11.03.2016
Klassiker der Luftfahrt

Über die Sinnlosigkeit, Flugzeuge wieder aufzubauenVerschrotten statt reparieren

Aus der Zeit nach der Übernahme der Funktion des Generalluftzeugmeisters seitens Erhard Milch (zwei Tage nach Ernst Udets Selbstmord) am 19. November 1941, sind zigtausende Seiten Protokolle und Notizen seines alltäglichen Wahnsinns erhalten geblieben. In Reinform läßt sich hier die ungeschminkte Realität des Ministeriums-Tagesgeschäftes nachvollziehen.

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Selbst die schleichende Entmachtung Milchs nach der Gründung des Jägerstabes unter der Regie Speers und Saurs hielt Milch nicht davon ab, die Protokolle zu sammeln. Die erfolgreiche Arbeit des Jägerstabes führte Mitte 1944 zu einer erneuten Namensänderung, um die Bomber nicht zu benachteiligen – nunmehr tagte der Rüstungsstab.

Waren zu Milchs Zeiten die anwesenden Besprechungsteilnehmer noch von Rang und Namen, ist über die Sitzungsmitglieder des Rüstungsstabes nur wenig bekannt. Lucht und Mahnke sind altes RLM-Urgestein, während über Diplom Ing. Nobel, Major i.G. Krause und König nichts in Erfahrung zu bringen war.

Im folgenden Auszug (im originalen Wortlaut) aus der Rüstungsstab-Besprechung vom 4. August 1944 unter der Führung von Generalstabs-Ingenieur Roluf Lucht geht es um die Absetzung mehrerer Flugzeugmuster aus der Produktion, die liebe Not mit dem immer knapper werdenden Sprit und der verschwendeten Arbeitsleistung der heimischen Reparaturbetriebe.

Marton Szigeti

König: Ich habe einiges zur Kraftstofflage zu sagen. Statt 18.000 t sind in diesem Monat 10.000 t zur Verfügung gestellt. Wir mußten deshalb folgende Muster streichen, und zwar für Reparatur und Neubau: 177, 352, Do 24, Me 410, Arado 196, TA 154, He 111, sämtliche Muster Ju 52. Und noch immer reicht der Sprit nicht aus. Von der Zelle wurden gestrichen: Ju 90, Fi 156 Storch. Wir könnten der Entwicklung nachträglich 120 t zur Verfügung stellen. Aber für das Einfliegen der Arado 234 sind 150 t gefordert. Wir könnten der gesamten Industrie nicht einmal soviel zur Verfügung stellen. Das würde bedeuten, daß Arado 234 und 003 (das BMW-Triebwerk, M.S.) stillgelegt werden müssen.
Lucht: Ich verstehe nicht, daß vorgestern ein Frohlocken darüber war. Da hat Frydag einen Vortrag gehalten.
König: Das lag an einer Falschmeldung, die die Industrie gemacht hatte. Ich hatte das in einen Topf geworfen. Das war ein Mißverständnis.
Lucht: Dann sind also die optimistischen Ausführungen von Frydag gegenstandslos?
Vertreter Frydag: Jawohl. Leider Gottes.
Lucht: Die Muster, die entfallen würden für die Vorlage in diesem Monat: 177, 352, Do 24. Das ist klar. Me 410 ist noch nicht ganz klar, weil Saur verlangen wollte, daß die bleibt.
Nobel: Herr Lucht, wenn so entschieden wird, daß die 410, 177 usw. nicht mehr eingeflogen werden, dann ist es sinnlos, die Werke anzusetzen und diese Maschinen in großen Stückzahlen reparieren zu lassen. Dann lassen wir die Vögel gleich liegen, wo sie liegen, dann fahren wir sie nicht mehr in die Heimat zurück, wo sie dann zu Hunderten in den Werken herumstehen. Ich weiß überhaupt nicht, wo ich bleiben soll. Das bedeutet, daß die Kapazität von 500 Flugzeugen, die Saur in diesem Monat gewünscht hat, nicht erreicht wird.
König: Die werden wir sowieso nicht erreichen, weil wir das Benzin zum Einfliegen nicht haben.
Nobel: Es ist sinnlos, die Vögel durch ganz Europa zu fahren, an die Werke heranzubringen und dort zu stapeln.
Krause: Ich bin der Auffassung, es ist unsinnig, diese Flugzeuge zu bauen. Die 177-Werke lassen Sie so, wie sie sind, stehen. Dann geben Sie die Arbeitskräfte, die dort sind, an die Ostfront ab zum Schippen usw.


WEITER ZU SEITE 2: Das Ende der Baumuster 177, 410 und 154

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