16.07.2016
Erschienen in: 05/ 2014 Klassiker der Luftfahrt

Herr der GleiterHöhen und Tiefen des Fritz Stamer

Fritz Stamer kann zu Recht als Vater der Einsitzer-Schulung auf Gleitflugzeugen bezeichnet werden. Zwischen 1922 und 1945 kamen zigtausend Jugendliche so zu ihrem ersten Flugerlebnis. Der Lebenslauf des späteren Geschäftsführers des Deutschen Aero Clubs verzeichnet allerdings auch einen mächtigen Karriereknick.

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Anfang der 1950er Jahre nahm Fritz Stamer, wie schon 20 Jahre zuvor, noch einmal in einem der alten Schulgleiter Platz. Foto und Copyright: DEHLA  

 

Fritz Stamer sollte eigentlich in die Fußstapfen seines Vaters treten, der ihn 1912 nach Bremen auf die Kunstgewerbeschule schickte. Innenarchitekt sollte der am 28. November 1897 in Hannover geborene, schlaksige junge Mann werden. Daraus wurde aber nichts, weil er in das „Hurra“-Gebrüll seiner Klassenkameraden einstimmte und im August 1914 als Kriegsfreiwilliger zunächst zur Infanterie ging. Ein Wechsel zu den Fliegern kam schließlich drei Jahre und zwei Verwundungen später zustande.

In Halberstadt und Hannover zum Feldpiloten ausgebildet, wurde er im April 1918 an die Front abkommandiert. Während eines Einsatzes als Flugzeugführer der Fliegerabteilung (A) 242 konnte Stamer im Morgengrauen des 14. August 1918 seinen drei französischen Verfolgern der Escadrille 90 nicht mehr entrinnen und wurde gemeinsam mit seinem Beobachter, Leutnant Georg Kolb, in seiner alten DFW C.V bei Lune­ville abgeschossen. Die nächsten beiden Jahre verbrachte er im Fliegergefängnis Etranches, bevor seine bangenden Eltern den 22-Jährigen Anfang März 1920 wieder in ihre Arme schließen konnten.

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Stamer und Lippisch auf der Wasserkuppe, kurz vor dem „Putsch“. Foto und Copyright: DEHLA  

 

Nach einem Jahr im tristen Nachkriegs-Hannover zog es Stamer auf die Wasserkuppe. Er hatte gehört, dass das Fliegen dort auch ohne Motor möglich sein sollte – ein Umstand, der ihn in den nächsten zwölf Jahren beschäftigen und ernähren würde. Im September 1921 begann seine Karriere als technische Hilfskraft bei der Weltensegler GmbH, die sich im Dunstkreis der ehemaligen Flieger in Reichswehrdiensten bewegte. Innerhalb von drei Jahren brachte es Stamer bis zum Fluglehrer und Leiter der Weltensegler-Fliegerschule auf der Wasserkuppe. Am 1. Juli 1924 wechselte er in gleicher Funktion in die neu errichteten Gebäude der Martens-Fliegerschule, die wiederum am 1. Oktober 1925 von der Rhön-Rossitten-Gesellschaft (RRG) übernommen wurden.

Unter der Führung von Professor Walter Georgii entwickelte sich die RRG in den kommenden Jahren zum weltweit führenden Institut für Gleit- und Segelflugfragen. Um die Möglichkeit einer Flugausbildung bei günstigen Kosten zu schaffen, wurden Stamer und sein späterer Schwager Alexander Lippisch mit der Entwicklung und Konstruktion eines preiswerten Schulgleiters beauftragt. Auf Basis des „Hol´s der Teufel“ und des „Pegasus“ von Martens entstanden die Konstruktionspläne des RRG-„Zögling“. Diese konnten später zum Selbstkostenpreis bei der RRG bestellt und das Fluggerät in lokalen Vereinen selbst nachgebaut werden.

Der Schulalltag auf dem Berg der Flieger mit all den wechselnden neuen Gesichtern und Charakteren geriet ein wenig aus den Fugen, als im Juni 1928 die Experimente mit einem neuartigen Raketenantrieb für Abwechslung sorgten. Stamers Ritt auf der mit Raketen ausgerüsteten RRG-Ente ging allerdings mit sechs Zeilen in der „Vossischen Zeitung“ unter, denn der „Raketenunfug“ kam nicht gegen die Havarie des italienischen Nobile-Luftschiffs am Nordpol an.

Zurück im Alltagstrott, entwickelte Stamer seine Methodik der Einsitzer-Anfängerschulung immer weiter, bis dann im Sommer 1932 den „lässigen Segelfliegern“ plötzlich ein uniformierter Schulleiter gegenüberstand. Das Wahljahr 1932 brachte die NSDAP als stärkste Partei in den Reichstag, Die Nazi-Sympathisanten hatten keine Hemmungen mehr, ganz offen in der braunen Uniform aufzutreten. Stamer selbst war am 1. August 1932 der Partei beigetreten und gehörte wie Lippisch dem SA-Fliegersturm an. Der tägliche Drill im vollen Wichs stieß besonders Institutsleiter Georgii sauer auf. Weil er aber die meiste Zeit in Darmstadt verbrachte, blieb ihm zunächst nichts anderes übrig, als dem Schulleiter als der Nummer zwei in der Hierarchie weiterhin zu vertrauen.

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Stammer brachte es bis zum Fluglehrer und leitete die Weltensegler-Fliegerschule auf der Wasserkuppe. Foto und Copyright: DEHLA  

 

Im Mai 1933 kam es dann zur Eskalation: Stamer machte bereits seit geraumer Zeit Stimmung gegen Georgii und versuchte, mittels eines handfesten Putschs gemeinsam mit Lippisch und örtlichen Parteifunktionären das Forschungsinstitut vollständig unter seine Führung zu bringen. Zuvor sorgte bereits ein von der Flieger-SA in den Boden gerammtes Schild mit der Aufschrift „Die Wasserkuppe ist judenfrei!“ für reichlich Sprengstoff. Kurzzeitig festgesetzt und von der SA bewacht, gelang es Georgii dennoch, eine Nachricht an Staatssekretär Milch abzusetzen, der für seine umgehende Freilassung sorgte. Peter Riedel überbrachte allerdings im Anschluss ein Schreiben an Stamer, das seine sofortige Ablösung und Verbannung von der „Kuppe“ beinhaltete.

Nach zwölf Jahren Wasserkuppe sollte Stamer nun Abschied nehmen und im Berliner Präsidium des DLV, Abteilung Segelflug, an der kurzen Leine gehalten werden. Nachdem die ehemalige RRG zum 1. April 1935 vom Reichsluftfahrtministerium als Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) aus der Hierarchie des DLV gelöst wurde und mit klar definierten Aufgaben den gesamten vormilitärischen Segelflug im Deutschen Reich zu beaufsichtigen hatte, kehrte Stamer im Mai 1936 amtlich amnestiert aus Berlin zurück nach Darmstadt.

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Der von Stamer und Lippisch im Auftrag der Rhön-Rossitten-Gesellschaft entwickelte Schulgleiter „Zögling“ konnte in den Vereinen nachgebaut werden. Foto und Copyright: DEHLA  

 

Der Verwaltungsbeamte Stamer wurde bei Kriegsende von US-Einheiten am Schreibtisch in Ainring angetroffen. Für diese hielt der schriftstellerisch erfahrene Geheimnisträger dann auf 134 Seiten fest, was die DFS alles erprobt und skizziert hatte. Fünf Jahre vergingen, bis die Aktivitäten, die zur Gründung des Deutschen Aero Clubs (DAeC) im Jahr 1950 führten, die ergrauten Jünger des Segelflugs auf dem Berg der Flieger wieder zusammenbrachte.

Die alten Geschichten waren längst vergessen und verdrängt, als Fritz Stamer 1950 zum ersten Vizepräsidenten und Geschäftsführer des DAeC unter Wolf Hirth gewählt wurde. Das Spannungsverhältnis zwischen dem mittlerweile in Frankreich tätigen Professor Georgii und Fritz Stamer sollte sich nie wieder auflösen. Nach weiteren zwölf Jahren in Amt und Würden legte Stamer alle Ämter aus gesundheitlichen Gründen nieder. Recht plötzlich verstarb der „Herr der Gleiter“ am 20. Dezember 1969 in seinem Heim in Oberursel. 

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 05/2014



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