11.07.2017
Erschienen in: 05/ 2017 Klassiker der Luftfahrt

„Stinsy“Stinson L-5 Sentinel: Der gute Wächter

Trotz ihrer guten Leistungsdaten kommt die Stinson L-5 auch heute nicht an die Popularität einer cub heran. Dass die L-5 mehr als ein gewöhnliches Verbindungsflugzeug ist, zeigt die „Stinsy“ mit ihren Piloten aus der Schweiz.

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Die L-5 Sentinel (Wachposten) stand schon lange auf meiner Liste der zu fotografierenden Typen. Für gewöhnlich bilden die Grundlage einer Geschichte die Recherche rund um die Historie und die Technik sowie die Kontaktaufnahme zu Haltern des betreffenden Musters. Doch dieses Mal war es etwas anders, und nach verschiedenen Anläufen bot sich die Gelegenheit nun direkt vor der Haustür: In der Vorankündigung des Oldtimer-Fliegertreffens auf der Hahnweide (OTT) fand sich die Stinson des CAF Swiss Wing. Da ich sie unter den rund 350 gemeldeten Teilnehmern erst recht spät entdeckte, entfiel der vorherige Anruf beim Betreiber, und ich versuchte mein Glück vor Ort.

Im Pilotenbereich treffe ich am Anreisetag eher zufällig auf die beiden Schweizer und spreche sie auf die Stinson an. Sichtlich überrascht über mein Interesse an dem kleinen Liaison-Flugzeug, entwickelt sich ein angeregtes Gespräch. Da Max Schönenberger und Ferdi Nietlispach gerade erst auf der Hahnweide gelandet sind und sich auf ihren Zwiebelrostbraten in Kirchheim freuen, verabreden wir uns für ein ausführlicheres Gespräch am folgenden Tag. Auch ich habe eigentlich noch genug damit zu tun, die Flugzeuge der ankommenden Teilnehmer zu fotografieren.

Eigentlich, denn so richtig widerstehen kann ich der Stinson nicht. So führt mich mein Weg unweigerlich in Richtung ihres Stellplatzes. Der Anblick ist erhaben: Die stolz in den Himmel gereckte Cowling, der breite, hoch über der Grasnarbe liegende Rumpf und die beiden Lufteinlässe verleihen ihr einerseits ein freundliches Gesicht und andererseits ein starkes Auftreten. Der Blick durch die Seitenscheibe lässt erahnen, warum sie bei ihren Piloten im Zweiten Weltkrieg so beliebt war: Das vordere wie auch das hintere Abteil des Tandemsitzers wirken geräumig – ganz anders als in einer Cub oder Taylorcraft, die damals die gleiche Aufgabe hatten und den Alliierten auf allen Kriegsschauplätzen als Flugzeuge für Verbindungs- und Aufklärungsaufgaben dienten.

Die L-5 ist dabei der größte und stärkste Vertreter der L-Birds, der Liaison-Flugzeuge. Mit ihrem 185 PS leistenden Lycoming O-435 verfügt sie über mehr als doppelt so viel Leistung wie das Vergleichsmodell aus dem Hause Piper. Trotzdem kommt die L-5 nie an die Popularität der L-4 heran und ist auch heute ein eher seltenes Muster. Beim Walkaround fällt mir eine Beschriftung unter dem Höhenleitwerk auf: OY-1. Also ist es gar keine Armeeversion, sondern eine bei der Navy beziehungsweise dem Marine Corps eingesetzte Maschine? Diesem Rätsel werde ich am nächsten Tag auf den Grund gehen.

Ferdi und Max kommen perfekt vorbereitet zu unserem Gespräch. Sie haben mehrere Broschüren über die Maschine mitgebracht, und so lässt sich gleich die Frage nach der genauen Bezeichnung klären. Max, 76 Jahre alt, kennt die Historie der Stinsy fast auswendig: „Unsere N121MC wurde am 3. Juni 1944 mit der Nummer 42-99443 an die USAAF ausgeliefert und nach Detroit gebracht. Von dort kam sie am 29. Juli 1944 nach Tacoma im Bundesstaat Washington, wurde am 10. Juli 1944 verschifft und danach von der 7th Air Force im Pacific Theatre of Operation eingesetzt.“ Das bedeutet, dass es sich um eine für die Armee bestellte, aber direkt an die Navy beziehungsweise das US Marine Corps abgegebene Maschine handelt.

Das erklärt auch die unterschiedlichen Bezeichnungen OY-1 und L-5. „Leider können wir nicht mehr nachvollziehen, bei welcher Einheit sie flog oder bei welchen Einsätzen sie involviert war, da die Logbücher unvollständig sind“, ergänzt Ferdi, mit 61 Jahren eine Spur jünger als sein Kumpel Max. Der vervollständigt den Lebenslauf aus dem Effeff: „Am 30. Mai 1946 erfolgten die Außerdienststellung und der Verkauf in private Hände. Mitte der 1970er Jahre wurde sie für zwei Dekaden stillgelegt und konserviert. In Chino folgte von ’97 bis ’99 eine Komplettrestaurierung.“ Mit Gründung des CAF Swiss Wing zur Jahrtausendwende hatten die CAF-Mitglieder dann angefangen, nach einem passenden Flugzeug zu suchen und seien schließlich auf die Stinson gestoßen. An Silvester 2001 ist sie erstmals in der Schweiz geflogen. „Wir tauften sie auf den Namen Stinsy, verpassten ihr die Nose Art auf die Cowling und das Aussehen der Maschine mit der Seriennummer 42-99186, die nach Beschussschaden durch die Schweizer Luftabwehr am 12. Oktober 1944 bei La Vacherie-Dessous im Jura notlanden musste.“

So weit, so historisch. Wir unterhalten uns noch länger über die Vorzüge und Besonderheiten der Stinson, doch schnell merke ich, dass die Geschichte in eine ganz andere Richtung läuft. Nicht nur, dass Max und Ferdi mit ihren Anekdoten die Zeit förmlich verfliegen lassen – auch ihr Auftreten beeindruckt mich. Sie sind ein echtes Team, wirken ungeheuer vertraut und flachsen herum wie zwei Jungs, die zusammen auf Klassenfahrt sind.

„Ich muss ja immer mitfliegen, damit der da vorne nicht einschläft“, scherzt Ferdi während des Flightline-Walks in Richtung Stinsy und deutet mit einer Kopfbewegung auf den vor uns gehenden Max. Max ist pensionierter Swiss-747-Kapitän, doch seine ruhige Art täuscht. Er ist jederzeit bereit, eine spannende Geschichte aus seiner Zeit bei der Schweizer Airline zur erzählen. Zum Beispiel die, als er als junger Copilot in einer Maschine saß, die 1966 in Brüssel notlanden musste, weil sich die Ladung verselbstständigt hatte.


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Philipp Prinzing


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