12.11.2016
Klassiker der Luftfahrt

Aus der Not geborenSchwedens Jäger FFVS J 22

Sie wurde schon als Schwedens Panik-Jäger bezeichnet. Tatsächlich entstand die J 22 unter dem Eindruck ausbleibender US-Flugzeuglieferung in größter Eile. Sie überraschte als überaus intelligent konstruierter Jäger, der zum Beispiel mit der Bf 109E problemlos mithalten konnte.

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Schweden steckte in der Klemme. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verfügte die Luftwaffe des neutralen Landes über gerade mal 140 Kampfflugzeuge. Die wenigsten davon konnte man als modern bezeichnen. Der Jagdflugzeugbestand war verschwindend gering. Zwischen Juni 1939 und Januar 1940 hatte die schwedische Regierung zwar insgesamt 120 Republic EP-106 geordert, kurz darauf noch 144 Vultee 48C Vanguard, aber nur 60 der Republic-Jäger waren geliefert worden, als die US-Regierung am 18. Oktober 1940 ein Embargo über alle Flugzeuglieferungen an Schweden verhängte. Als ein Ausweg aus der Jäger-Misere blieb die Bestellung von eigentlich schon veralteten Fiat CR.42 und der moderneren Reggiane Re 2000 Falco, die sehr zögerlich im Frühjahr 1941 geliefert wurden. Bei den politischen Konstellationen in Europa war jedoch eigentlich schon damals klar: Um seine Unabhängigkeit wahren zu können, brauchte Schweden einen eigenen Jäger.

Verglichen mit anderen europäischen Ländern wie England, Frankreich oder Deutschland waren die Kapazitäten der schwedischen Luftfahrtindustrie gering. Als einziger bestehender Betrieb wäre Saab in Frage gekommen, ein leistungsfähiges Jagdflugzeug zu bauen. Doch Saab war mit seinen anderen Programmen ausgelastet. Die schwedische Regierung beauftragte deshalb 1940 den Flugzeugkonstrukteur und Offizier Bo Lundberg, die Entwicklung der J 22 zu leiten. Als organisatorischer Mantel für die Entwicklung wurde die FFVS (Flygförvaltningens Verkstad i Stockholm) gegründet. Für die spätere Endmontage wurden gerade erst am Flughafen Stockholm-Bromma errichtete Hangars der A.B. Aerotransport angemietet.

Lundberg dürfte wohl auch deshalb ausgewählt worden sein, weil er bereits ein Jägerprojekt auf sein Zeichenbrett gebracht hatte, die GP 9. Auf dieser Basis sollte die J 22 schnell zu realisieren sein. Wegen knapp gewordener Leichtmetalle - fast die gesamten Flugzeugaluminiumressourcen waren schon für Saab reserviert - musste der neue Jäger mit reichlich verfügbaren Werkstoffen auskommen, vor allem Stahl und Holz.

Im November 1940 startete die Designphase. Heraus kam eine überaus intelligente Konstruktion, die mit kompakten Maßen und einer sehr sauberen Oberfläche auf wenig Widerstand und geringes Gewicht zielte. Dies war auch notwendig, wenn der neue Jäger mit anderen 1940 verfügbaren Jagdflugzeugen mithalten können sollte. Ein limitierender Faktor war der Motor. Zur Verfügung stand nur der Pratt & Whitney R-1830 Twin Wasp beziehungsweise dessen in Schweden unter der Bezeichnung STWC-3G ohne Lizenz kopierte Zivilversion. Dieser Motor bot maximal 1065 PS Startleistung. Damit war er vergleichbar mit der Motorengeneration der Bf 109E oder auch Spitfire I und II.

Der Rumpf der J 22 bestand aus einem Stahlrohrgittergerüst, das mit formverleimten Holzpaneelen verkleidet wurde. Dabei leiteten die Holzverkleidungen über spezielle Befestigungspunkte die aerodynamischen Kräfte auf die primäre Rumpfstruktur. Einige der Verkleidungen waren abnehmbar, um eine bequeme Wartung zu ermöglichen. Hauptfahrwerk und Spornrad wurden nach hinten eingezogen. Die Fahrwerksschächte wurden komplett geschlossen, um den Widerstand des Rumpfes weiter zu minimieren.

Der Flügel baute über einen durchgehenden Stahlrohrgitterholm auf. Die als Ober- und Untergurte dienenden Stahlrohre waren verjüngt. Im Flügelwurzelbereich besaßen sie 40 mm Durchmesser und 11 mm Wandstärke, nach etwa zwei Dritteln der Spannweite nur noch 24 mm Durchmesser und 3,5 mm Wandstärke. Für die Produktion dieser Rohre, die einen leichten und Lastspitzen „abfedernden“ Flügel erlaubten, mussten eigens neue Verfahren entwickelt werden. Da der komplizierte Herstellungsprozess die technisch mögliche Länge dieser Rohre begrenzte, setzten an den Rohrholm im Außenbereich des Flügels Holmverlängerungen aus Edelstahlblech an. Die Rippen bestanden ebenfalls aus sehr dünnwandigen Stahlrohren. Wie der Rumpf erhielten auch die Flügel eine aerodynamisch saubere, formverleimte Holzbeplankung.

Bei der aerodynamischen Auslegung des Flügels orientierten sich Lundberg und sein Team möglicherweise unter anderem an deutschen Flugzeugen. Auffällig ist, dass der Flügelgrundriss der J 22 fast genau dem der frühen Bf 109 entspricht. Die Flügelfläche differiert um nicht einmal einen halben Quadratmeter. Im inneren Flügelbereich setzten die Ingenieure auf ein NACA-Profil der 23er-Serie entsprechend dem der Fw 190. Im Außenbereich ging es in ein stark modifiziertes NACA-Profil mit einer ausgeprägten Hohlnase über, die die Langsamflugeigenschaften verbesserte. So konnte man auch auf einen Vorflügel wie bei der Bf 109 verzichten.


WEITER ZU SEITE 2: Nach zwei Jahren Entwicklung flog erstmals der Prototyp

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