) an den Propeller ab. Hauptsächlich wurden die Motoren als „right hand tractor“ gebaut, die Drehrichtung ist also von hinten gesehen im Uhrzeigersinn.

Große Entwicklungsschritte beim Basismotor gab es kaum. Entscheidend in der Weiterentwicklung der Triebwerke war die kontinuierlich veränderte und auch verbesserte Kompressorbestückung, die die Leistungskurve von anfangs 750 PS steil bergauf bis zur stärksten Version mit 2060 PS trieb. Durch die unterschiedlichen Ladersätze konnte das Triebwerk auf die jeweilige Einsatzhöhe angepasst und damit auch optimiert werden.

Flugzeugmotoren kein unbeschriebenes Blatt, stellte man doch den sehr erfolgreichen Kestrel mit 21 Litern Hubraum her. Der Arbeitstitel für den im Jahr 1930 angedachten Nachfolgemotor lautete PV-12, wobei PV für „Private Venture“, also „privates Risikokapital“ steht. Rolls-Royce entwickelte das Triebwerk also auf eigene Faust, ohne einen Regierungsauftrag oder gar öffentliche Gelder in der Tasche zu haben. Die Konstruktion war als Zwölfzylinder-60-Grad-V-Motor mit 27 Litern Hubraum ausgelegt. Je zwei Einlass- und Auslassventile pro Zylinder sorgten für den Gaswechsel, wobei die Auslassventilschäfte zur besseren Kühlung natriumgefüllt waren. Das Vergasertriebwerk wurde mit einem einstufigen Lader (single stage, single gearbox) beatmet, als Ladedruck wurden 6 psi beaufschlagt (ca. 0,4 bar). Die Kühlung des Aggregats erfolgte durch Glykol.


WEITER ZU SEITE 2: Die Geburt des Falken und die Baureihen

1 | 2 | 3 | 4 | 5 |     
Mehr Infos zu:
Mehr zum Thema:
Matthias Dorst


Weitere interessante Inhalte
Kolbentriebwerk Rolls-Royce Merlin: Im Gespräch mit dem Spezialisten

26.12.2016 - Bei der Unterlagenrecherche zum Merlin stand auch ein Besuch bei der MeierMotors GmbH an. Die Werft hat einen Namen in Sachen Restaurierung von historischen Flugzeugen, und so lag es nahe, dort … weiter

Geschenk von Rolls-Royce Deutschland DTMB erhält Rolls-Royce BR710

17.10.2014 - Am vergangenen Dienstag hat Rolls-Royce Deutschland ein BR710-Triebwerk dem Deutschen Technikmuseum Berlin (DTMB) übergeben. Es wurde im Dezember 1995 in Dahlewitz gebaut und diente bis 1997 als … weiter

V-12-Motor Hispano-Suiza 12Y: Der schönste aller Zwölfer

17.07.2017 - Hispano-Suiza, der Name erklärt den Ursprung: eine Kombination von Spanien und der Schweiz, genauer, die Kombination von Spanischer Kapitalkraft und der Genialität eines Schweizer Konstrukteurs. Im … weiter

Bild der Woche KW 29/2017 Fairchild C-123K Provider

17.07.2017 - Die Provider wurde kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs entwickelt und leistete der US Army bis in die 1980er Jahre gute Dienste - insbesondere im Vietnamkrieg. … weiter

Luftfahrtmuseum Ferrymead Heritage Park: Tradition in Neuseeland

15.07.2017 - Auf den ersten Blick erinnert der Ferrymead Heritage Park im neuseeländischen Christchurch nicht unbedingt an ein Museum. Doch was die Freiwilligen in den historischen Fabrikhallen zusammengetragen … weiter


  • Hersteller

    Lade...

  • Typ

    Bitte Hersteller auswählen!

In Kooperation mit
Klassiker der Luftfahrt 06/2017

Klassiker der Luftfahrt
06/2017
01.06.2017

Abonnements
Heft-Archiv
Einzelheft bestellen


Messerschmitt Bf 109 E: Die Rückkehr des Sterns
Bell P-63 Kingcobra: So fliegt sich der seltene Jäger
Ernst Piech: Nachbau für Porsche-Enkel
Focke-Wulf: Entstehung der Condor