01.09.2017
Erschienen in: 06/ 2017 Klassiker der Luftfahrt

„Sausewind“Paul Bäumer: Pionier des Schnellflugs

Vor 90 Jahren kam der zu seiner Zeit berühmte Luftfahrtpionier Paul Bäumer bei einem Flugzeug­absturz ums Leben. Mit ihm verlor die Fliegerei nicht nur einen herausragenden Piloten, sondern vor allem einen Vordenker des modernen Flugzeugbaus.

Die tragischen Ereignisse des 15. Juli 1927 sind gut dokumentiert, denn die Anwesenheit des berühmten Fliegers Paul Bäumer beherrschte die Schlagzeilen der Kopenhagener Tageszeitungen. Zahlreiche Schau­lustige waren in den Vorort Kastrup gepilgert, um Paul Bäumer und sein Rekordflugzeug B IV „Sausewind“ am damals noch kleinen Flughafen der dänischen Hauptstadt live zu erleben. Die rot lackierte Rekordmaschine mit der Zulassung D-1158 faszinierte die Menge, deren hohe Erwartungen der Hamburger Flugpionier mit halsbrecherischen Flugmanövern seines „Sausewinds“ nicht enttäuschte.

Paul Bäumer und Verkaufsleiter Schröck von der Bäumer Aero GmbH waren von Hamburg nach Kopenhagen geflogen in der Hoffnung, einige Exemplare der B IV dänischen Flugbegeisterten zu verkaufen. Zudem plante Bäumer, die in Entwicklung befindliche Ro IX Rofix zu testen – den Jagdeinsitzer der in Kopenhagen ansässigen Rohrbach Metal Aeroplan Co. A/S, einem Tochterunternehmen der Berliner Rohrbach Metallflugzeugbau GmbH. Und so stieg Bäumer am späten Nachmittag mit der Rofix in die Höhe – beobachtet von den leitenden Rohrbach-Direktoren Erhardt und Koch, dem Piloten Landmann, dem Flughafendirektor Leo Sørensen und Schröck sowie weiteren Zuschauern. Am Vortag hatte er die Rofix bereits ausgiebig auf ihre Flugeigenschaften hin getestet. Nun stand die Prüfung ihrer bekannt schlechten Trudeleigenschaften auf Bäumers Testprogramm. So stieg er immer höher, bis ihn die Beobachter nur noch als kleinen Punkt am Himmel ausmachen konnten. Nach Turns und Loopings leitete Bäumer das erste Trudeln ein, das er zunächst in rund 3000 Metern erfolgreich beendete.

Doch ein zweiter Trudelversuch sollte ihm zum Verhängnis werden. Ungeachtet aller verzweifelter Bemühungen des Piloten ließ sich das Flugzeug nicht mehr bändigen und stürzte mit hoher Geschwindigkeit rund einen Kilometer vor der Küste in das Wasser des Øresunds. Geschockt verfolgten die Beobachter die Tragödie. Unmittelbar nach dem Aufprall, der sich an Land nach Augenzeugenberichten wie ein Kanonenschlag anhörte, versank das Flugzeugwrack in den Fluten und konnte erst am nächsten Morgen bei Tagesanbruch geborgen werden.

Mit Paul Bäumer verlor die Luftfahrt nicht nur einen tollkühnen Jagdflieger, dessen aviatische Karriere bereits im Ersten Weltkrieg mit der Auszeichnung „Pour le Mérite“ einen Höhepunkt fand. Vielmehr war es sein Gespür für technologischen Fortschritt und seine Menschenkenntnis, die ihn zum Mentor von begabten Konstrukteuren wie Walter und Siegfried Günter werden ließ. Schon zu Beginn der 1920er Jahre entdeckte Bäumer das Talent der späteren Heinkel-Chefkonstrukteure und holte die Zwillingsbrüder direkt von der Universität zu seiner 1922 am Hamburger Flughafen gegründeten Bäumer Aero GmbH. Mit ihrem gebündelten Know-how und dem Geld seines vermögenden Freundes und Kriegskameraden Harry von Bülow-Bothkamp gelang es Bäumer, das erste kompromisslos auf aerodynamische Perfektion ausgelegte Flugzeug seiner Zeit zu entwickeln: den „Sausewind“.


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Wolfgang Borgmann


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