22.11.2016
Erschienen in: 08/ 2015 Klassiker der Luftfahrt

TransporthubschrauberSikorsky S-55 Chickasaw

Igor Sikorskys Ideen für die Entwicklung von Drehflüglern stammen aus dem Jahr 1909. Damals aber war die Zeit dafür noch nicht reif, und es dauerte mehr als 30 Jahre, bis das „ungewöhnliche“ Fluggerät seinen echten Durchbruch erlebte. Die Ära von Transporthubschraubern begann im November 1949 im US-Bundesstaat Connecticut mit dem Erstflug der Sikorsky S-55.

Bereits in den 30er Jahren und auch während des Zweiten Weltkriegs arbeitete der geniale Flugpionier Igor Sikorsky aus Kiew – 1919 in die USA emigriert – an Entwürfen von größeren Helikoptern, die nicht nur zwei Besatzungsmitglieder aufnehmen konnten. Sowohl die Militärverantwortlichen in den USA als auch Igor Sikorsky selbst hatten schnell erkannt, dass der Helikopter zu weitaus mehr fähig sein müsste. Nach dem Anfangserfolg mit der S-51 entwickelte sein Unternehmen Ende der 40er Jahre den ersten echten Transporthubschrauber: die S-55, die später auch Chickasaw, nach einem Indianerstamm aus dem Mittleren Westen, benannt wurde.

Mit Bravour bestand sie ihre Feuertaufe im Koreakrieg und wurde später auch in Lizenz in anderen Ländern gebaut. Streng genommen, gelangen mit der S-55/H-19 der wahre Durchbruch und der Beweis, dass der Helikopter ein ausgezeichnetes Transportvehikel für mannigfache Aufgaben ist.

Dass dies bis heute so ist, ist nicht zuletzt der Genialität Sikorskys zu verdanken. Er entwickelte für den Ausgleich des Drehmoments einen starken Heckrotor, was schließlich wegweisend für Flexibilität und Leistung des modernen Transporthelikopters wurde.

Die S-55/H-19 war der erste für die Streitkräfte der USA verwendbare Hubschrauber mit einer praktisch nutzbaren Zuladung von bis zu zehn Passagieren, ersatzweise konnten auch bis zu acht Liegen in der geräumigen Kabine untergebracht werden.

Schon damals war das Thema Gewicht ein wichtiges Kriterium. Deshalb war der Rumpf in Ganzmetall-Halbschalenbauweise gefertigt, die Beplankung  aus einer Aluminium-Magnesiumlegierung. Ungewöhnlich war die Einbauposition des Motors. Er saß schräg in der runden Nase des Helikopters. Damit war er über zwei große Wartungsklappen sehr leicht zugänglich.

Oberhalb des Motorraums befand sich das Cockpit für zwei Piloten mit einer für beide Pilotenplätze ausgelegten Steuerung (Dual Controls). Direkt dahinter befand sich das Hauptgetriebe. Die damals völlig ungewöhnliche, neue Bauweise, die übrigens ein Markenzeichen für die Sikorsky-Modelle bis zur S-58 wurde, ermöglichte einen sehr geräumigen Frachtraum, Sie war auch flugtechnisch von großem Vorteil, weil so die Verschiebung des Schwerpunkts bei voller Beladung ausgeschlossen werden konnte. Der damaligen Zeit entsprechend waren die Rotorblätter (drei für den Hauptrotor und zwei für den Heckrotor) komplett aus Metall gefertigt. Jeweils vorn und hinten unter der Kabine befanden sich die Treibstofftanks, deren Fassungsvermögen 700 Liter betrug. Das verlängerte die Reichweite gegenüber den bis dato gefertigten Mustern um ein Vielfaches. Zudem war dies hilfreich für die neuen logistischen Herausforderungen der militärischen Einsatzprofile im Koreakrieg.

Die schräge Aufhängung des Motors mit der neuartigen Anordnung der Hauptantriebswelle erlaubte mehrere Motorvarianten und ließ eine problemlose Wartung ohne Leitern oder Wartungsbühnen zu. Zum Amphibium wurde die S-55/H-19 durch Schwimmer (mit Rädern), die das klassische Vierbein-Radfahrwerk entweder ergänzten oder ersetzten. Während die Urform (S-55A) mit einem Pratt & Whitney-Stern­motor R-1340-57 mit 405 kW (550 PS) ausgestattet war, verfügte die B-Version bereits über einen 515 Kilowatt (700 PS) starken Wright-Sternmotor R-1300-3, hatte einen vergrößerten Hauptrotor und einen weiter nach unten geneigten Heckausleger, womit der Abstand zu den Hauptrotorblättern erhöht wurde.

Überzeugt von der damals beachtlichen Reichweite des Helikopters (340 km), gab die US Air Force fünf Exemplare (YH-19) in Auftrag, Der Erstflug fand am 10. November 1949 statt. Schon bald bestätigten sich die Leistungsdaten der S-55, die bis dahin von keinem anderen Helikopter erreicht worden waren. Allerdings erforderte ihre Bedienung auch gutes fliegerisches Gefühl, das längst nicht jeder Flugschüler umsetzen konnte. 

Beim Serienmuster H-19A, von dem die Air Force 50 Exemplare orderte (1951), war der Leitwerksträger nochmals verbessert worden. Letztlich blieb dies aber die wesentliche Konfiguration der S-55. 1952 wurden die ersten H-19B an die 3. Luftrettungsstaffel sowie an weitere SAR-Einheiten übergeben. Die Rettungshubschrauber-Version SH-19B (später HH-19B) war mit einer über der rechten Kabinentür angebrachten, hydraulisch angetriebenen Seilwinde ausgestattet. Unter anderem wurde während des Koreakriegs so auch das abgeschossene Fliegerass Cpt.  Joseph McConnell gerettet, er war später Inspekteur und Generalstabschef der Luftwaffe.

Auch bei den Heeresfliegern der US Army, die im selben Jahr 72 Einheiten (H-19C und H-19D) bestellten, hatte sich das Muster als effektiv bei der Artillerieaufklärung sowie der Verwundetenbergung und dem Truppentransport erwiesen. Vom Marine Cops waren bereits zuvor 60 Einheiten mit kugelsicheren Kraftstofftanks bestellt worden. Der erste Transport mit Kampftruppen erfolgte laut Kriegstagebuch am 13. September 1951 in Korea durch die Infanterie des Marine Corps mit HRS-1 über eine Zone von elf Kilometern eines umkämpften Gebiets zu einem Hügel, der von chinesischen Truppen angegriffen wurde. Insgesamt beförderten allein die S-55 der Marines bei 18 600 Einsätzen in Korea mehr als 60 000 Soldaten. 

Last but not least, hatte auch die US Navy zehn Exemplare der H-19A (als HO4S-1) erhalten. 1951 wurden von insgesamt 60 gebauten HOS3-1 (identisch mit der H-19B) 30 an die US Coast Guard für SAR-Aufgaben übergeben. Diese Maschinen wurden ab 1962 umbenannt in UH-19F und HH-19G. Zudem erweiterte das Marine Corps seine Flotte um 91 HRS-2 und 89 HRS-3 (später UH-19E/mit Wright-Motor). Die H-19D wurde 1956 einer der ersten bewaffneten Helikopter der Welt (127-mm-Raketen und 12,7-mm-Maschinengewehre).


WEITER ZU SEITE 2: Varianten der S-55

1 | 2 | 3 | 4 | 5 |     


Weitere interessante Inhalte
Kranhubschrauber Sikorsky S-60

26.04.2017 - Um den Transport sperriger Lasten zu vereinfachen, entwarf Igor Sikorsky einen speziellen Kranhubschrauber. Die ungewöhnliche S-60 blieb zwar ein Einzelstück, leistete aber wichtige Vorarbeit für die … weiter

Große Vision Sikorsky S-64/CH-54 – Die Geschichte des Skycrane

22.03.2017 - Seine Leistungen in der Helikopterentwicklung sind auch mehr als 75 Jahre nach dem Erstflug der legendären V-300 unangefochten. Igor Iwanowitsch Sikorsky, 1889 in Kiew geboren, verwirklichte nach … weiter

Fotodokumente Neustart der Luftwaffe nach dem Krieg

05.01.2017 - 1956 erfolgte die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt Deutschland wieder eine Luftwaffe. … weiter

Fotodokumente Die ersten Flugzeuge und Hubschrauber der Marine

22.11.2016 - Etwas später als die Luftwaffe bekam im Jahr 1958 auch die Marine ihre ersten Flugzeuge. … weiter

Lebendige Schatzkiste Mid Atlantic Air Museum

18.11.2016 - In den USA gibt es einige kleine und sehr sehenswerte Luftfahrtmuseen, die einen Abstecher wert sind. In Reading, Pennsylvania, rund 150 Kilometer westlich von New York City, haben wir ein solches … weiter


  • Hersteller

    Lade...

  • Typ

    Bitte Hersteller auswählen!

In Kooperation mit
Klassiker der Luftfahrt 06/2017

Klassiker der Luftfahrt
06/2017
01.06.2017

Abonnements
Heft-Archiv
Einzelheft bestellen


Messerschmitt Bf 109 E: Die Rückkehr des Sterns
Bell P-63 Kingcobra: So fliegt sich der seltene Jäger
Ernst Piech: Nachbau für Porsche-Enkel
Focke-Wulf: Entstehung der Condor