30.08.2016
Erschienen in: 08/ 2011 Klassiker der Luftfahrt

Der letzte "Gunfighter"Vought F-8 Crusader

„Wenn du keine Crusader mehr fliegst, fliegst du keinen Jäger mehr!" Mit der anspruchsvollen und bei ihren Piloten beliebten Vought F-8 Crusader endete die Ära der einsitzigen einmotorigen, noch mit Bordkanonen ausgestatteten Jagdflugzeuge bei der US Navy. Selbst die Tatsache, dass 517 von 1261 gebauten F-8 Crusader verloren gingen, konnte den Ruf des Musters nicht trüben.

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Gespannt beobachtet US-Präsident Dwight D. Eisenhower an Deck des Flugzeugträgers USS „Saratoga“ die zwei im Anflug befindlichen Jets. Die beiden Vought F-8 Crusader der Teststaffel VX-3 schreiben an diesem 6. Juni 1957 Geschichte: Erstmals fliegen Jets von einem Träger im Pazifik, der vor Kalifornien kreuzenden USS „Bon Homme Richard“, zu einem Carrier im Atlantik vor Florida, und das in nur drei Stunden, 28 Minuten. Bei der Landung offenbaren die Jäger ihr einzigartiges Markenzeichen: den um sieben Grad hochklappbaren Flügel. Durch diese Besonderheit erzielten die Ingenieure eine deutlich bessere Sicht für den Piloten bei der Landung auf einem Flugzeugträger, da sich der Rumpf trotz des notwendigen Anstellwinkels so fast in horizontaler Lage befand. Weitere Vorteile waren die niedrige Anfluggeschwindigkeit und das kurze Hauptfahrwerk. Damals galt die Tragfläche als Meisterwerk, hielt sie doch hohe g-Belastungen aus und beinhaltete sogar Treibstofftanks. Sie war mit Landeklappen und großen Vorflügeln ausgestattet, die automatisch auf 25 Grad ausfuhren, sobald der durch ein Scharnier am hinteren Holm befestigte Flügel angehoben wurde. Dies erfolgte mittels eines hydraulischen Stellzylinders.

Die ungewöhnliche Innovation war riskant, schließlich ging es für Vought im Jahr 1952 nach dem kartellrechtlich bedingten Ausscheiden aus der United-Aircraft-Gruppe ums Überleben. Praktisch musste die Firma die Ausschreibung der US Navy für einen trägergestützten Überschalljäger vom 19. August desselben Jahres gewinnen, um weiter im Geschäft zu bleiben. Zudem hatten sich die Nachkriegsentwicklungen F6U Pirate und F7U Cutlass nicht gerade als durchschlagende Erfolge erwiesen.

Entsprechend groß war die Herausforderung, denn die Marine suchte ein Flugzeug, das eine Höchstgeschwindigkeit von Mach 1.2 und eine Steigrate von 7600 Meter pro Minute bot, gleichzeitig aber für den Einsatz auf Flugzeugträgern eine Landegeschwindigkeit von unter 200 km/h aufweisen sollte. Das Luftfahrtbüro der Navy (Bureau of Aeronautics, BuAer) schickte die Spezifikation außer an Vought auch an Convair, Douglas, Grumman, Lockheed, McDonnell, North American und Republic.

Das Vought-Team unter der Leitung von John Russell Clark, der auch als Projektingenieur für F4U Corsair, F6U Pirate und F7U Cutlass zuständig war, entschied sich für ein Pratt & Whitney J57 als Antrieb, das damals stärkste US-Strahltriebwerk, welches auch in der Boeing B-52 und North American F-100 flog. Die Ingenieure verwarfen anfängliche schwanzlose Entwürfe ähnlich der Cutlass und wählten stattdessen eine konventionelle Auslegung als Schulterdecker. Diese galt damals fast schon als veraltet, aber ermöglichte erst den verstellbaren Flügel. Beim Rumpf wendeten sie die aerodynamische Flächenregel an und installierten im vorderen Bereich ein ausfahrbares Notstromaggregat (Ram Air Turbine). Entgegen dem damaligen Trend zur reinen Flugkörperbewaffnung behielten die Konstrukteure interne Kanonen bei.

Im Mai 1953 gab die US-Marine Vought als Gewinner bekannt und bestellte drei XF8U-1-Prototypen des Modells V-383. Der dritte Jet diente später statischen Belastungstests. Das Roll-out der ersten Maschine (138899) erfolgte am 22. Februar 1955 in Dallas, Texas. Aufgrund der noch zu kurzen Startbahn dort transportierte das Unternehmen sein neuestes Produkt zur Edwards Air Force Base. Dort hob die XF8U-1 am 25. März 1955 mit Cheftestpilot John Konrad am Steuer zu ihrem Erstflug ab und erreichte direkt Mach 1.05 im Horizontalflug. Damit erzielte erstmals ein Marinejäger bei seinem Jungfernflug Überschallgeschwindigkeit.

Als der zweite Prototyp am 12. Juni 1955 folgte, hatte das Muster bereits seinen offiziellen Namen „Crusader“ (Kreuzfahrer) erhalten. Die Flugerprobung verlief recht erfolgreich, so dass die erste Serienmaschine F8U-1 (BuNo 140444) am 20. September 1955 ausgeliefert werden konnte. Der erste Prototyp absolvierte insgesamt 508 Flüge, Vought stiftete ihn anschließend, im Oktober 1960, an das Smithsonian-Institut. Nach mehreren Jahrzehnten der Einlagerung in Silver Hill befindet sich der historische Jet nun als Leihgabe in der Obhut des Museum of Flight in Seattle.

Auch die Trägerversuche auf der USS „Forrestal“ im April 1956 verliefen zufriedenstellend, und so konnte schon am 25. März 1957 die erste Crusader-Staffel der Navy, die auf der Naval Air Station Cecil Field, Florida, stationierte VF-32 Swordsmen, die Einsatzbereitschaft mit der F8U-1 verkünden. Im Dezember 1957 übernahm auch das US Marine Corps seine ersten Exemplare, die zunächst bei der VMF-122 in Dienst gingen.

Schon früh war auch die Entwicklung einer Aufklärerversion geplant. Vought modifizierte die 32. Serienmaschine mit einem neuen vorderen Rumpf, der mehrere Kameras enthielt. Die F8U-1P flog in dieser Form erstmals am 17. Dezember 1956 und machte bald positive Schlagzeilen. Am 16. Juli 1957 führte die Navy nämlich einen spektakulären Geschwindigkeitsrekordversuch durch: Zwei Crusaders, eine F8U-1P und eine F8U-1 sollten von Los Angeles nach New York fliegen und dabei in der Luft von mehreren North American AJ-2 Savage betankt werden. Eine Maschine dieses „Project Bullet“ erlitt einen Schaden an der Betankungsanlage und musste umkehren. Der von dem späteren Astronauten John Glenn geflogene Aufklärer schaffte die transkontinentale Strecke dennoch in drei Stunden und 23 Minuten bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 1168 km/h; während des gesamten Fluges wurden Luftaufnahmen von den USA gemacht.

Im September desselben Jahres kamen die ersten Aufklärer zur Truppe, nämlich zur Staffel VFP-61. Erstmals ins Rampenlicht geriet das Muster im Sommer 1962 während der Kubakrise. Crusaders führten während der Operation „Blue Moon“ im Tiefflug von Key West aus Aufklärungsflüge über der Insel durch, um sowjetische Raketenstellungen auszuspähen. Dabei kamen ab dem 23. Oktober 1962, nach der Reform des Bezeichnungswesens als RF-8A bezeichnete Maschinen der VFP-62 zum Einsatz.

Bis 1965 baute Vought insgesamt 1261 Exemplare aller Versionen. Bei den Jägern gab es fünf Serienvarianten, das meistgebaute Mitglied der Crusader-Familie war die F-8E. Vom reinen Tag-Jäger mauserte sich das Muster zu einem Mehrzweckflugzeug, denn im Vietnamkrieg fand die F-8 meist als Jagdbomber Verwendung. Sie flog dort in der Regel von den älteren und kleineren Trägern aus, welche die F-4 Phantom nicht einsetzen konnten. Schon vor dem offiziellen Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg führten RF-8A von den Trägern USS „Kitty Hawk“ (CVA-63) und USS „Bon Homme Richard“ (CVA-31) ab Mai 1964 Aufklärungseinsätze über Laos durch.

Der Kriegseintritt erfolgte schließlich nach dem „Tonkin-Zwischenfall“. Am 2. August 1964 geriet der Zerstörer USS „Maddox“ angeblich in ein Gefecht mit drei nordvietnamesischen Torpedobooten. Vier F-8E der USS „Ticonderoga“ (CVA-14) griffen daraufhin die Schiffe mit ihren Bordkanonen und Zuni-Raketen an und versenkten eines davon Während der folgenden Einsätze dienten Crusaders verschiedener Staffeln zunächst als Jagdschutz, wurden zunehmend aber auch für Angriffe auf Bodenziele eingesetzt. Dabei flogen die Navy-Piloten von den Trägern aus, während die Marines in Da Nang stationiert waren. Bei den Einsätzen fielen insgesamt 84 Jets der gegnerischen Luftabwehr zum Opfer, 67 weitere gingen bei Unfällen verloren. Auf der anderen Seite schossen F-8 der Navy und der Marines insgesamt 18 MiGs ab, bei nur drei eigenen Verlusten. Den ersten Luftsieg erzielte Commander Harold Marr am 12. Juni 1966 mit einer AIM-9 Sidewinder gegen eine MiG-17. Der letzte erfolgreiche Luftkampf fand schon am 19. September 1968 statt, da die F-4 Phantom im weiteren Kriegsverlauf viele Missionen übernahm. Gleichzeitig sank die Zahl der Crusader-Staffeln, weil die meisten kleineren Flugzeugträger außer Dienst gestellt wurden.

Nach der Rückkehr der Einheiten VF-191 und VF-194 von der letzten Einsatzfahrt mit der USS „Oriskany“ war bei den Einsatzstaffeln der US Navy im März 1976 schließlich das Ende des Jägers gekommen. Mangels eines geeigneten Ersatzes blieben die modernisierten RF-8G-Aufklärer jedoch länger in Dienst. Die letzte reguläre Staffel, VFP-63, wurde am 30. Juni 1982 aufgelöst. Bei der Reserveeinheit VFP-206 endete die Karriere der Crusader erst am 30. März 1987.

Als noch langlebiger erwies sich der „Last Gunfighter“ bei den französischen Marinefliegern, die neben den Philippinen einziger Exportkunde waren. Die Aéronavale hatte 42 Exemplare für den Einsatz auf ihren Flugzeugträgern „Clemenceau“ und „Foch“ bestellt, von denen die ersten Exemplare im November 1964 auf dem Seeweg in Frankreich ankamen. Zur Erhöhung des Auftriebs installierte Vought ein System zur Grenzschichtbeeinflussung. Ende der 80er Jahre erfolgte ein Lebensdauer-Verlängerungsprogramm, und erst im Jahr 1999 stellten die Franzosen ihre „Crouze“ außer Dienst. Weniger erfolgreich blieb übrigens die ultimative Crusader III. Der Mach 2.3 schnelle Jäger unterlag der McDonnell F-4 Phantom im Wettbewerb um ein neues Navy-Kampfflugzeug. Seine Geschichte lesen Sie in einer der nächsten Ausgaben von Klassiker der Luftfahrt.


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Patrick Hoeveler


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