19.06.2017
Erschienen in: 07/ 2011 Klassiker der Luftfahrt

Fliegender HörsaalSiebel Si 204: Vielseitigkeit als Trumpf

Vor allem als Verbindungsflugzeug und Instrumentenflug- und Funknavigationstrainer war die Siebel Si-204 im Einsatz. Sogar eine leichte Bomberversion, die gegen Partisanen eingesetzt werden sollte, wurde gebaut. Weil sie so vielseitig eingesetzt werden konnte, wurde sie auch noch nach 1945 in Frankreich und der Tschechoslowakei weiter produziert.

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Offiziell forderte die Lufthansa im Jahr 1939 ein leichtes Zubringerflugzeug für zwei Besatzungsmitglieder und acht Passagiere. Man darf aber davon ausgehen, dass eine zivile Verwendung der Si-204 von Anfang an nicht alleinim Fokus stand. Vielmehr ging es auch um eine militärische Verwendung.schnell Die Luftwaffe benötigtefür den damals so genannten Blindflug einen Trainer. Zusätzlich sollten in dessen Kabine  mehrere Schüler ihre Praxisausbildung in der Funknavigation erhalten konnten. Zudem sollte das neue Flugzeug für Verbindungs- oder kleinere Frachttransportaufgaben geeignet sein.

Die Siebel Flugzeugwerke in Halle erhielten den Auftrag zur Entwicklung eines solchen Flugzeugs. Der Betrieb war 1934 zunächst als Zweigwerk von Klemm in Halle an der Saale gegründet und später vom ehemaligen Klemm-Vertreter in Berlin, Friedrich Wilhelm Siebel, übernommen worden. Mit dem fünfsitzigen, zweimotorigen Kurierflugzeug Fh 104 hatte Siebel bereits eine gute Visitenkarte für die Entwicklung der späteren Si-204 abgegeben. Immer wieder wird kolportiert, die Si-204 sei eine Weiterentwicklung der Fh 104 gewesen. Doch mit ihr hatte sie nicht mehr als die zweimotorige Auslegung gemeinsam. Konstruktiv und von ihrer Aerodynamik her war sie eine komplette Neuentwicklung.

Das Team um Chefkonstrukteur Friedrich Fechner entwickelte den Rumpf der Si 204 in konventioneller Schalenbauweise mit eng gesetzten Spanten, Längsträgern und Stringern aus Dural, auf die die Alu-Beplankung genietet wurde. Der Trapezflügel mit hoher Streckung und die Leitwerke entstanden ebenfalls in Schalenbauweise. Dabei erhielt die Si 204 Endscheiben-Seitenleitwerke beidseits der 6,20 Meter spannenden Höhenflosse. Alle Ruder waren mit Stoff bespannt. Die Steuerung erfolgte mechanisch über Seilzüge und Stoßstangen. Die Trimmruder an Höhen-, Seiten- und rechtem Querruder wurden elektrisch angetrieben. Sie waren als Flettnerklappen ausgeführt und dienten so zugleich der Reduzierung der Ruderkräfte. Die Landeklappen konnten über einen Schalter elektrohydraulisch in drei Stellungen, für Start, Landung und Reiseflug, gefahren werden. Ebenfalls hydraulisch wurden die Hauptfahrwerke und deren Bremsen betätigt. Das Spornrad war nicht einziehbar. Als Antrieb für die zunächst gebaute A-Version wurden Argus As 410A-1 gewählt. Die V-12-Motoren mit hängend angeordneten Zylindern leisteten jeweils 465 PS.

Am 23. Mai 1941 startete die Si-204 V1 in Halle zum Erstflug. Die ersten beiden Prototypen waren als Reiseflugzeug konfiguriert, äußerlich leicht an der abgesetzten Rumpfnase zu erkennen. Während der Flugerprobung zeigten sich schnell die ausgezeichneten Flugeigenschaften des neuen Flugzeugs. Auch die Flugleistungen waren zufriedenstellend. Die Luftwaffe drängte auf die geplante Trainerversion. Schon der dritte Prototyp, der ebenfalls noch 1941 in die Luft kam, wurde dementsprechend konfiguriert. Er erhielt schon die komplett verglaste Rumpfnase der späteren Si 204 D. In der Kabine hinter dem Cockpit wurden vier Plätze für Navigationsschüler und einen Lehrer eingebaut. Während die V3 noch mit dem AS 410 flog, kamen in den D-Serienflugzeugen dann stärkere Argus As 411 TA-1 zum Einsatz, die mit jeweils 580 PS und Höhenladern wesentlich mehr Leistung als die As 410 boten.

Über ein Untersetzungsgetriebe (1,75:1) trieben die Motoren ebenfalls von Argus entwickelte Zweiblattpropeller mit Verstellautomatik an. Ihr charakteristisches Merkmal war die so genannte Rippenhaube, auch „Nasenquirl“ genannt, als Vorderteil des Spinners. Kleine, auf ihr angeordnete Fanblätter ließen die Rippenhaube entgegengesetzt zum Propeller drehen. Über eine Mechanik brachte sie die Propeller je nach Geschwindigkeit und abgeforderter Leistung in die optimale Stellung.

Schnell zeigte sich bei der Truppe, dass die Vollsichtkanzel der Si 204 D die spätere Eingewöhnung auf ähnlich verglaste Kampfflugzeuge wie die Ju 88 erleichterte. Hinzu kam, dass die Instrumentierung des Blindflugtrainers in Zahl und Anordnung weitgehend der anderer zweimotoriger Kampfflugzeuge entsprach. Zur Ausbildung von Navigatoren konnten vier voll ausgerüstete Navigationsplätze in der Kabine eingerüstet werden. Ein fünfter Platz war für den Lehrer vorgesehen. In diesem „fliegenden Hörsaal“ konnten so gleich mehrere Schüler effizient auf ihre künftigen Aufgaben praktisch vorbereitet werden.

Wegen ihrer harmlosen Flugeigenschaften, auch im Einmotorenflug, wurde die Si 204 bei den Piloten bald zu einem hoch geschätzten Flugzeug. Mehr und mehr ersetzte sie die veraltende Focke-Wulf Fw 58 Weihe, die noch in Holzbauweise entstanden war.


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