08.11.2016
Erschienen in: 05/ 2011 FLUG REVUE

Vom Tanker zum TausendsassaBoeing KC-135A Stratotanker

1956 startete die erste KC-135 zu ihrem Erstflug und legte den Grundstein für eine erfolgreiche Familie mit fast 50 Unterversionen. Heute befindet sich noch fast die Hälfte der Flotte im aktiven Dienst.

Boeing KC-135 Stratotanker Start

Eine Boeing KC-135 Stratotanker beim Start. Foto und Copyright: USAF  

 

IN DIESEM ARTIKEL

Verglichen mit heutigen Tanker-Programmen lief das KC-135-Projekt, immerhin der erste Jet der Welt, der als fliegende Tankstelle genutzt wurde, erstaunlich reibungslos. Innerhalb von knapp acht Jahren baute Boeing insgesamt 820 Exemplare aller Versionen. Davon waren 732 reine KC-135A-Tanker. Die Fertigungsrate lag zwischenzeitlich bei 15 Maschinen pro Monat. In der Gesamtbetrachtung betrug der Stückpreis etwa knapp zwei Millionen Dollar. Natürlich hatte Boeing auf einen derart großen Auftrag gehofft, ging bei der Entwicklung zunächst aber ein relativ hohes finanzielles Risiko ein. 

Obwohl die Boeing KC-97 erst im Jahr 1951 in Dienst gestellt wurde, hatte sich die US Air Force schon wenig später Gedanken über einen Nachfolger mit Strahlantrieb gemacht, der für die Betankung der schnellen B-52 Stratofortress geeignet sein sollte. Im Mai 1954 forderte sie die Firmen Boeing, Convair, Douglas, Fairchild, Lockheed und Martin zur Abgabe eines entsprechenden Angebots auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte Boeing jedoch schon auf eigene Rechnung einen Prototyp fertiggestellt, der die Bezeichnung Model 367-80 trug. Die Entwicklung hatte ursprünglich als jetgetriebene Version der C-97 Stratofreighter mit gepfeilten Tragflächen begonnen, wandelte sich aber zu einem komplett neuen Entwurf. Trotzdem blieb die Modellnummer 367 der Propellermaschine bestehen. Das Roll-out der „Dash 80“ erfolgte schon am 14. Mai 1954. Damit besaß die Konkurrenz kaum noch Chancen; die Flugzeugbauer aus dem Nordwesten der USA hatten wohl von ihren Erfahrungen und Diskussionen mit den Militärs bei den bisherigen Tankerprogrammen (KB-29, KB-50 und KC-97) profitiert. 

Nur sechs Tage nach dem Erstflug der Dash 80 führte Boeing am 22. Juli 1954 bereits eine simulierte Luftbetankung einer B-52A durch. Die Militärs zeigten sich beeindruckt: Am 5. Oktober 1954 bestellte die Air Force 29 Exemplare des nun als KC-135A Stratotanker bezeichneten Typs mit der Modellnummer 717 (nicht zu verwechseln mit der späteren, ehemaligen MD-95). Einen Prototyp gab es trotz umfangreicher Änderungen wie dem längeren und um 30 Zentimeter breiteren Rumpf nicht. Das erste Exemplar mit der Seriennummer 55-3118 entsprach bereits dem Serienstand und startete am 31. August 1956 in Renton zu seinem Erstflug. Es wurde übrigens später zu einem fliegenden Kommandoposten mit der Bezeichnung EC-135K umgebaut und steht heute als Museumsstück am Tor der McConnell Air Force Base in Wichita. 

Parallel zur KC-135 entwickelte Boeing eine Ableitung der Dash 80 als Verkehrsflugzeug. Ursprünglich plante der Flugzeugbauer, einen Großteil der Produktionsanlagen für beide Muster nutzen zu können. Diese Hoffnung machte allerdings Douglas zunichte. Da die DC-8 mehr Platz in der Kabine bot, musste Boeing reagieren und verbreiterte den Rumpf der späteren 707 um rund zehn Zentimeter. Auch die Spannweite wuchs. Daher beschränkten sich die baugleichen Komponenten hauptsächlich auf das Cockpit und den Bug. Ansonsten stellen KC-135 und 707 im Wesentlichen getrennte Konstruktionen dar. 

Die KC-135A besaß 22 Tanks, davon neun im unteren beziehungsweise hinteren Rumpf und zwölf in der Tragfläche. Die Gesamtkapazität betrug 118105 Liter. Meist diente das Kerosin aus den Rumpftanks zur Betankung der Flugzeuge, obwohl sich mit Hilfe eines Verteilersystems fast alle Tanks für diesen Zweck nutzen ließen. Die Übertragung mit einer Rate von rund 2,7 Tonnen Kraftstoff pro Minute erfolgte mit Hilfe des bei den früheren Boeing-Tankern bewährten starren Auslegersystems. Der sogenannte „Boom“ konnte während des Flugs nach unten geklappt und bis zu einer Länge von 14,3 Metern ausgefahren werden, um Kontakt mit dem zu betankenden Flugzeug herzustellen. Bedient wird er bis heute vom „Boom Operator“. In der Kabine konnten außerdem Soldaten oder eine Fracht von 37 Tonnen befördert werden. 

Als Antrieb dienten vier Turbojets Pratt & Whitney J57 ohne Schubumkehr, die später mit Wassereinspritzung ausgestattet wurden. Dieses Verfahren diente der Schubsteigerung und sah die Einspritzung von Wasser in den Verdichter vor. So sank die Temperatur und erlaubte das Verbrennen von mehr Kraftstoff, ohne die zulässige Turbineneintrittstemperatur zu überschreiten. Allerdings kam es dabei zu einer erheblichen Rauchentwicklung. 

Da bei der Erprobung der KC-135A keine größeren Probleme auftraten, konnte das Strategic Air Command am 18. Juni 1957 den ersten Stratotanker bei der 93rd Air Refuelling Squadron auf der Castle Air Force Base in Kalifornien in Dienst stellen. Zahlreiche Verbände, meist auf Bomber-Stützpunkten, folgten. Während der Produktionszeit gab es nur zwei größere Änderungen. Um die von den Jettriebwerken erzeugten Schwingungen zu dämpfen, versahen die Ingenieure den hinteren Rumpf mit Verstärkungsstreifen. Zur Erhöhung der Seitenstabilität verlängerten sie außerdem ab dem 583. Exemplar das Seitenleitwerk um 1,02 Meter und rüsteten die längere Finne bei den bisherigen Maschinen nach. 

Für Langstreckentransporte beschaffte der Military Air Transport Service (MATS) der USAF im Jahr 1961 insgesamt 15 C-135A, bei den die Betankungsausrüstung wegfiel. Später folgten 30 C-135B, die mit den TF33-Turbofans von Pratt & Whitney ausgestattet waren. Beide Versionen waren auf der McGuire und der Travis AFB beheimatet. Nach der Indienststellung der Lockheed C-141A Starlifter flogen sie bei anderen Einheiten und erhielten verschiedene Modifikationen. Die letzte KC-135A ging am 12. Januar 1965 an die 380th ARS in Plattsburgh, New York. Später ließ die Air Force 56 Exemplare als KC-135Q zur Betankung der Lockheed SR-71 Blackbird modifizieren. Einziger Exportkunde des Stratotankers blieb Frankreich, das im Jahr 1964 zwölf C-135F für die Unterstützung der Dassault Mirage IV und deren Nuklearrolle kaufte. 

Kaum ein anderes Flugzeugmuster der USA hat sich als derart langlebig und vielseitig mit zahlreichen Spezialversionen erwiesen. Neben Maßnahmen zur Lebensdauerverlängerung der Zelle rüstete man zahlreiche Stratotanker mit dem TF33-Triebwerk aus (KC-135E). Am 22. Januar 1980 vergab die USAF schließlich einen Entwicklungsauftrag an Boeing, der die Nachrüstung der KC-135A mit CFM56-Triebwerken zur KC-135R umfasste. Noch heute sind rund 400 Tanker aktiv; deren Alter liegt bei mindestens 47 Jahren. Bis zur endgültigen Einführung des Nachfolgers in Form der Boeing KC-46A auf Basis der 767 dürften sie noch einige weitere Jahre zuverlässige Dienste leisten.


WEITER ZU SEITE 2: Stückzahlen

1 | 2 | 3 |     
Mehr Infos zu:
Mehr zum Thema:
Patrick Hoeveler


Weitere interessante Inhalte
Tiefflugübung mit dem Panzerknacker JAWS und die Fairchild A-10

14.06.2017 - In den 70er Jahren arbeiteten US Air Force und US Army an einer gemeinsamen Taktik zur Bekämpfung von Bodenzielen. Für die Übungen in den USA erhielten die beteiligten Fairchild A-10 Thunderbolt II … weiter

Aufklärer Republic RF-84F Thunderflash

14.06.2017 - Der Pfeilflügel-Aufklärer Republic RF-84F Thunderflash entstand aus der Republic F-84. Republic schlug der US Air Force für weitere Ausführungen eine Ableitung der schon vorhandenen F-84 Thunderjet … weiter

Gerüchten auf den Leim gegangen Taumelscheibe Avro Canada Avrocar

08.06.2017 - Ende der 1950er Jahre versuchten kanadische Konstrukteure mit finanziellen Mitteln der US Air Force ein kreisförmiges, senkrecht startendes und landendes Kampfflugzeug zur Serienreife zu bringen. Den … weiter

Fotodokumente North American XB-70 - Der schnellste Bomber der Welt

30.05.2017 - Noch heute wirkt die XB-70 Valkyrie von North American wie eine Flugmaschine aus einer anderen Zeit – riesig, elegant und futuristisch. … weiter

Bild der Woche KW 22/2017 Fairchild C-119 Flying Boxcar

29.05.2017 - Die Fairchild C-119 Flying Boxcar war eines der letzten Transportflugzeuge mit Kolbenmotorantrieb. Sie flog erstmalig im November 1947. … weiter


  • Hersteller

    Lade...

  • Typ

    Bitte Hersteller auswählen!

In Kooperation mit
Klassiker der Luftfahrt 05/2017

Klassiker der Luftfahrt
05/2017
29.05.2017

Abonnements
Heft-Archiv
Einzelheft bestellen


Die deutschen Einflieger
Stinson L-5
Serie Motor Hispano-Suiza
Klemm L25
AEG-Flugzeuge
Supermarine Spitfire
Douglas C-47
Hawker Hurrican